Wissensarbeiterinnen und -arbeiter sollten sich anstrengen – und nicht am eigenen Ast sägen.

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Es gibt diesen alten Witz, in dem zwei Männer auf einem Ast sitzen, an dem sie unablässig sägen. Da kommt jemand vorbei und sagt: "Lasst das lieber – sonst liegt ihr bald am Boden!" Doch die beiden Säger machen weiter, und der mitfühlende Warner geht seines Weges. Aber er kommt nicht weit, da hört er es schon: Rummmmsss! Da liegen sie nun, die unablässig am Ast Sägenden, am Boden zerstört. Erschrocken dreht sich der Mann um, will ihnen zu Hilfe eilen, und er hört noch, wie einer der beiden Säger mit letzter Kraft zu seinem Freund sagt: "Schau mal: Da kommt der Hellseher wieder."

Der tragische Witz lehrt zweierlei: Das, erstens, Menschen, die glauben, dass sie das Richtige tun, immer nur hören, was sie hören wollen. Appelle, Warnungen, sie prasseln an Menschen, die in ihren Routinen und Abläufen gefangen sind, ab wie Wassertropfen auf frischem Lack.

Und, zweitens, dass die Transformation von der alten Industriegesellschaft und ihren Routinen in eine neue Wissensgesellschaft, in der Vielfalt der Lösungsansätze an die Stelle kollektiver "Weisheiten" tritt, ein hartes Stück Arbeit wird. Zweifelsohne sägen wir in der westlichen Welt an vielen Ästen, auf denen wir sitzen, Klima, Arbeit, Innovation – sie unterscheiden sich nur durch ihre Dicke. Aber der Unfallhergang ist immer gleich: Keiner glaubt’s, bis es kracht.

Fleißgesellschaft

Dahinter steckt die Wohlstandserkrankung, Anstrengungen zu vermeiden, in Sachen Wandel nur große Sprüche zu machen, tatsächlich aber beim alten Stiefel zu bleiben. John F. Kennedy, der charismatischste US-Präsident aller Zeiten, appellierte an seine Nation angesichts des Vorsprungs der Sowjets in der Raumfahrt nicht etwa, die Komfortzonen zu verteidigen, sondern in die Offensive zu gehen. In seiner berühmten Ansprache von 1961 versprach er, bis Ende des Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond und sicher wieder zurückzubringen.

Das war angesichts des Stands der US Raumfahrt geradezu irre. Und doch, wie wir wissen, gelang es, und zwar, um Kennedys berühmte Formel aufzugreifen, "nicht weil es leicht ist, sondern weil es schwer ist". Anstrengung heißt das, Bemühung. Und zwar eine ganz bestimmte Anstrengung, die, die etwas verändern und nach vorne bringen will.

Auch die Typen, die ihren eigenen Ast absägen, strengen sich an, allerdings nicht richtig. Sie tun, was sie immer taten – "sie machen die Dinge richtig", hat es Peter Drucker gesagt, so wie es Manager tun, die Leithammel der Industriegesellschaft. Aber, so darf man mit Drucker fragen: Tun sie auch die richtigen Dinge?

Industria ist das lateinische Wort für Fleiß, die Industriegesellschaft ist also die Fleißgesellschaft. Das ist längst, in einer nur auf quantitatives Wachstum fixierten Welt, zu einem blinden Eifern geworden. Es geht nicht um Rückbau, um jenen elitären Wohlstandskinderdiskurs, den man Degrowth nennt, sondern um Umbau. Energisch nach vorn.

Handeln ist gefragt

Die Vorstellung, man müsse nun die alten Strukturen von Arbeit und Organisation, die politischen Institutionen nur auf neu, nachhaltig und klimafreundlich, Diversity und Innovation umlackieren, zeigt, wie wenig verstanden wurde, was zu tun ist. Die Anstrengungen lassen sich nicht mehr eifrig, fleißig abarbeiten. Der Ameisenstaat der Industriegesellschaft löst keine Probleme unserer Zeit.

Was zählt, ist das eigene, das persönliche Engagement. Die Bereitschaft, sich selbst und persönlich verantwortlich einzubringen und anzustrengen, sich darum zu bemühen, dass diese Welt besser wird, und zwar nicht einfach als Bekenntnis, sondern untermauert durch konkretes Tun. Transformation ist, wie das ganze Leben, eine sehr persönliche Angelegenheit, und wenn das etwas öfter etwas klarer wäre hier, dann wäre mehr Zukunftsoptimismus eigentlich ganz selbstverständlich.

Leistung, Arbeit, das ist in Zeiten der digitalen Automation ohnehin keine Frage des "Im Schweiße deines Angesichts". Wir sind Wissensarbeiterinnen und Wissensarbeiter. Die Arbeitsteiligkeit hat ein Level erreicht, dass die Fähigkeit, Komplexität zu erschließen, also Vielfalt zugänglich und nützlich zu machen, den eigentlichen Wert von Arbeit darstellt. Das ist etwas völlig anderes als Industriearbeit. Statt einheitlicher Denke braucht es persönliche Fähigkeiten. Routinearbeit ist schon lange auf dem Rückzug. Die Automatisierung durch Digitalisierung wird vollständig sein.

Warum verhält sich aber die Politik so, als ob das alles nicht real wäre? Weil ihr Geschäftsmodell ein anderes ist: die Verwaltung und Bewirtschaftung von Massen. Wo es um Gleiches geht, die Gesundheitsversorgung etwa oder die Zugänglichkeit des Bildungssystems, bräuchte es eine klare und starke Verwaltung, die das sichert. Aber Politik selbst hat die Aufgabe, ihre Macht weitgehend mit der Zivilgesellschaft zu teilen.

Keine Komfortzone

Das Mondflugprogramm der Wissensgesellschaft findet dort statt, wo sich Menschen in den Organisationen so entwickeln können, dass sie ihr Bestes geben. So einfach ist das mit der neuen Leistungsgesellschaft. Wir bemühen uns für uns selbst, damit andere das meiste davon haben. Stolz sein, etwas Eigenes, Unverwechselbares zu schaffen, nicht einfach nur ein austauschbares Rädchen im Kollektiv zu sein, das ist, was die meisten unter Respekt, Anerkennung und Achtung verstehen.

Leistung heißt, sich mit dem Kopf anzustrengen, nach Lösungen für andere zu suchen, nicht einfach draufloszuschuften. Respekt fängt beim Selbstrespekt an. Wer, wie der Autor dieser Zeilen, in der Arbeiterbewegung groß wurde, weiß natürlich, dass die Arbeitskraft, der Stolz auf die eigene Leistung etwas Grandioses ist, eine emanzipatorische und humanistische Kraft entfesseln kann, die gegen Abhängigkeiten – mentale wie materielle – wirkt. Leistung muss sich deshalb lohnen – politisch, materiell und kulturell.

Menschen tun das nicht, weil es einfach ist, leicht, sondern weil es schwer ist. Deshalb gibt es Fortschritt. Nicht um Komfortzonen zu errichten und diese Komfortzonen zu vererben. Die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts wusste, dass die Arbeitsmacht des Proletariats eine ungeheure Waffe war im Kampf für mehr Gerechtigkeit und Emanzipation.

Die Wissensarbeiterinnen und Wissensarbeiter von heute wähnen sich weiter, aber sind sie es auch? Nur dort, wo Wissensarbeit geschätzt wird – nicht kopiert und geklaut, schlecht bezahlt und unter prekären Bedingungen –, sägen wir nicht am eigenen Ast. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, was geschieht, wenn Nachdenken mehr Lebensrisiken mit sich bringt als Mitmachen. Das wird hart. Nicht leicht. Und deshalb lohnt es sich. Strengt euch an! (Wolf Lotter, 9.10.2021)