Desmond Tutu nach seiner Covid-Impfung im Mai. Abseits davon trat er in der Öffentlichkeit kaum mehr auf, bei seinem virtuellen Geburtstagsfest werden andere zu Wort kommen.

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Selbst damit sieht sich Desmond Tutu noch konfrontiert. Kurz vor seinem 90. Geburtstag kritzelte ein Unbekannter auf ein Wandbild im Zentrum Kapstadts, auf dem das weltbekannte Konterfei des Erzbischofs zu sehen ist, das übelste rassistische Schimpfwort, das in Südafrika trotz seines Verbots noch immer ein anstößiges Dasein führt. Tutu muss sich an die Zeiten erinnert fühlen, als er in seinem Garten auf das Embryo eines Pavians stieß: Das hatten die Schergen des Apartheidstaats dort 1989 als Ausdruck ihres rassistischen Hasses an einen Baum gehängt.

Kaum ein Kirchenführer der Zeitgeschichte sah sich schlimmeren Anfeindungen als der "Arch" ausgesetzt. Dass der anglikanischen Kirche im südlichen Afrika ein schwarzer "Archbishop" vorstand, war für viele weiße Schäfchen schon eine Zumutung. Und als er dann auch noch den Befreiungskampf des "kommunistischen" ANC unterstützte, war der Erzbischof vollends zum Erzfeind geworden. Dass er nicht wie Nelson Mandela im Kerker oder wie zigtausend andere unter der Erde verschwand, war nur dem weltweiten Ruf des 1984 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Apartheidbekämpfers zu verdanken.

Kurze Euphorie

Sein unerschrockener Einsatz wurde schließlich belohnt. Nach der politischen Kehrtwende am Kap wandelte der Erzbischof erst einmal auf Wolken. In seinen Augen kam es einem Wunder gleich, dass sich seine Landsleute auf eine neue Verfassung einigten, statt sich gegenseitig umzubringen. Verzückt taufte er seine Heimat "die Regenbogennation" – doch die Euphorie währte nicht lange.

Entsetzt musste Tutu mitansehen, wie ein Präsident der einst ehrwürdigen Befreiungsbewegung Hunderttausende von HIV-Infizierten ihrem Tod überließ, während sein Nachfolger die hoffnungsvolle Regenbogennation in einen Korruptionssumpf verwandelte. "Ich warne euch: Wir werden euch genauso bekämpfen, wie wir einst das Apartheidregime bekämpft haben", suchte Tutu den "Comrades" des ANC noch ins Gewissen zu reden. Danach verstummte die moralische Instanz im Ruhestand.

Kampf für Rechte Homosexueller

Seit zehn Jahren gibt der "Arch" keine wortgewaltigen Interviews mehr, nur noch selten meldet sich das "Gewissen der Welt" in globalen Debatten zu Wort. Tutus letztes Engagement galt dem inner- und außerhalb seiner Kirche geführten Streit um die Behandlung und Rechte Homosexueller. Er werde in keinen Himmel gehen, in dem gleichgeschlechtlich Liebende nicht zugelassen seien, befand der streitbare Erzbischof: "Da gehe ich dann lieber zu diesem andern Ort." Seine Kirche untersagte ihm, seine lesbische Tochter bei deren Hochzeit zu segnen: Da verschlug es dem Erzbischof vollends die Sprache.

Auch beim virtuellen Geburtstagsfest werden andere zu Wort kommen – wie der Dalai Lama, Nelson Mandelas Witwe Graça Machel sowie die Bürgerrechtlerin und ehemalige irische Premierministerin Mary Robinson. Ihr Thema wird Tutus Lebenswerk und ihr Resümee wohl das bittere Sätzchen sein: Wir wünschten, es wäre anders gekommen. (Johannes Dieterich aus Johannesburg, 7.10.2021)