Über die Briten wird gern erzählt, sie seien kühl bis ans Herz, ein wenig emotional verkümmert vielleicht, aber doch von bewundernswerter Gelassenheit, nicht zuletzt in einer Krise. Die Fernsehbilder der vergangenen Tage sprechen dieser Legende Hohn.

Hunderttausende reihten sich in kilometerlange Schlangen vor den Tankstellen des Landes ein, vor den alsbald leeren Zapfsäulen gab es Prügeleien. Um ihren Sprit besorgte Autofahrer verwendeten den wertvollen Kraftstoff dafür, vor Raffinerien auf Tanklaster zu lauern und viele Kilometer hinter ihnen her zu fahren, damit sie auch wirklich ihren Tank befüllen konnten.

"Reine Panik", sagen die Regierung von Premierminister Boris Johnson und die Mineralölkonzerne übereinstimmend: Es gebe genug Benzin für alle. "Nicht sonderlich rational" findet ein Sprecher des Tankstellenverbandes jene Kunden, die, statt wie zu normalen Zeiten für durchschnittlich umgerechnet 29 Euro zu tanken, jetzt ihre Autos bis zum Rand befüllen.

In Großbritannien wird der Treibstoff knapp.
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Alle Publikumsbeschimpfung aber ist wenig hilfreich, wenn der Bevölkerung etwas Entscheidendes fehlt: Vertrauen in die Wahrhaftigkeit und Krisenkompetenz ihrer Regierung. Keine der führenden westlichen Industrienationen wurde so schwer von Covid-19 gebeutelt wie das Königreich, lange reihte sich eine Fehlentscheidung an die andere. Nicht nur in der Pandemiebekämpfung, auch auf anderen Politikfeldern werden Premier Johnson und seine Minister immer wieder bei unwahren Behauptungen erwischt. Auf das Wort des leutseligen Populisten ist kein Verlass, wie Freund und Feind zu ihrem Leidwesen haben feststellen müssen.

Versorgungsschwierigkeiten

Ein Teil der Versorgungsschwierigkeiten der vergangenen Wochen und Monate – die Benzinkrise ist nur der vorläufige Höhepunkt – geht auf die Wiederbelebung der globalen Wirtschaft nach dem Fast-Kollaps durch das Coronavirus zurück. Erhöhte Nachfrage nach bestimmten Rohstoffen und qualifizierten Arbeitskräften wie beispielsweise Lastwagenfahrern gibt es in anderen Ländern Europas auch.

Kein anderes Land aber hat sich mitten in einer längst nicht bewältigten Pandemie mutwillig zusätzlichen wirtschaftlichen Schaden zugefügt. Der harte Bruch mit der EU, den die Londoner Brexit-Ideologen durchsetzten, zeitigt jetzt die vorhergesagten Folgen. Ausgerechnet jenes Land, in dem die berufliche Bildung seit Jahrzehnten brachliegt, wies Millionen von arbeitswilligen Europäern vom Kontinent die Tür.

Bis heute verschweigen Johnson und seine Leute die auf der Hand liegenden Tatsachen: Die größte innen- und außenpolitische Umwälzung seit 50 Jahren zieht volkswirtschaftlich erhebliche Verwerfungen nach sich, die bestenfalls zeitlich begrenzt sind. Wer sachlich auf diese Folgen hinweist, wird als Brexit-Feind denunziert. Die Konservativen haben sich stets gern als pragmatisch und kompetent dargestellt. Auch das ist eine Legende. Boris Johnsons Regierung verspielt durch ideologisch motivierte Inkompetenz das Vertrauen des Landes.(Sebastian Borger, 29.9.2021)