Das freundliche Antlitz des Kommunismus, revisited: Elke Kahr nimmt die Leute durch ihr Engagement ein – und pfeift im Großen und Ganzen auf die marxistische Überlieferung.

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Unter den Spitzenkadern der Kommunistischen Partei Österreichs genoss Ernst Fischer (1899–1972) den zutreffenden Ruf eines Schöngeists. Bereits in jungen Jahren hatte der Grazer Offizierssohn die Bewunderung prominenter Autoren wie Stefan Zweig und Ernst Toller auf sich gezogen. Seinen kultivierten, betont leutseligen Habitus verlor Fischer auch später nicht: als er die katastrophalen Wendungen der stalinistischen Politik mit äußerster Beredsamkeit verteidigte. Um schließlich dennoch eigener Wege zu gehen.

Dabei vertrat der freundliche Kommunist die Sache der bürgerlichen Dekadenzliteratur, aus Leidenschaft, auch gegenüber notorisch verstockten Gesinnungsfreunden ("Genossen"). Im Rückblick bekannte Fischer später freimütig eine grundsätzliche Art eigenen Versagens. Er sei Politiker geworden, dabei hätte die Rolle des Dichters viel besser zu ihm gepasst.

Fischers Übersetzungen von Baudelaire- und Verlaine-Gedichten sind übrigens bis heute Spitzenerzeugnisse nachschöpferischer Kraft. Mit seinen Schriften Von der Notwendigkeit der Kunst und Kunst und Koexistenz avancierte er zu einem führenden Vertreter eines undogmatischen Marxismus.

Öffentliche Wirkung

Ernst Fischer betrieb den Kommunismus nicht als Privatangelegenheit; er beanspruchte öffentliche Wirksamkeit. Er stand im Einklang mit den Lehren des dialektischen Materialismus und blieb der "führenden Rolle" der revolutionären marxistischen Partei eingedenk.

Ihr gehörte er bis ins hohe Alter an. Auch das scheint in diesen Tagen vergessen: Die Stadt Graz erlebt heute ein nicht für möglich gehaltenes Revival der KPÖ. Plötzlich bekennen alle kleinmütig, von der Rolle der heimischen Parteimarxisten in Österreichs Nachkriegsgeschichte wenig Ahnung zu haben.

Ernst Fischer war das intellektuelle Aushängeschild der KPÖ.
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Fischer zum Beispiel, der aus Moskau heimgekehrte Emigrant, war keine marginale Gestalt. Er leitete von 1945 an über Monate das "Staatsamt" für Volksaufklärung, Unterricht und kulturelle Angelegenheiten, war also Minister. Die bei den meisten verpönte KPÖ bildete, von allen Parteien ausdrücklich erwünscht, einen festen Bestandteil der ersten provisorischen Staatsregierung unter Karl Renner.

Tausende Kommunisten hatten im Widerstand gegen die Nazis ihr Leben gelassen. Fischer hatte während des Zweiten Weltkriegs als Propagandaredner im sowjetischen Rundfunk gesprochen. Jetzt widmete er sich der "Volkserziehung". Er bewies – durchaus im Widerspruch zu einigen Sozialdemokraten – viel Langmut im Umgang mit minderbelasteten Nazis.

Verstoßung

Fischer wurde nicht nur in Entnazifizierungsfragen derjenige kommunistische Politiker mit dem größten öffentlichen Nimbus. Dieser elegante Mann, der sich mit Kollegen wie dem Philosophen György Lucács trefflich über Widerspiegelungsfragen auszutauschen verstand, bildete das menschliche Antlitz einer als moskauhörig verschrienen Partei.

Der Paukenschlag erfolgte später. Als 1968 die Warschauer-Pakt-Truppen in die tschechoslowakische Volksrepublik einmarschierten, sprach Fischer, der Ästhet, angewidert vom "Panzerkommunismus". Prompt verbannte ihn die rührige KP 1969 aus ihren ohnehin schütter gewordenen Reihen. Fischers Diktion, lautete ihre Begründung, unterscheide sich nicht mehr grundlegend von derjenigen anderer militanter Antikommunisten.

Fischers Verstoßung war in der geschlossenen Welt der Moskau-Treuen folgerichtig. Hatte die Partei einen gemeinsamen Beschluss gefasst, schien es undenkbar, dass einer der Ihren einen Millimeter von der vorgegebenen Linie abwich. Die Partei war sich selbst genug, sie bildete den "bewussten Vortrupp der Arbeiterklasse". Sie konnte sich gar nicht irren; ihr Denken und Wähnen stand ja angeblich im Einklang mit den Prinzipien des wissenschaftlichen Sozialismus.

Einheitlicher Wille

Die Partei, meint dieser, ist das unverzichtbare Organ des Weltgeistes. Sie – und niemand anderer – fasst die "Einzelaktionen der Proletarier zum gemeinsamen Kampf zusammen". Sie ist laut Ideologie die alleinige Produzentin der Arbeiterklasse: Sie "schmiedet" erst deren "einheitlichen Willen". Und sagt ihr auf gut Deutsch, was sie zu machen, und vor allem: was sie zu lassen habe.

Heute beruht die soziale Rührigkeit der Grazer KPÖ vor allem auf der Verteilung überschaubarer Summen Geldes aus einem Sozialfonds. Elke Kahrs schöner Erfolg ist hausgemacht. Mit den Prämissen einer orthodoxen marxistischen Parteilehre hat diese Form tätiger Nächstenliebe freilich wenig bis gar nichts zu tun.

Erst aus den Bewegungsgesetzen des Kapitalismus selbst – aus dem "Sich-selbst-Widersprechen" der menschlichen Verhältnisse, wie es bei Karl Marx heißt – wird die Rolle des Proletariats abgeleitet. Damit steht und fällt auch die führende Rolle der Partei. Einzig sie bestimmte während vieler Jahrzehnte, wer als "Revisionist" anzusehen war, wer als "Dogmatiker".

Ökonomisch auf Rosen gebettet

Meistens entschieden die Herren im Kreml in Stellvertretung für ihre Zweigstelle gleich selbst. Sie, die das Heimatland aller Proletarier zur zweiten Supermacht hochgerüstet hatten, besaßen in allen Belangen das letzte Wort. Als Vorwand für ihr Eingreifen diente die Kulisse des Kalten Krieges. "Sonderwege" wurden argwöhnisch betrachtet, "Eurokommunisten" in Acht und Bann getan, Abweichler von den Hütern der reinen Lehre gebrandmarkt.

Die KPÖ, obwohl in den 1960ern aus dem Nationalrat verschwunden, war aufgrund florierender Import-Export-Geschäfte mit den Warschauer-Pakt-Staaten ökonomisch auf Rosen gebettet. Ihr grundsätzliches Dilemma bestand auch nicht im Mitgliederschwund (1974 zählte die Gesinnungsgemeinschaft noch 20.000 Mitglieder).

Tatsächlich befanden sich in ihren Leitungsgremien Ex-Emigranten, die die Nazidiktatur in Großbritannien überstanden hatten. Jüdische Intellektuelle aus dem britischen Exil standen vielfach im Gegensatz zu jenen Parteiführern, die in Moskau untergekommen waren. Die Bewohner des ominösen Hotel Lux sahen sich dort vor die doppelte Mühsal gestellt, Hitlers langem Arm zu entgehen und obendrein Stalins Terror mit knapper Not zu entrinnen.

Massive Gräuel

Die antifaschistischen Lebensläufe vieler Roter wurden von der Öffentlichkeit negiert. Die Rolle der Roten Armee bei der Befreiung Österreichs blieb ungewürdigt. Die massiven Gräuel, die sich die Besatzer zuschulden kommen ließen, taten ein Übriges, um die Angst vor einer "kommunistischen Machtübernahme" zu schüren. Die KPÖ? War nichts als eine kleine dunkelrote Wagenburg im westlichen Konsummeer.

Die angeblich erwogene Teilung Österreichs in einen westlichen und einen stalinistischen Ostteil blieb unausgeführt. Der "neutrale" Riegel einer befreiten Alpenrepublik zwischen den beiden Nato-Partnern Deutschland und Italien kam den Sowjets weitaus gelegener. Und irgendwann hatten die Kommunisten in Österreich auch nichts mehr zu melden.

Viktor Matejka war ein hochgeachteter Wiener Kulturstadtrat.
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Die Kernschmelze des Weltkommunismus nach der Wende half mit, die KPÖ endgültig zu marginalisieren. Die Erinnerung an den roten Wiener Kulturstadtrat Viktor Matejka verblasste; dabei hatte dieser Ludo-Hartmann-Schüler das Erbe der urbanen Volkspädagogik überzeugend wie kein anderer vertreten.

Die letzten verbündeten Autorinnen und Künstler hatten schon davor ihr Engagement gedrosselt. Unter ihnen befanden sich Namen wie Elfriede Jelinek, Peter Turrini, Karl Paryla, Ernst Kain oder Erika Danneberg. Was nicht heißen muss, dass die Betreffenden als ordentliche Mitglieder geführt worden waren.

Dauervisum für Kafka

Beinahe zum Verschwinden gebracht ist heute auch das Andenken an Autoren wie Arthur West (1922–2000). Dieser gehörte nicht nur lange dem Politbüro der KP an, sondern verfasste darüber hinaus bemerkenswerte Spruchdichtung und machte aus dem Feuilleton des parteieigenen Presseorgans Die Volksstimme einen annähernd liberalen Kulturteil.

Um wieder von Ernst Fischer zu sprechen: Der hatte 1963 auf einer Kafka-Konferenz in der Tschechoslowakei in den Augen des moskauhörigen Establishments etwas Unerhörtes geleistet. Der Wiener Schöngeist wollte für den Prager jüdischen Dichter symbolisch ein "Dauervisum" ausgestellt wissen.

Die Idee war zu schön, um wahr zu sein: Kafkas Parabeln als Wegweiser zu einer besseren Welt, ohne Ausbeutung durch die kapitalistische "Profitgier". Das Haus des Wiener Globus-Verlages ist dann doch zu keiner marxistischen Auslegungsstätte für Kafka-Parabeln geworden.

Beschlagnahmung

Die Nachwendezeit entzog der Partei endgültig die materiellen Grundlagen. Eine KPÖ-Firma wurde 2003 – in zweiter Instanz – von der deutschen Justiz zum Besitz der SED erklärt und von der deutschen Treuhand beschlagnahmt. Während sich "Orthodoxe" mit pluralistischeren Geistern immer heftiger in die hennaroten Haare gerieten, dünnte sich die personelle Basis der heimischen Linken zusehends aus.

Der Streit über Verfahrensfragen – wie die Abhaltung von "Delegierten-" oder "Mitgliederparteitagen" – vergraulte selbst hartgesottene Sympathisanten im Nu. Trotz des ehrlichen Bemühens einiger Proponenten wie Walter Baier, die Rolle der Partei im Stalinismus zu untersuchen.

Der Sonderweg der steirischen KPÖ seit 2004 verrät indessen nur noch wenig Nähe zum verzwickten, dabei so widersprüchlichen wie reichen Kulturerbe des heimischen Nachkriegskommunismus. Die Genossen und Genossinnen südlich des Semmerings müssen daher auch keine alten Widersprüche am eigenen Leib austragen. Sie haben nicht nur keine "Leichen" im Keller; sie bestreiten rundweg die Notwendigkeit eines aus Marx und Engels zusammengezimmerten Überbaus. So etwas nennt man wohl postideologisch.

Das ewige Dilemma von autoritärem Zwang und verheißener Freiheit, es ist erst einmal ersatzlos gestrichen. (Ronald Pohl, 2.10.2021)