Schwarze Feuertreppen stechen aus der Fassade aus rotem Klinker hervor. Hinter dem zweistöckigen Reihenhaus ragt ein Wolkenkratzer empor. Die Sonne verschwindet hinter dem verglasten Hochhaus, das am Wasser gebaut ist. Was beim ersten Lesen die Erinnerungen an den Blick von Brooklyn hinüber nach Manhattan weckt, ist in Wahrheit eine Szene aus Rotterdam. Denn die Parallelen sind frappierend.

Die Skyline von Rotterdam ist imposant; vor allem das dreiteilige De Rotterdam vom Office for Metropolitan Architecture. Jedes hohe Gebäude wirft aber auch einen Schatten.
Foto: Getty Images

Das "Manhattan an der Maas", wie die Stadt auch genannt wird, ist der wohl interessanteste Platz für moderne Architektur in den Niederlanden. Wer europaweit baut, will auch hier bauen. Wer von der TU Delft kommt, will seine neu erlernten Fähigkeiten hier unter Beweis stellen. Denn im Gegensatz zur Hauptstadt Amsterdam verfolgt Rotterdam einen anderen Ansatz: neu statt alt, hoch statt flach.

Das war und ist kein freiwilliger Schritt. 1940 bombardierte die deutsche Luftwaffe die Stadt Rotterdam im sogenannten "Rotterdam Blitz". 13 Minuten dauerte das Manöver, das die Altstadt und den Hafen fast vollständig zerstörte. 814 Menschen verloren ihr Leben – entweder durch die direkten Einschläge oder den Brand danach. Die niederländische Regierung kapitulierte in der Folge, nach der Enttrümmerung glich die Stadt einem abgeernteten Getreidefeld. Tabula rasa, eine glatt geschabte Tafel.

Die Lage an der Maas, die direkt in den Ärmelkanal führt, hilft der Stadt dabei, rasch wieder an Bedeutung zu gewinnen, und der Schicksalsschlag erlaubt eine völlige Neuorientierung. Diese beginnt in den 1980ern revolutionär zu werden, indem man sich dafür entscheidet, vor allem im Zentrum die klassisch niederländische Architektur zu verwerfen und jungen, aufstrebenden Architektinnen und Architekten Platz für ihre Prachtbauten zu lassen. Willkommen im Hafen der hohen Häuser.

Das CasaNova (rechts) entsteht gerade, mit The Muse (Mitte) haben Barcode Architects bereits das erste Ausrufezeichen gesetzt.
Foto: Barcode Architects

Ein Beispiel dafür ist das entstehende CasaNova am Wijnhaven im Maritim-Distrikt. Im neuen Zentrum Rotterdams entsteht dieser 110 Meter hohe Wohnturm. Es ist das zweite Projekt von Barcode Architects in der Umgebung – erst kürzlich ist The Muse, der Wohnturm direkt daneben, fertig geworden. Sie unterscheiden sich in ihrer Architektur grundsätzlich. CasaNova ist ein dreieckiger Turm mit einer Fassade, bei der jede Fliese von Hand bearbeitet wird; The Muse hingegen ein rechteckiger Turm, dessen Betonbalkone versetzt angebracht sind, um der Monotonie zu entgehen.

Ausnahmsweise Holz

Beim CasaNova war angedacht, die unteren Geschoße mit großzügigen Balkonen und Terrassen auszustatten. "Der Lichteinfall hat uns allerdings nicht gefallen, also haben wir unten etwas weggenommen und es oben wieder draufgepackt", sagt Architektin Caro van de Venne. Steht man im achten Stock, blickt man durch ein schräges Fenster auf den Hof. Vor fallenden Küchenresten wird (noch) nicht gewarnt.

Hier geht es tief runter.
Foto: Pollerhof

Was man im Hinterkopf behalten sollte: In den Niederlanden zu bauen ist nicht einfach. Denn der Boden trägt in der Regel kein Haus, das höher als zwei Stockwerke ist. Die Lösung: Pfähle, die so weit in die Erde gerammt werden, dass sie eine Bodenschicht erreichen, die standfest genug ist. Je nachdem, wie hoch der Turm ist, können diese Pfähle gut und gerne 60 Meter lang sein.

Ein Gebiet, das dieselbe Entwicklung durchmacht, ist das Lloydkwartier, etwas weiter Richtung Meer. Auf dem Kai des Schiehavens, auf dem früher ein Elektrizitätswerk stand, entsteht gerade eine Mischung aus Wohnen und Arbeiten. Teile des ehemaligen Werks sind in Büros umgewandelt worden, die Lagerhalle daneben in Wohnungen – die Laderampen gibt es immer noch, sie dienen heute als Balkone.

Das Projekt Sawa aus dem Hause Mei Architekten ist ausnahmsweise ein niederländischer Holzbau – sonst wird viel mit Beton gearbeitet.
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Das neueste Projekt ist das Sawa, ein Terrassenhaus in Holzbauweise mit 109 Wohneinheiten (50 Miet- und 59 Eigentumswohnungen). Die Pläne stammen aus dem Hause Mei Architekten. Sawa soll neben den freifinanzierten Wohnungen auch "bezahlbaren" Wohnraum enthalten.

Wartezeit von 5,5 Jahren

Das ist nicht selbstverständlich in Rotterdam. Denn der Staat zog sich in den 1990er-Jahren immer weiter aus der Finanzierung des gemeinnützigen Sektors zurück. Die rund 700 gemeinnützigen Wohnungsunternehmen der Niederlande sind also der letzte Anker, um bezahlbaren Wohnraum zu gewährleisten. Das funktioniert nur marginal.

Der Wohnungsfehlbestand wird derzeit auf 330.000 geschätzt, 2025 sollen es 420.000 sein. Rund 29 Prozent der Wohnungen in den Niederlanden sind gemeinnützige Mietwohnungen. Zu wenig, wie sich zeigt: Im Durchschnitt wartet ein Haushalt 5,5 Jahre auf eine leistbare Wohnung.

Ein Positivbeispiel ist das Viertel Katendrecht südlich der Maas. Hier gibt es eine Sozialwohnungssiedlung direkt am Wasser, die leistbares Wohnen mit Grünflächen bietet.

Eine Sozialwohnungssiedlung in Katendrecht.
Foto: Pollerhof

Wie lange noch, das ist jedoch die Frage. Der Masterplan für den Rijnhaven, an den Katendrecht grenzt, steht schon. Es wird eine Wolkenkratzer-Skyline werden. Die wenigsten Wohnungen davon werden bezahlbar sein.

Die Markthalle sieht nicht nur toll aus, außen und innen, sie bietet auch noch allerlei kulinarische Highlights für Touristen und Einheimische.
Foto: imago

So steht Rotterdam vor einer schwierigen Aufgabe. Auf der einen Seite sorgen Monumente wie die neue Markthalle oder die Erasmus-Brücke dafür, dass die Stadt architektonisch beeindruckend ist. Auch die Kubushäuser aus der Feder von Architekt Peter Blom sind ein Hingucker. Die würfelförmigen und auf dem Eck stehenden Körper sind eine der großen Attraktionen der Hafenstadt. Gleichzeitig läuft man Gefahr, den bezahlbaren Wohnraum zu vernachlässigen und in eine Krise zu schlittern. Ein Mittelweg scheint nicht zu funktionieren.

Wenn das Wasser kommt

Und da ist das Thema Klimawandel noch gar nicht angesprochen. Gut die Hälfte der Gesamtfläche der Niederlande liegt weniger als einen Meter über dem Meeresspiegel, rund ein Viertel sogar darunter. Städte wie Rotterdam müssen in den kommenden Jahrzehnten darum bangen, sich sprichwörtlich über Wasser halten zu können.

Einen ersten Versuch dafür hat das Architekturbüro Powerhouse Company unternommen, indem es ein schwimmendes Bürogebäude aus Holz konzipiert hat. Bei den restlichen großen Bauvorhaben (ausgenommen dem Sawa) setzt man aber eher auf günstige Betonkonstruktionen.

Ein schwimmendes Bürogebäude, aus der Feder der Powerhouse Company.
Foto: Pollerhof

Rotterdam übernimmt also auch die schlechten Seiten New Yorks. Bezahlbarer Wohnraum ist schwer zu finden, soziale Durchmischung sowieso. Die Reichen leben im Zentrum, die Armen müssen draußen bleiben. Manhattan ist und bleibt eine exklusive Gegend. Ob nun am Hudson oder an der Maas. (Thorben Pollerhof, 16.10.2021)