Manche scheinen durchsetzungsstark – was man leicht mit selbstbewusst verwechseln kann –, sind aber in sozialen Situationen unsicher und haben Schwierigkeiten, mit ihren Gefühlen umzugehen.

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Eltern gehen davon aus, dass das Selbstvertrauen des Kindes über Lob gestärkt wird. Ihr Lob soll es motivierten dranzubleiben. Wenn die Tochter etwas zeichnet, sagen sie zum Beispiel: "Wow, hast du ein tolles Bild gemalt, Sonja! Das hast du wirklich wahnsinnig gut gemacht. Du bist eine richtige Künstlerin!" Vielleicht folgt dann auch noch der Nachsatz: "Das ist das schönste Bild, das ich je gesehen habe!"

Aber sind Steigerungsformen und Superlative wirklich der richtige Weg? Wie viel Lob ist gut, und wann ist es zu viel? Und wie sollten Eltern Lob formulieren?

Ein Blick auf die Ursprünge der Kindererziehung zeigt: Traditionelle Völker verzichten scheinbar schon von jeher auf das Loben als Erziehungsstrategie. "Dabei sind diese Kinder unglaublich selbstständig, selbstbewusst und respektvoll – alles, was wir uns von Lob erhoffen, haben diese Kinder bereits, auch ohne Lob", sagt die amerikanische Journalistin Michaeleen Doucleff in einem Interview. Für ihr Buch "Kindern mehr zutrauen" reiste Doucleff um die Welt, um zu dokumentieren, wie Indigene ihre Kinder erziehen.

Was Doucleff schreibt, bestätigt die psychologische Forschung. Nicht immer stärkt Lob das Selbstvertrauen – es kann sogar den gegenteiligen Effekt haben. Denn Selbstvertrauen, also die Zuversicht in seine Fähigkeiten, setzt ein realistisches Selbstbild voraus. Ein Bild von sich selbst, das neben Stärken auch Schwächen integriert. Kinder sollten also wissen, was sie gut können – aber auch, wo sie Schwierigkeiten haben. Es ist nämlich völlig okay, nicht alles besonders gut zu können.

Selbstvertrauen wird also genährt durch ein realistisches Selbstbild, eine differenzierte Eigenwahrnehmung und ein gutes Körperbild. Alle diese Fähigkeiten entwickelt das Kind "selbst", begleitet durch Erwachsene, die es so annehmen können, wie es ist.

Stolz auf sich selbst sein

Eltern können ihre Kinder gut unterstützen, indem sie sie viel ausprobieren lassen. Sie sollten sie unterschiedliche Dinge und Fähigkeiten entdecken lassen – und zwar eben selbst- und eigenständig. Dabei können die Kinder erleben, wie stolz sie auf sich selbst sein können. Mit dem Fahrrad ohne Stützräder fahren, die höchste Stufe auf dem Klettergerüst erklimmen, eine hohe Rutsche hinunterrutschen – das ist an und für sich schon sehr viel wert, da braut es nicht unbedingt das gutgemeinte Lob der Eltern. Glänzende Kinderaugen und ein stolzer Gesichtsausdruck, wenn Dinge gelungen sind, zeigen uns, dass solche Erlebnisse das Selbstbewusstsein stärken.

Heutzutage ist leider zu bemerken, dass viele Kinder gar kein realistisches Selbstbild von sich haben. Sie wissen nicht genau, was sie gut können und was vielleicht nicht so gut. Manche scheinen durchsetzungsstark – was man leicht mit selbstbewusst verwechseln kann –, sind aber in sozialen Situationen unsicher und haben Schwierigkeiten, mit ihren Gefühlen umzugehen.

Auf Spielplätzen oder in Kindergruppen lässt sich ein gewisses Konkurrenzdenken unter Eltern beobachten. Es scheint ein enormer gesellschaftlicher Druck zu bestehen, den vermeintlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Es gibt offenbar den Anspruch, dass Kinder gewisse Entwicklungsschritte schon vorzeitig erreichen sollen. Eltern sind stolz, wenn ihre Kinder schon vor den anderen sprechen, laufen, Fahrrad fahren oder schwimmen können.

Das alles soll nicht bedeuten, dass Eltern nicht stolz sein dürfen. Auch nicht, dass sie aufhören sollen, ihre Kinder zu loben. Es soll jedoch anregen, darüber nachzudenken, ob es manchmal nicht vielleicht eher darum geht, die eigene Freude über ihre Leistung auszudrücken – und wie oft und wie sie künftig loben wollen.

Wie sollten Eltern loben?

Ein Neunjähriger sagte kürzlich Folgendes: "Jedes Mal, wenn ich meinen Eltern ein Bild von mir zeige, sagen sie, wie toll das Bild aussieht und wie super ich gezeichnet habe. Ich freue mich aber darüber nicht, weil sie eigentlich einfach nur sagen, dass es ein tolles Bild ist. Ich wünsche mir, dass sie das Bild genau ansehen oder sagen, welches Detail im Bild ihnen besonders gut gefällt. Wo ich vielleicht noch üben sollte. Dann hab ich auch was davon."

Das zeigt schon, wie Lob formuliert sein sollte, damit es wirklich wohltuend ist: Es sollte ehrlich, konkret und beschreibend sein. Ehrliches Lob kann aus einer konkreten Beschreibung der Situation bestehen, also etwa: "Ich sehe, du hast hier drei Menschen und zwei Hasen gezeichnet. Ein Hase ist gelb und einer ist braun. Alle Personen haben zehn Finger. Und du hast sogar die Augenfarben eingezeichnet ... "

Anstatt Kinder in Superlativen zu bewerten ("Du bist die beste große Schwester"), sollten wir konkreter werden. "Dein Bruder lacht immer so viel, wenn du mit ihm Memory spielst. Es ist für mich eine große Hilfe, wenn du mit ihm spielst, während ich koche." Wenn einmal etwas nicht gelingt, können auch Bemühungen hervorgehoben werden wie zum Beispiel: "Ich sehe, du hast dich bemüht, die Buchstaben auf der Linie zu schreiben."

Zusammenfassend gilt also: Abwechslungsreiche Formulierungen in konkreten Situationen, altersgerechtes und individuelles Lob sowie gemeinsame Erlebnisse und die Freude am Tun sind der beste Nährboden für selbstbewusste Kinder. (Patricia Zaccarini, 1.10.2021)