Offiziell folgte der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, Eric de Moulins-Beaufort, einer "Einladung" ins Innenministerium. Die Pariser Medien sprechen aber von "Vorladung" – und das ist mehr als eine Nuance. Der Bischof von Reims hatte gar keine Wahl, als am Dienstagnachmittag bei Innenminister Gérald Darmanin anzutraben, um sich die republikanischen Leviten lesen zu lassen.

Moulins-Beaufort hatte in einem Interview erklärt, die priesterliche Schweigepflicht im Beichtstuhl bleibe in jedem Fall aktuell – und vor allem stehe sie über dem republikanischen Recht. Konkret ging es um die Frage, ob ein Beichtvater einen bekennenden Verbrecher – etwa einen pädophilen Priester – bei der Polizei anzeigen müsste. Vor einer Woche hatte eine unabhängige Untersuchungskommission erschreckende Zahlen vorgelegt: Rund 3.000 Priester und kirchliche Laien sollen in den letzten 70 Jahren in Frankreich nicht weniger als 330.000 Minderjährige sexuell missbraucht haben.

Eric de Moulins-Beaufort stellt das Beichtgeheimnis über das Recht.
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Beichtgeheimnis

Zur Abhilfe regte die Kommission an, das Beichtgeheimnis zu reformieren. Moulins-Beaufort hält aber daran der fest: Es erlaube Opfern, einen Ort des Vertrauens zu finden, wo sie einen ersten Schritt hin zu einer Anzeige unternehmen könnten.

Ob das zutrifft oder nicht: Der oberste Bischof Frankreichs missachtete sträflich das politische Umfeld, als er erklärte, das kanonische Recht stehe über der Republik. Die Aussage erinnerte unweigerlich an die Islamdebatte oder zumindest an die Behauptung radikaler Imame, die islamische Scharia stehe über dem französischen Recht.

"Dinge klären"

Die Regierung ließ die Äußerung des Erzbischofs nicht durchgehen. Nach dem Treffen mit dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz erklärte Darmanin vor der Nationalversammlung, er habe ihm in einem "langen und fruchtbaren Gespräch" klargemacht, dass "es kein Gesetz über demjenigen der Republik" gebe. Das gelte für alle Religionen.

Damit nicht genug, geraten die Kirchenoberen auch intern unter Beschuss. Messgänger reagierten am vergangenen Sonntag erbost, als sie bei der Messe zu Spenden für die Missbrauchsopfer angehalten wurden. Das sei nicht Sache der Kirchenbasis, die unter dem Missbrauchsskandal leide, sondern des Klerus, lautete der Tenor. Die Bischofskonferenz hatte vergangene Woche einen Gesamtbetrag von fünf Millionen Euro ins Spiel gebracht; Opferanwälte erachten dagegen eher fünf Milliarden für angebracht – tausendmal mehr. Moulins-Beaufort gab zu bedenken, dass die katholische Kirche defizitär wirtschafte; seit der Revolution von 1789 sei sie nicht mehr Eigentümerin der Gotteshäuser und verfüge kaum über andere Aktiva.

"Einzige ehrenwerte Lösung"

Progressive Kirchenkreise verlangen in einer Petition zudem personelle Konsequenzen. "Angesichts des Versagens ist die Demission der Bischöfe die einzige ehrenwerte Lösung", heißt es in der Eingabe, die in wenigen Tagen mehrere tausend Unterschriften auf sich vereinigt hat. Lanciert hat sie die Theologin Anne Soupa, die vor gut einem Jahr – symbolisch – als Erzbischöfin von Lyon kandidiert hatte. In der Rhonestadt war Vorgänger Philippe Barbarin 2020 zurückgetreten, nachdem er davon abgesehen hatte, einen pädophilen Priester anzuzeigen.

Zwei weitere Initiatoren sind François Devaux, ehemaliger Vorsteher des Opferverbands La Parole libérée (Das befreite Wort), und Christine Pedotti, Chefredakteurin der Zeitschrift "Témoignage chrétien" (Christliches Zeugnis). Die Petitionäre fordern Papst Franziskus auf, anstelle der Bischofskonferenz einen Legaten für Frankreich zu ernennen. In Chile seien die Bischöfe nach einem Missbrauchsskandal auch geschlossen zurückgetreten, und in Deutschland habe Kardinal Marx seine Demission angeboten.

In Frankreich hat die katholische Kirche – die sich historisch als "älteste Tochter der Kirche" sieht – trotz der Trennung von Kirche und Staat noch viel Einfluss. Das jahrzehntelange Wegschauen gegenüber der "systemischen Pädokriminalität" (so der Untersuchungsbericht) dürfte die Absetzbewegung aus der Kirche aber weiter verstärken. Zu diesem Schluss kommt auch Macron, der sich seit langem um die katholische Wählerschaft bemüht. Mit der Vorladung des höchsten Hierarchievertreters ins Innenministerium bezieht er nun klar Stellung gegen die Bischöfe. Auch über die Petitionäre hinaus werden Stimmen laut, die französische Kirche müsse sich von Grund auf erneuern – und bei der für 2023 angekündigten Synode in Rom mit klaren und mutigen Forderungen für die Erneuerung der Kirche antreten. (Stefan Brändle aus Paris, 12.10.2021)