Den Energiehunger will Frankreich auch mithilfe der Atomindustrie stillen – das sei für das Klima und die Brieftasche der Bürger gut.

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Vor gut einem Jahr nahm Emmanuel Macron das 42 Jahre alte, direkt am Rhein gelegene Atomkraftwerk Fessenheim vom Netz. Die Stilllegung von zwei der ältesten Reaktoren war ein Geschenk an die Grünen – und sie sahen darin folgerichtig den Anfang vom französischen Atomausstieg.

Zumindest vom halben: Macron hatte im Wahlkampf 2017 die Energiepolitik seines sozialistischen Vorgängers François Hollande bekräftigt und verkündet, der Anteil der Atomkraft an der Energieproduktion sollte von heute 70 Prozent bis 2035 auf 50 Prozent sinken. Die andere Hälfte soll aus erneuerbaren Energien gespeist und Frankreichs Stromproduktion in vierzehn Jahren klimaneutral werden.

Windstille

Allerdings nur in der Theorie. Lokal gibt es auch in Frankreich Widerstand gegen Windparks. Bis heute ist landesweit keine einzige Offshore-Windanlage in Betrieb. Fessenheim dürfte zudem ein Einzelfall bleiben: Unter den 56 französischen Reaktoren – sie bilden den größten AKW-Park Europas – ist vorerst keine weitere Abschaltung geplant.

Im Gegenteil. Die Laufzeit der teils mehr als 40 Jahre alten Meiler soll in Bälde auf 50 Jahre verlängert werden. Dabei müsste laut der Umweltorganisation Greenpeace mehr als ein Dutzend Meiler stillgelegt werden, um den Atomstromanteil auf 50 Prozent zu senken – ohne jede Laufzeitverlängerung.

Milliarde für die Unabhängigkeit

Vorige Woche hat Macron jedoch neue Investitionen in die Nuklearindustrie angekündigt. Im Rahmen eines nationalen Plans für die technologische und industrielle Unabhängigkeit von außen stellt der Präsident eine Milliarde Euro bereit. Das Geld ist seit Jahrzehnten die erste größere Investition Frankreich in die Kernenergie. Es soll der Entwicklung von Mini-AKWs dienen.

Diese sogenannten Small Modular Reactors (SMR) dürften eine Kapazität von 170 Megawatt aufweisen, etwa achtmal weniger als ein herkömmlicher Kernreaktor. So sieht es jedenfalls das Projekt Nuward des staatlichen Stromkonzerns Electricité de France vor. Er dürfte den Hauptteil der Forschungsmilliarde erhalten.

Milliarden für Wasserstoff

Die Atomindustrie wird indirekt von weiteren Forschungsmilliarden – Details sind nicht bekannt – profitieren, die Macron in die Entwicklung der Wasserstofftechnologie steckt. Sie werden in Frankreich zweifellos in erster Linie mit Atomstrom gespeist werden. Macron erklärte, Frankreich habe das "Glück", über eine entwickelte Nuklearbranche zu verfügen. Während andere Länder noch auf klimaschädliche Kohle setzen müssten – ein Wink an die Deutschen –, stelle Frankreich klimafreundliche Atomkraft her.

Die französischen Grünen applaudieren allerdings nicht. Ihr Abgeordneter Matthieu Orphelin erklärte, Macrons Ankündigungen klängen nach den 1970er-Jahren. In Wahrheit müsse die Regierung in Paris so viel Geld in die heimische Atomindustrie stecken, weil sie international nicht mehr mithalten könne. Das zeige wohl der "Reinfall" des neuartigen Druckwasserreaktors EPR, ätzte Orphelin.

Teurer und mit Verspätung

Das einzige in Frankreich in Bau befindliche EPR-Exemplar in Flamanville in der Normandie häuft in der Tat mehrjährige Verzögerungen und milliardenschwere Kostenüberschreitungen an. Das ist kein Ruhmesblatt für die französischen Nuklearingenieure, die zwischen 1970 und 2000 serienweise Reaktoren bauten, seither aber keine Projekte mehr zu entwickeln hatten – und an Know-how und Übung einbüßten.

Macrons Milliarde für SMR soll mithelfen, den Rückstand gegenüber Kleinreaktoren in Russland, China oder den USA wettzumachen. Offenbar auch in militärischer Hinsicht: An Nuward beteiligt ist die französische Schiffswerft Naval Group, deren U-Boote für Australien in den Schlagzeilen stehen.

Es ist Wahlkampf

Die Ankündigung des hyperaktiven Staatschefs erfolgt nicht zufällig ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl. Wie andernorts auch, wogt in Frankreich die Debatte über steigende Gas-, Strom- und Benzinpreise. Macron erinnert sich bestens an die Krise der Gelbwesten, die wegen einer Ökosteuer auf Benzin auf die Straße gegangen waren.

Mit der Atomkraft fördert er einen vergleichsweise günstigen Energieträger. Ein halbes Jahr vor der Wahl zeigt der Staatschef, dass er sowohl an das Klima als auch die Brieftasche der Bürger denkt.

Dass die SMR-Reaktoren zwar weniger, aber immer noch radioaktiven Abfall produzieren, überging Macron geflissentlich. Dabei gäbe es ein Kernkraftprojekt, das weitgehend abfallfrei arbeitet: den Versuchsreaktor Iter in Südfrankreich, der statt auf Kernspaltung auf -schmelze setzt. Diese Technologie ist kommerziell nicht so bald ausbeutbar. Das dürfte der Grund sein, warum die Industrie noch nicht auf Iter setzt. Man muss sagen: leider. (Stefan Brändle aus Paris, 18.10.2021)