Der Firmensitz der Evergrande Group in Shenzhen.

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Hongkong – Der strauchelnde Immobilienriese China Evergrande steht einem Medienbericht zufolge kurz vor einem milliardenschweren Anteilsverkauf. Der Konzern wolle für mehr als fünf Milliarden Dollar 51 Prozent an seiner Immobilienmanagement-Tochter Evergrande Property Services Group an den Wettbewerber Hopson Development verkaufen, berichteten die chinesische Staatszeitung "Global Times" und der Nachrichtendienst Cailian, der zur staatlichen chinesischen Zeitung "Securities Times" gehört. Hopson und Evergrande äußerten sich dazu nicht.

Nachdem außerdem einige Anleihegläubiger mitgeteilt hatten, dass der Immobilienkonzern eine zweite wichtige Zinszahlung für Anleihen verpasst hat, wurde der Handel mit Aktien des hochverschuldeten Unternehmens am Montag ausgesetzt. Einen Grund nannte die Hongkonger Börse nicht.

Kollaps hätte womöglich weitreichende Folgen

Evergrande würde sich mit dem Beteiligungsverkauf etwas Luft verschaffen. Der zweitgrößte Immobilienentwickler Chinas ächzt unter einem Schuldenberg von mehr als 300 Milliarden Dollar und ist in Zahlungsverzug gegenüber Gläubigern, Lieferanten und Kunden geraten. In den vergangenen Tagen ließ Evergrande bereits mehrfach Fristen für die Zahlung von Anleihezinsen verstreichen. Im Oktober werden weitere 162 Millionen Dollar Zinsen fällig.

Investoren haben die Sorge, dass ein Kollaps von Evergrande weitreichende Folgen für das Finanzsystem und andere Branchen haben wird. Viele hoffen deshalb auf staatliche Unterstützung. Die Regierung in Peking hatte Staatsfirmen vergangene Woche dazu aufgefordert, Teile von Evergrande zu übernehmen, wie Reuters unter Berufung auf Insider berichtete.

Anteilsverkauf soll gegen Liquiditätsengpass wirken

Der Anteilsverkauf an der Immobilienverwaltungs-Tochter sei ein wichtiger Schritt, die Liquiditätskrise von Evergrande einzudämmen, sagte Volkswirt Gary Ng von der Bank Natixis. "Wir erwarten, dass davon noch mehr kommt." Evergrande versuche nun offenbar, Bargeld zu besorgen zur Bezahlung von Rechnungen, sagte Analyst Ezien Hoo vom Broker OCBC. "Es sieht so aus, als ob die Verwertung der Immobilienverwaltungs-Einheit noch am einfachsten ist." Hoffnungen auf einen möglichen neuen Teil-Eigentümer machten sich auch die Aktionäre der Evergrande-Tochter für Elektromobilität. Deren Aktien schossen am Montag um 29 Prozent in die Höhe.

An den globalen Börsen ging jedoch erneut die Sorge vor einem Zusammenbruch des Immobiliengiganten um. Aktienmärkte in Hongkong und Japan gaben nach, der Dax stand unter Druck und in den USA zeichnete sich eine schwächere Eröffnung ab. "Die chinesische Regierung hat immer noch wenig Einblick in das Schicksal von Evergrande, obwohl eine langsame und stetige Zerschlagung des Unternehmens im Moment der bevorzugte Weg zu sein scheint", sagte Marktanalyst Jeffrey Halley vom Online-Broker Oanda. Spätestens durch die Handelsaussetzung der Aktien von Evergrande seien die Sorgen vor einem Zusammenbruch wieder präsent geworden, sagte Jochen Stanzl, Marktanalyst von CMC Markets.

Die Aktien von Evergrande verloren seit Jahresbeginn mehr als 80 Prozent. Der Konzern kommt noch auf einen Börsenwert von fünf Milliarden. Analysten warnen im Falle einer Pleite auch vor sozialen Folgen. Evergrande beschäftigt rund 200.000 Menschen und heuert jährlich mehrere Millionen Menschen für Bauprojekte an. Im August hatten zahlreiche Anleger die Zentrale des Konzerns gestürmt und ihre angelegten Gelder zurückverlangt.

Führung in Peking warnt vor Pleite

Erst vergangene Woche hatte Evergrande eine Bankbeteiligung für zehn Milliarden Yuan (1,3 Milliarden Euro) verkauft, um sich etwas Luft zu verschaffen. Laut Presseberichten soll die chinesische Regierung Lokalregierungen dazu aufgefordert haben, sich auf ökonomische und soziale Folgen einer Pleite des Konzerns einzustellen.

Nach Angaben des "Wall Street Journal" warten im ganzen Land rund 1,4 Millionen Käufer auf den Bau oder die Fertigstellung von Evergrande-Wohnungen. Die chinesische Regierung zögert aber, dem Immobilienriesen zu Hilfe zu kommen. Eigentlich will sie für Ordnung auf dem hochspekulativen und boomenden Immobilienmarkt in China sorgen und könnte mit Evergrande ein Exempel statuieren wollen.

Die Anleger hoffen nun aber auf staatliche Unterstützung. Die chinesische Regierung hat staatseigene Unternehmen vergangene Woche dazu aufgefordert, Teile von Evergrande zu übernehmen, berichtete Reuters unter Berufung auf Insider. Die chinesische Zentralbank hatte erklärt, sie werde die Interessen der Privatanleger schützen. (Reuters, APA, 4.10.2021)