Eine irakische Familie nahe dem ostpolnischen Hajnówka, umringt von Grenzbeamten. Wie es von hier aus weitergeht, ist ungewiss.

Foto: Reuters / Kacper Pempel

Es ist vier Uhr früh. Ein Hund bellt in der Ferne, sonst ist es still. Die Temperaturen liegen knapp über dem Gefrierpunkt, die Luft ist feucht. Am Rande eines Feldes, hinter der Böschung, kauern Neda und Abuzar. Seit drei Tagen harrt das iranische Ehepaar in den polnischen Wäldern nahe der Grenze zu Belarus aus. Als Aktivisten sie kurz zuvor hier auffanden, weinten beide. Neda und Abuzar, in ihren Dreißigern, haben Angst. Was mit ihnen als Nächstes geschieht, kann ihnen niemand sagen.

Vor knapp zwei Wochen haben sie sich auf eine Reise begeben, die sie ohne Strapazen nach Deutschland bringen sollte. Was mit einem Abflug voller Hoffnungen begann, wurde nach der Landung in Minsk zum Albtraum. "Belarussische Soldaten nahmen all unser Geld, um uns Essen und Coupons zu bringen, mit denen wir unsere SIM-Karten aufladen könnten. Aber sie brachten uns nichts", sagt Abuzar. "In der Nacht brachten sie uns an die Grenze."

Migranten als Druckmittel

Seit August wird über Iraker, Syrer, Iraner, Afghanen oder Jemeniten berichtet, die von belarussischen Behörden nach Minsk gelockt und an die EU-Außengrenze mit Polen und Litauen transportiert werden. Jetzt spitzt sich die Lage zu. Die Zahl der Todesfälle wird steigen, wenn die Belarussen weiter Menschen auf diese Route holen – und wenn die polnische Seite sie weiterhin zurückdrängt. Am Donnerstag fanden Aktivisten die Leiche eines 24-jährigen Syrers. Es ist der siebente bestätigte Todesfall.

Die EU wirft dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko vor, den Migrationsdruck auf Europa zu erhöhen, um sich für die Sanktionen gegen sein Regime zu rächen. Auf Tiktok, Telegram und Youtube beschreiben arabischsprachige Anzeigen die Route als mehrere Kilometer langen Spaziergang.

Die größte Herausforderung sei die Kälte, die man höchstens eine Woche lang auszuhalten habe. Eventuell müsse man durch einen Fluss schwimmen. Die Schleuser würden zwischen 3.000 und 6.000 Dollar pro Person nehmen. Verglichen mit den Routen über das Mittelmeer, die einen Monat dauern und in überfüllten italienischen und griechischen Lagern enden, klingt das gut.

Einschränkungen durch Ausnahmezustand

Aber Nedas und Abuzars Realität sieht anders aus. Sie saßen zehn Tage lang zwischen dem belarussischen Grenzzaun und dem provisorischen polnischen Stacheldraht fest. "Etwa 50 belarussische Soldaten zwangen uns über den polnischen Zaun", sagt Abuzar. Die Belarussen machen Stellen aus, an denen sich keine polnischen Grenzbeamten befinden. Mal schneiden sie den Zaun selbst auf, mal werfen Migranten Decken auf die Klingen und klettern auf die andere Seite.

Nur anhand von Fotos und Erzählungen der Anwohner können sich Journalisten ein Bild von der Lage an der Grenze machen. Seit Anfang September gilt dort der Ausnahmezustand. Ausschließlich Personen, die in der Zone wohnen, dürfen diese betreten. Wo sie beginnt, wirkt willkürlich. Die Polizei kontrolliert auch an Stellen, an denen der Ausnahmezustand laut Plan gar nicht gilt. "Die Zone fängt da an, wo wir stehen", widerspricht ein Polizist.

Leere Versprechen

"Ich habe heute mit einem Förster geredet. Er sagt, dass die Lage dramatisch ist", erzählt Maciej J., der in der Grenzzone wohnt. "Kinder kommen an den Stacheldrahtzaun und betteln um Wasser und um Essen." Seine Mutter fand kürzlich eine irakische Familie im Wald und brachte sie zu sich nach Hause. Nun zeigen beide Fotos, auf denen die Familie in ihrem Haus kocht. J. organisierte anschließend ein Treffen zwischen den Irakern und Flüchtlingsaktivisten, um zu verhindern, dass Grenzbeamte die Iraker wieder nach Belarus bringen.

Doch Fotos, Videos und Nachrichten auf seinem Handy beweisen, dass genau das passiert ist. Nachdem die Aktivisten die Daten der irakischen Familie notiert und sie über den Asylprozess informiert hatten, riefen sie die Beamten. "Diese versprachen, die Familie in ein Aufnahmezentrum zu bringen", erzählt J. "Dann aber hörte ich, wie ein Beamter dem anderen zuflüsterte, dass sie im Wald rechts abbiegen werden, also in Richtung Grenze."

J. stieg ins Auto und verfolgte den Laster, auf dessen Ladefläche die irakische Familie saß. Mittlerweile stecken die Iraker wieder zwischen den Grenzzäunen fest – und bitten in Videonachrichten um Hilfe.

Warnungen in Herkunftsländern

Auch andere Menschen, die zwischen Belarus und Polen hin- und hergeschoben werden, teilen im Internet verzweifelt Videos. In ihren Herkunftsländern warnen Medien indes vor der Route über Minsk. Das Außenministerium im Jemen veröffentlichte vor einer Woche eine Botschaft: Es drückt der Familie von Mustafa, der an der polnisch-belarussischen Grenze gestorben ist, das tiefste Beileid aus und appelliert an die Menschen, sich erst gar nicht auf diese Route zu begeben.

Dennoch geht die Zahl jener, die nach Minsk aufbrechen, nicht zurück. Es könnte erst der Anfang einer humanitären Krise an der EU-Außengrenze sein. Seit Sonntag können Bürger aus dem Iran, Pakistan, Ägypten, Jordanien und Südafrika ohne Visum über fünf weitere belarussische Flughäfen einreisen. Sie müssen zwar schon einmal ein Visum für den Schengenraum oder ein EU-Land besessen haben, vielen Menschen aber wird die Einreise nach Belarus so erleichtert.

Abuzar holt seinen Pass hervor. Die Stempel zeigen, dass er Anfang 2020 ein halbes Jahr lang in Deutschland gelebt hat. "Ich war zuerst in Mühlheim, dann in Hamburg und in Bamberg", erzählt er. Im Iran habe er Probleme mit den Sicherheitsdiensten gehabt, weil er an regierungskritischen Protesten teilgenommen habe. Gemeinsam mit Neda wollte er sich nun ein neues Leben in Deutschland aufbauen und dort weiter als Metzger arbeiten.

Als die beiden aufbrachen, war Neda schwanger. "Vor sechs Tagen fiel ich hin und blutete, jetzt bin ich nicht mehr schwanger", sagt sie.

Großer Unsicherheitsfaktor

Nachdem die Aktivisten auch Neda und Abuzar über den Asylprozess informiert haben, rufen sie wieder die Grenzbeamten. "Unsere Erfahrung zeigt, dass 40 Prozent der Leute wieder zurück nach Belarus gebracht werden", sagt die Aktivistin Kasia. Sie kann bezeugen, dass Neda und Abuzar den Beamten sagen, Asyl beantragen zu wollen, und dass sie anschließend in den Polizeiwagen steigen. Sie wird aber zunächst nicht erfahren, wohin die Reise für das Ehepaar wirklich geht. (Olivia Kortas aus Hajnówka, 18.10.2021)