Roms Wählerinnen und Wähler ziehen einen Schlussstrich unter die Ära Raggi: Anstelle der von ihrem Amt völlig überforderten bisherigen Bürgermeisterin von der Fünf-Sterne-Bewegung wählten sie bei den Stichwahlen am Sonntag und Montag mit Roberto Gualtieri einen Mann, der sich selber als "Streber" bezeichnet.

Roberto Gualtieri, siegreicher "Streber".
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Der 55-jährige Geschichtsprofessor gilt als seriös und kompetent, und er hat – im Unterschied zu seiner Vorgängerin zu Beginn ihrer Amtszeit – auch politische Führungserfahrung: Von 2019 bis 2021 war er in der zweiten Regierung von Giuseppe Conte Finanzminister. Wenige Monate nach seiner Ernennung wurde Italien von der Pandemie überrollt; Gualtieri schnürte die ersten milliardenschweren Hilfspakete der Regierung.

Vor seiner Ernennung zum Finanzminister unter Conte war Gualtieri zehn Jahre lang Mitglied des europäischen Parlaments gewesen, wo er ab 2014 dem Ausschuss für Wirtschaft und Währung vorstand. Ab 2016 war er neben Elmar Brok und Guy Verhofstadt einer der drei Chefunterhändler des europäischen Parlaments für die Brexit-Verhandlungen. Bei der Bildung der Regierung von Mario Draghi wurde Gualtieri vom parteilosen Ökonom und Finanzexperten Daniele Franco als Finanzminister abgelöst.

Deutliche Entscheidung

Die Wahlentscheidung in Rom fiel deutlich aus: Gualtieri besiegte laut Hochrechnungen des Staatssenders RAI seinen Gegner Enrico Michetti mit 60 zu 40 Prozent der Stimmen. Der parteilose Anwalt Michetti war von der Führerin der postfaschistischen Fratelli d'Italia, Giorgia Meloni, als gemeinsamer Kandidat der Rechtskoalition durchgesetzt worden.

Im Wahlkampf war Michetti mit diversen Entgleisungen aufgefallen. So hatte er unter anderem erklärt, dass der faschistische "saluto romano", der dem Hitlergruß entspricht, "hygienischer ist als der Covid-Gruß" mit dem Ellbogen. Außerdem verbreitete er antisemitische Vorurteile.

Gualtieri erwartet in Rom keine leichte Aufgabe: Die italienische Hauptstadt gilt als nahezu unregierbar und ist unter Virginia Raggi auf bedenkliche Weise heruntergekommen. Das dringendste Problem für den neuen Bürgermeister wird die Bewältigung der chronisch gewordenen Müllkrise sein: Die Drei-Millionen-Stadt verfügt über keine einzige Müllverbrennungsanlage, und der Anteil der Mülltrennung ist unter 50 Prozent gesunken. Auch beim öffentlichen und privaten Verkehr gäbe es viel zu tun: Immer wieder gehen verlotterte Busse wegen undichter Treibstoffleitungen in Flammen auf; in den Stoßzeiten kommt der Verkehr jeden Tag großflächig zum Erliegen. (Dominik Straub, 18.10.2021)