Männliche Figuren in männlichen Berufen: Lego stand in der Vergangenheit häufig in der Kritik, Geschlechtsstereotype zu verstärken.

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Es gibt die Lego-Figuren in fast allen Variationen: als Ritter, Piraten, Polizisten, Bauarbeiter, Mechaniker oder Astronauten. Nur Polizistinnen, Bauarbeiterinnen oder Astronautinnen kommen eher selten vor. Auch die Spieler sind meist männlich: 90 Prozent des gesamten Legos geht an Buben, das haben Untersuchungen des Unternehmens vor einigen Jahren ergeben. Um auch Mädchen anzusprechen, führte Lego 2012 die "Lego Friends" ein, mit Miniatur-Umkleidekabinen, Haarsalons, Make-up-Studios und Barbie-ähnlichen Figuren – und fing sich die Kritik von hunderten Genderforscherinnen, Kinderpsychologinnen und Eltern ein. Der Vorwurf: Das Spielzeug produziere und verstärke Geschlechtsstereotype.

Nun will es Lego richtig machen, will Stereotype bei Spielsachen reduzieren, mehr weibliche Figuren bauen und Produkte nicht mehr als "für Buben" oder "für Mädchen" kennzeichnen, lautete kürzlich die Ankündigung. Eine Studie, die von Lego in Auftrag gegeben wurde und bei der 7000 Eltern und Kinder in sieben Ländern befragt wurden, hatte zuvor ergeben, dass Buben viermal so häufig Spiele besaßen, die etwas mit Programmieren zu tun hatten, während Mädchen eher lernten, zu tanzen, zu kochen, oder "sich schön anzuziehen".

Mädchen- und Bubenspielsachen

Diese Unterscheidung findet sich nicht nur bei Lego, sondern bei Spielzeug generell. "Mädchenspielsachen" sind rosa oder pink, Einhörner, Barbies oder Prinzessinnen, "Bubenspielsachen" stattdessen Autos, Bagger oder Soldaten. Laut einer vor einigen Jahren erschienenen Studie der kalifornischen Soziologin Elisabeth Sweet ist Spielzeug heute weitaus geschlechtsspezifischer als noch vor 50 Jahren. Auch die Aufteilung des Spielzeugs in Rosa und Blau habe erst in jüngerer Zeit so wirklich an Fahrt aufgenommen.

Verantwortlich dafür sind nicht immer nur die Eltern. Laut einer Studie von Wissenschafterinnen der University of London, bei der Forschungen der vergangenen 85 Jahre zu dem Thema ausgewertet wurden, sind die unterschiedlichen Spielzeugvorlieben "das Ergebnis von angeborenen und sozialen Faktoren". Die genetische Veranlagung, wonach Buben eher auf Fahrzeuge und Mädchen eher auf Puppen stehen, sei jedoch sehr mild. Gewaltig verstärkt würden die Grundvorlieben von den Medien, der Werbung, gesellschaftlichen Rollenbildern und der Spielzeugindustrie. Zudem gebe es besonders zwischen Drei- bis Fünfjährigen einen starken Konformitätsdruck, das "richtige" Spielzeug zu benutzen. Vor allem unter Buben ist die Angst groß, ausgelacht zu werden, wenn sie mit "Mädchenspielsachen" spielen, heißt es auch in der erwähnten Lego-Studie.

Soziale Fähigkeiten lernen

Mit welchem Spielzeug Kinder spielen, hat Auswirkungen auf deren Entwicklung. "Spielzeug wird häufig im Rollenspiel verwendet, bei dem Erlebtes reproduziert und verarbeitet wird und soziale Kompetenzen erlernt werden", sagt Monika Fraisl, Kinder- und Jugendpsychologin in Wien. Für dieses Rollenspiel brauche es jedoch nicht unbedingt Figuren, es genügten auch sogenannte Platzhalter wie etwa Spielzeugautos, an denen Fürsorge geübt werde, indem sie im Spiel etwa zum Mechaniker gebracht würden.

Seien Spielzeuge sehr entlang von Geschlechterrollen ausgelegt, könne das Kinder daran hindern, ihre vollen Potenziale auszuschöpfen, schreiben Psychologinnen wie Judith Owen Blakemore von der Indiana University in den USA. Mädchen würden etwa lernen, mehr auf ihr Äußeres zu achten, während für Buben eher Kampf und das Sich-Beweisen im Vordergrund stehen. Dadurch fehlen den Kindern möglicherweise später Fähigkeiten, die sie für die Arbeit oder das soziale Umfeld benötigen.

Frage der Vermarktung

Besser wäre laut der Expertin geschlechtsneutrales Spielzeug. Also wieder zurück zu Steinen und Sand? Nicht unbedingt. Denn welches Spielzeug "für Buben" und welches "für Mädchen" sei, sei nicht nur eine Frage des Aussehens, sondern auch eine der Vermarktung. Immerhin seien es gerade die Spielehersteller selbst, die Spielzeug nach Geschlechtern getrennt bewürben.

In Kalifornien wurde deshalb vor wenigen Tagen ein Gesetz beschlossen, wonach größere Geschäfte neben einer Spielzeugabteilung für Mädchen und einer für Buben auch eine "geschlechtsneutrale" Abteilung haben müssen. Dort müsse es künftig ein "ausreichend großes Angebot" an Spielzeug geben, egal ob dieses normalerweise für ein bestimmtes Geschlecht beworben wird. Damit sollen männliche und weibliche Stereotype reduziert werden, heißt es von der Regierung.

"Wenige, einfache Spielsachen können mitunter Kreativität und Fantasie mehr fördern als ein übermäßig gefülltes Kinderzimmer", sagt Fraisl. Wie gut Spielsachen seien, müsse man von Produkt zu Produkt beurteilen. Vielleicht reichen auch beim Lego statt der Figuren manchmal schon die Bauklötze. (Jakob Pallinger, 15.10.2021)