Die Zeugenaussage der ehemaligen Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen vor dem Senatsausschuss in Washington könnte einen Wendepunkt in der Geschichte des Internets bedeuten. Fast 30 Jahre lang war das Web nahezu sich selbst überlassen. 1996 wurde die "Section 230" eingeführt. Dieses Gesetz sieht vor, dass Internetanbieter nicht für die Inhalte haftbar gemacht werden können, die Dritte auf ihren Plattformen publizieren. Das war eine Art Freikarte für Google oder Facebook, die wenig später zu den größten und mächtigsten Konzernen der Welt aufsteigen sollten.

Frances Haugen bei ihrer Zeugenaussage.
Foto: AP/Angerer

Die Bosse der neuen Welt lernten schnell, wie sie ihre Werbeverkäufe steigern konnten: indem sie erst ihre Reichweite radikal ausbauen, um die Nutzer dann so lange wie möglich auf ihren Plattformen zu halten. Und nichts fesselt viele User offenbar so sehr an den Bildschirm wie Hass, Provokation und Anstachelung zur Gewalt.

Wie die Dokumente von Frances Haugen zeigen: Die Flut an Hassbotschaften und Falschnachrichten, die auf Facebook zirkulieren, ist kein Missgeschick. Die Facebook-Manager haben mit ihrem Empfehlungsalgorithmus eine Art "Zauberformel" entwickelt, mit der sie Profit über alles stellen, sogar über soziale Unruhe und Gewalt. Zum Glück gibt es mutige Menschen wie Haugen, die der Welt die Augen öffnen. Es braucht jetzt dringend staatliche Regulierung. (Richard Gutjahr, 6.10.2021)