Unter Dreijährige bleiben aus Kindergärten oder -gruppen oft ausgesperrt.

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Wien – 2017 noch von Sebastian Kurz ausgebremst, erschallt nun der Ruf nach einem deutlichen Ausbau der ganztägigen Kinderbetreuung. Um Familie und Beruf besser vereinbar zu machen und Elementarbildung zu stärken, fordern Sozialpartner und Industriellenvereinigung einen Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz bereits ab dem ersten Geburtstag des Kindes.

Der Platz soll qualitativ hochwertig, ganztägig und ganzjährig verfügbar und leistbar sein, der Rechtsanspruch in zwei Etappen eingeführt werden: Ab Herbst 2023 soll er ab dem zweiten Geburtstag gelten, ab Herbst 2025 ab dem ersten Geburtstag. Das sieht der Fünf-Punkte-Plan der Sozialpartner vor, der am Montag in der Wirtschaftskammer von Vertreterinnen von Wirtschaftskammer, Arbeiterkammer, Landwirtschaftskammer, Gewerkschaftsbund und Industriellenvereinigung präsentiert wurde.

Nur jedes dritte Kind hat Platz

Derzeit liege die Betreuungsquote der unter Dreijährigen in Österreich bei 27,6 Prozent, sagte Wirtschaftskammer-Vizepräsidentin Martha Schultz. "Das Angebot soll flächendeckend sein, also vom Neusiedler See bis zum Bodensee." Für Tourismusbeschäftigte wäre es auch wichtig, dass die Kindergärten während der Ferienzeit nicht geschlossen sind, betonte die selbst als Tourismusunternehmerin tätige Schultz.

Es fehlt an Pädagogen und Pädagoginnen für die Kleinsten.
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Um das "Barcelona-Ziel" der EU zu erreichen, das eine Betreuungsquote von 33 Prozent vorsieht, würden 10.000 Betreuungsplätze fehlen, rechnete die Infineon-Österreich-Chefin und Vizepräsidentin der Industriellenvereinigung (IV), Sabine Herlitschka, vor. Es fehlten 10.000 Plätze, um wenigstens 30 Prozent der 330.000 unter Dreijährigen in Österreich mit einem Angebot versorgen zu können. Für die Bekämpfung des Fachkräftemangels sei die Kinderbetreuung ein entscheidender Faktor, um mehr Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erreichen, das würden alle Studien belegen.

Bis zum Bauernhof

Darüber hinaus brauche es im ländlichen Raum flankierende Maßnahmen, um Lücken in der Kinderbetreuung zu schließen, sagte die Vizepräsidentin der Landwirtschaftskammer Steiermark, Maria Pein. Von Gemeindekooperationen über Tageseltern bis zur Betreuung auf dem Bauernhof – alle Register müssten gezogen werden. Denn auch wegen fehlender Kinderbetreuung wanderten mehr junge Frauen von ländlichen Regionen ab als Männer.

Um den Ländern und Gemeinden genug Zeit für die Ausbildung der fehlenden Pädagoginnen und Pädagogen zu geben, schlagen die Sozialpartnerinnen die Umsetzung in zwei Etappen vor. Ab Herbst 2023 sollten alle Kinder ab zwei Jahren einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz bekommen, skizziert ÖGB-Vizepräsidentin Korinna Schumann den Stufenplan. Ab Herbst 2025 sollte dann für alle Kinder ab dem ersten Geburtstag vorgesorgt sein.

Pädagoginnen fehlen

Was noch fehlt: Elementarpädagoginnen und -pädagogen, und zwar bis 2023 rund 3.000 zusätzlich, sagt Herlitschka. Bis 2025 seien es noch einmal 4.600 zusätzlich, ausgebildet nach einheitlichen Qualitätskriterien. Mittelfristig sei der Umbau des Ausbildungssystems mit einem Abschluss für Elementarpädagogik auf tertiärem Niveau (also Universität oder Fachhochschule) unumgänglich. Gefordert wurde einmal mehr die Einrichtung eines öffentlich finanzierten Bachelorstudiums bis 2023.

Österreich müsse bei den Ausgaben für Elementarpädagogik unbedingt bis 2025 auf den EU-Durchschnitt von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts aufschließen, sagte AK-Präsidentin Renate Anderl. Laut einer aktuellen Studie von Eco Austria würde die Erhöhung der Betreuungsquote um 20 Prozentpunkte pro Jahr knapp 900 Millionen Euro kosten. Gleichzeitig gäbe es rund 570 Millionen Euro an direkten Rückflüssen über öffentliche Abgaben sowie mehr als 800 Millionen Euro an zusätzlichen Konsumausgaben. Binnen kürzester Zeit würden mehr als zwei Drittel der Kosten über Steuereinnahmen refinanziert, rechnete Schultz vor.

Die SPÖ-Frauen erneuerten ihren Ruf nach ganztägiger Kinderbetreuung. "Die Kinderbetreuungsmilliarde muss es endlich geben", sagte SPÖ-Frauenvorsitzende Eva-Maria Holzleitner laut Aussendung. Gewerkschaften und Betriebsräte der privaten Kindergarten-Trägerorganisationen haben für Dienstag Betriebsversammlungen und Kundgebungen angekündigt, sie fordern bessere Arbeitsbedingungen. (ung, APA, 11.10.2021)