Es war nie egal, wer in einer österreichischen Bundesregierung das Außenministerium repräsentiert – und zwar sowohl außen- wie auch innenpolitisch. Oft war der Job des Außenministers oder der Außenministerin Sprungbrett für eine noch größere Karriere – oder aber deren würdiger Höhepunkt. Und auch im Sinne parteipolitischer Strategie erwies sich der Schreibtisch am Ballhausplatz (früher) oder Minoritenplatz (seit 2005) als Schlüsselstation für so manche Karriere.

Als Außenminister arbeitete Alexander Schallenberg unter Kanzlerin Brigitte Bierlein und unter Kanzler Sebastian Kurz – nun wird er selbst Regierungschef.
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Sebastian Kurz startete in seiner Zeit als Außenminister, die von 2013 – als Nachfolger seines Mentors Michael Spindelegger – bis 2017 dauerte, so richtig durch. International wusste Kurz, der als Studienabbrecher formal keine diplomatische Berufskarriere beschreiten könnte, seine Jugend und demonstrative Unbekümmertheit geschickt für sich zu nutzen. Schnell wurde er zu Everybody's Darling, er moderierte wichtige diplomatische Konferenzen in Wien (unter anderem Krisengespräche zum Ukraine-Konflikt) und nutzte seine internationale Popularität auch fürs Punktesammeln in der Innenpolitik. Ohne die Bühne der internationalen Diplomatie hätte sich Kurz auf dem harten Pflaster in Wien und in den Bundesländern durchsetzen müssen – im "Freiraum" Außenpolitik ging das vergleichsweise leicht. 2017 wechselte Kurz direkt vom Außenministerium ins Bundeskanzleramt.

Vom Minoritenplatz an den Ballhausplatz übersiedelt jetzt auch Alexander Schallenberg – zwar ohne vorangegangene gewonnene Wahl, aber doch als jahrzehntelanger fester Bestandteil eines ÖVP-Machtzirkels, dem er allerdings erst spät auch formell beitrat. Zuerst fungierte er im Außenamt als Presse- und Kommunikationschef von Ursula Plassnik und Michael Spindelegger. Unter Außenminister Kurz bekam er 2013 einen neuen Job als Leiter der Stabsstelle für strategische außenpolitische Planung, übernahm 2016 die Leitung der Europasektion des Außenministeriums und 2018 die Leitung der EU-Koordinationssektion des Bundeskanzleramts.

In diesen drei Funktionen trat Schallenberg in der Öffentlichkeit viel weniger in Erscheinung als vorher. Das änderte sich schlagartig im Juni 2019, als er für das Kabinett von Interimskanzlerin Brigitte Bierlein nominiert wurde: als Außenminister an der Spitze seiner jahrzehntelangen beruflichen Heimat. Und nun also Bundeskanzler.

Wichtige Station im Lebenslauf

Eine signifikante Station auf dem Karriereweg bedeutete das Außenministerium auch für viele andere Politiker, aber auch für Berufsdiplomaten:

Der erste Außenminister der Zweiten Republik, Karl Gruber (ÖVP, 1945–1953), gilt im Rückspiegel der Zeitgeschichte betrachtet als entscheidend für die spätere positive Entwicklung der Südtirol-Frage zwischen Österreich und Italien. Für dessen Nachfolger Leopold Figl (ÖVP, 1953–1959) bedeutete das Amt den Höhepunkt seiner Karriere: Der vormalige erste Bundeskanzler der Zweiten Republik war als Außenminister an den Verhandlungen zum Staatsvertrag beteiligt, den er schließlich am 15. Mai 1955 für Österreich unterzeichnen und vom Balkon des Belvedere "Österreich ist frei!" ausrufen durfte.

Flankiert von Antoine Pinay (Frankreich), Wjatscheslaw Molotow (Russland), John Foster Dulles (USA) und Harold MacMillan (GB) verkündete Leopold Figl am 15. Mai 1955 (Mitte): "Österreich ist frei!"
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Für den SPÖ-Politiker Bruno Kreisky war das Amt des Außenministers (1959–1966) logische Konsequenz einer Karriere, die nach der Rückkehr aus dem Exil 1950 zunächst als Berater von Bundespräsident Theodor Körner begann und dann im Staatssekretariat des Bundeskanzleramts ihre Fortsetzung fand. Hier schuf Kreisky das Fundament seiner internationalen Reputation, die ihm später als Bundeskanzler (1970–1983) noch sehr nützlich werden sollte.

Für einen seiner Nachfolger, Kurt Waldheim, war die Etappe als Außenminister (1968–1970) zwar recht kurz, dafür aber geradezu ein Sprungbrett: Von 1972 bis 1981 war der Diplomat Uno-Generalsekretär und genoss hohes Ansehen – das bekanntlich mit seiner Kandidatur zum Bundespräsidenten 1986 und der Aufdeckung seiner NS-Vergangenheit massiv litt.

Manche Parallele

Eine gewisse Parallele im Karriereverlauf ist auch bei dem Richter und Diplomaten Rudolf Kirchschläger gegeben. Der vormalige Botschafter in Prag wurde 1970 unter Kreisky Außenminister – als Parteiloser. Kirchschläger galt stärker als seine Vorgänger als "Verbinder" zwischen politischen Fronten – eine Haltung, die ihm 1974 dabei half, Bundespräsident zu werden. Kirchschlägers Nachfolger in der Hofburg wurde 1986 dessen Vorgänger am Ballhausplatz: Waldheim.

Apropos Waldheim: Dessen Wahl zum Staatsoberhaupt war für den damaligen Außenminister Leopold Gratz (SPÖ, 1984–1986) Grund zum Rücktritt von diesem Amt. Was ihm in der Karriereentwicklung allerdings nicht schadete: Gratz – selbst in mehrere Skandale verwickelt (Lucona, Noricum) – wurde noch 1986 zum Nationalratspräsidenten gewählt, formal das zweithöchste Amt im Staat.

Einen absoluten Karrierehöhepunkt bedeutete der Job als Außenminister für Alois Mock (ÖVP, 1987–1995). Er war es, der am 27. Juni 1989 mit seinem ungarischen Amtskollegen Gyula Horn bei Sopron symbolisch den Eisernen Vorhang durchschnitt – ein Foto, das um die Welt ging und zum zeithistorischen Dokument wurde. Und Mock war es auch, der im Juni 1989 Österreichs Antrag zum EG- bzw. EU-Beitritt einreichte und 1994 die Verhandlungen erfolgreich zum Abschluss bringen konnte.

Höhepunkt einer Karriere: Alois Mock (Mi.) unterzeichnet am 24. Juni 1994 gemeinsam mit Bundeskanzler Franz Vranitzky den Beitrittsvertrag zur EU beim Gipfel in Korfu.
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Für Mocks Nachfolger Wolfgang Schüssel (ÖVP, 1995–2000) war das Außenministerium – ähnlich wie bei Kreisky – ein Sprungbrett. Auch er wurde 2000 Bundeskanzler, ohne die Wahl de facto gewonnen zu haben: Als Dritter nach der Nationalratswahl 1999 war er der Einzige, der eine mehrheitsfähige Regierung (mit der FPÖ) auf die Beine stellen konnte.

Nach den Diplomatinnen Benita Ferrero-Waldner (ÖVP, 2000–2004) und Ursula Plassnik (ÖVP 2004–2008) übernahm Michael Spindelegger das Außenamt – eine Station auf dem Weg nach oben, die 2011 zum Vizekanzler und ÖVP-Parteiobmann führte. 2013 erreichte er nicht – wie angestrebt – den ersten Platz bei der Nationalratswahl. Kurz wurde im Dezember 2013 sein Nachfolger am Minoritenplatz, im August 2014 übernahm Reinhold Mitterlehner dann die Partei.

Einfluss auf das Außenministerium behielt Kurz auch nach seinem Wechsel ins Bundeskanzleramt: Zwar wurde die Politologin Karin Kneissl (FPÖ, 2017–2019) auf einem FPÖ-Ticket Außenministerin, ihr de facto zur Seite gestellt wurde aber Kurz-Intimus Gernot Blümel, der ihr als Kanzleramtsminister unter anderem die Europa-Agenden wegnahm.

Wer wird der oder die Neue?

Mit Schallenberg kam wieder ein enger Vertrauter Kurz' als Topdiplomat zum Zug. Durch seinen Wechsel in das Bundeskanzleramt wird der Schreibtisch am Minoritenplatz wieder frei. Wer dort demnächst Platz nehmen wird?

Laut STANDARD-Informationen vom Sonntagabend hatten zuletzt zwei Diplomaten die besten Chancen: der Generalsekretär im Außenministerium, Peter Launsky, und der Botschafter bei der EU in Brüssel, Nikolaus Marschik. Zuvor kursierten auch die Namen von Europa- und Verfassungsministerin Karoline Edtstadler sowie jener des Botschafters in Paris, Michael Linhart. Erschwert wird die Suche dem Vernehmen nach durch Schallenbergs Wunsch, sich auch künftig um Europa zu kümmern. (Gianluca Wallisch, 10.10.2021)