Vor fast einhundert Jahren, im März 1925, erschien in der Zeitschrift Die Fackel dieser Text:

"Aus dem Blutdunst einer Epoche, die den Heldentod als Vorwand zum Betrug an der Menschheit gebraucht hat, ist ein Raubtiergesicht aufgestiegen, ein nachsintflutliches Ungeheuer (...). Seine Züge sind die Schriftzüge einer erbarmungslosen Journalistik (...). Dieser typographische Alpdruck eines am hellen Mittag unverdrängbaren Phantoms lagert jetzt über einer Stadt, die aus der Unterwerfung durch die angestammte Presskanaille kein kulturelles Ehrgefühl mehr übrig hat (...). Da kann bloß noch der Magen reagieren, wenn den nicht der Anblick dieser täglichen Inzucht von Börse und Bordell schon gelähmt hat, dieser Kollusion von Mord, Sport und Kreuzwort, dieses illustrierte Zuhältertum der niedrigsten Instinkte, dieses Gulasch von Tanz und Pflanz (...)."
Der Urahn des modernen Krawalljournalismus mit kriminellem Geschäftsmodell: Imre Békessy.
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Es war der Beginn einer Serie von großen Polemiken des großen Polemikers, Satirikers, Moralisten Karl Kraus. Ziel war der Zeitungsgründer Imre Békessy, der in den "Roaring Twenties" in Wien ein zeitweilig überaus erfolgreiches Imperium aufgebaut hatte, das eine unnachahmliche Mischung von modernem Boulevardjournalismus, blattmacherischer Pranke und absolut zynischer Geldmacherei darstellte.

Reine und unreine Hände

Békessy selbst gab, als er in einem Ehrenbeleidigungsprozess vor Gericht stand, mit der ihm eigenen, fast entwaffnenden Chuzpe sein publizistisches Credo zum Besten: "Die Zeitung ist, was man Ihnen hier vormachen wird, meine Herren Geschworenen und hoher Gerichtshof, keine moralische Institution (...). Ich bin der Ansicht, dass Bankdirektoren und Banken keine Heiligen sind, ich bin der Meinung, dass diese Institutionen kritisiert werden können mit allen Mitteln. Ich bin auch der Meinung, dass eine Zeitung ein Geschäft ist, das auf der einen Seite mit reinen, auf der anderen Seite mit unreinen Händen geführt wird."

Békessy gilt Kulturhistorikern als der Erfinder des journalistisch geschickten, politisch gut vernetzten, aber skrupellosen und im Grunde erpresserischen und/oder bestechlichen reinen Kommerzjournalismus.

Den heutigen Betrachter kann auch noch beeindrucken, dass der Kampf des einsamen Karl Kraus gegen den mächtigen Zeitungszaren Békessy sogar noch erfolgreich war. Die Aufforderung von Kraus – "Hinaus aus Wien mit dem Schuft!" – wurde tatsächlich in die Realität umgesetzt.

Sein Gegenspieler Karl Kraus mit der "Fackel" forderte: "Hinaus aus Wien mit dem Schuft!"
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Gelegenheitsarbeiter

Imre (Emmerich) Békessy war ein Zugewanderter. Geboren 1887 in Budapest, musste er sich wegen des Bankrotts seines Vaters in sehr jungen Jahren als Gelegenheitsarbeiter durchschlagen, fand bald den Weg in den Journalismus, wurde aber unter anderem wegen erfundener Interviews immer wieder hinausgeworfen.

Als nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 in Ungarn kurzfristig die kommunistische Räterepublik unter Béla Kun herrschte, war er Pressereferent des Volkskommissariats für Unterricht. Nach der "weißen" Gegenrevolution floh er nach Wien. Dort herrschte einerseits bittere Not, andererseits eine inflationsgetriebene Spekulationsblase, als deren Nutznießer Financiers wie Camillo Castiglioni unvorstellbar reich wurden.

Békessy gründete mit dem Geld von Castiglioni zunächst die Börse, ein Blatt für die "Dienstmädchen-Hausse" an der Nachkriegsbörse. Békessys Blatt erklärte den neuen Anlegern populär die Geheimnisse des Kapitalmarkts, beeinflusste aber damit gleichzeitig die Kurse und kassierte Inserate von Banken.

Beachtliche Auflage

Darauf aufbauend gründete Békessy die Tageszeitung Die Stunde, ein modern aufgemachtes Krawallblatt, das die für das damalige Wien beachtliche Auflage von 50.000 erreichte. Dazu gibt es ein kurioses Dokument, nämlich eine "Leumundsnote" der Wiener Polizeidirektion: "Békessy, der als reich gilt, vertritt nach Äußerung weiter journalistischer Kreise in Wien in seiner journalistischen Tätigkeit eine ganz eigenartige Auffassung, die von der Wiener Journalistik als mit den Standesinteressen eines Journalisten nicht vereinbar angesehen wird. Diese Auffassung geht dahin, dass ebenso wie der Arzt oder Rechtsanwalt von seinen Klienten, bzw. Patienten für geleistete Dienste honoriert werde, auch der Journalist auf Entlohnung von Seite der Personen Anspruch erheben könne, welchen er durch Publizieren, aber auch durch Verschweigen von Mitteilungen Dienste erwiesen habe."

Die Fackel
Foto: Hans Rauscher

Dieses Treiben stieß lange bei allen Beteiligten auf Duldungsstarre. Die Politik – in Gestalt der Wiener Sozialdemokratie – unterstützte Békessy sogar (unter anderem durch Einbürgerung), da man sich ein eher linkes Massenblatt halten wollte.

"Bordellpublizistik"

"Denn nichts war (...) hemmender und abscheulicher als das Argument, mit dem der Gauner weite Kreise der sozialdemokratischen Partei infiziert hatte, (...) seine Bordellpublizistik sei so ganz in Übereinstimmung mit den großen Zielen des Proletariats", schrieb Kraus.

Erst als die Herausgeber der an gesehenen Fachzeitschrift Österreichischer Volkswirt, der Economist von damals, Békessys Methoden vor Gericht brachte, kam Bewegung in die Sache. In der Verhandlung kam neben der Inseraten-"Eintreibung" bei Banken auch das Verhältnis von Békessy zu seinem Financier Castiglioni zur Sprache, den er zwischendurch der schwersten Wirtschaftsvergehen beschuldigte.

Der Verteidiger Békessys: "Ich glaube, ausführlicher, als ich über Castiglioni geredet habe, kann man es nicht tun. Wir sagen: Ja, das alles ist wahr, nur die Summen sind zu gering angesetzt (lebhafte Heiterkeit)."

Békessy schlug in seinem Blatt "Die Stunde" zurück, unter anderem mit retuschierten Kinderfotos von Kraus (daneben, zufällig, Hitler).
Foto: Wienbibliothek

Worauf in Anspielung an die Formulierung der presserechtlichen Entgegnung dieses Bonmot Békessy in den Mund gelegt wurde: "Es ist unwahr, dass ich von Castiglioni eine Milliarde bekommen habe, wahr ist viel mehr."

Damals bürgerte sich der Begriff "Revolverjournalismus" ein. Mit dem vorgehaltenen metaphysischen Revolver wurden von den Opfern Inserate oder Schweigegelder erpresst – von Bankenkonzernen bis zu kleinen Kaffeehäusern. Einer, der in diesem Metier unterwegs war, sich aber rasch nach Berlin absetzte, war der damalige kleine Reporter Samuel Wilder, der später als Billy Wilder ein großer Hollywood-Regisseur wurde.

Im August 1926 konnte Karl Kraus die Erfolgsmeldung abgeben: "Der Schuft ist draußen." Békessy war sowohl vor dem polemischen Furor der Fackel wie vor juristischen Problemen ins Ausland geflohen. Er kehrte nach Ungarn zurück, war journalistisch tätig, eher er 1939 in die USA emigrierte. 1951, zurück in Budapest, beging er Suizid, nachdem er sich vergeblich den Kommunisten angedient hatte.

Das Prinzip Békessy war und ist nicht auf Österreich beschränkt. Allerdings hat er es in der fiebrigen Atmosphäre der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg perfektioniert. In der Verbindung von gut gemachtem Boulevardjournalismus, von Modernität und populärem Anspruch mit höchst zweifelhaften, ja kriminellen Geschäftsmethoden – da war er zweifellos ein Pionier. (Hans Rauscher, 9.10.2021)