In Großbritannien wurden zwar Empfehlungen zum Umgang mit Corona ausgegeben, verpflichtende Regeln gab es aber im Sommer nicht mehr. Das rächt sich nun. An die Empfehlungen hielt sich kaum jemand.

Foto: AP Photo/Alberto Pezzali, File

In Großbritannien drängen Wissenschafter die Regierung von Premier Boris Johnson, im Kampf gegen Sars-CoV-2 stärker gegenzusteuern. Angesichts hoher Neuinfektionsraten von mehr als 40.000 pro Tag sowie stetig steigender Hospitalisierungen und Sterbefällen müsse dringend "Plan B" aktiviert werden, fordert Professor Martin McKee von der Uni London. Notwendig seien Maßnahmen wie das verpflichtende Tragen von Mund-Nasen-Schutz, die Kontrolle von Impfnachweisen und die Rückkehr ins Homeoffice. Das Land habe "einige steinige Monate" vor sich, glaubt auch der Cambridger Professor Stefan Marciniak.

Tatsächlich weisen die Zahlen in ganz Großbritannien in die falsche Richtung. Die Inzidenz stieg zuletzt (Stand: Sonntag) stetig auf 411, durchschnittlich hat das Land täglich 122 Covid-Tote zu beklagen. In Schottland liegt die Mortalität schon derzeit um 30 Prozent über den vergleichbaren Sterbezahlen in den Jahren 2015 bis 2019. Auf englischen Intensivstationen belegen an Covid-19 Leidende 15 Prozent der Betten; im zwischenzeitlich ebenfalls stark betroffenen Spanien sind es derzeit fünf Prozent. In der ersten Oktoberwoche waren dem Statistikamt ONS zufolge eine Million Briten infiziert, womit der bisherige Höchststand vom Jänner erreicht war.

Eitel Sonnenschein

Im Sommer hatte zunächst die für England zuständige Londoner Regierung sämtliche gesetzlichen Corona-Einschränkungen aufgegeben, die Regionen Schottland, Wales und Nordirland folgten später nach. Allerorten blieben bestimmte Empfehlungen bestehen: So sollen in geschlossenen Räumen sowie in Bussen und Bahnen auch weiterhin Masken getragen werden. Zudem sind die Briten angehalten, wann immer möglich Distanz zu halten.

In der Praxis wirken viele Restaurants, U-Bahnen und Museen, als habe es Covid-19 nie gegeben: keine Maske, nirgends. Im weitaus größten Bevölkerungsteil England werden Impfnachweise kaum verlangt, die entsprechende App lässt auf sich warten. Hingegen ist in Wales und seit diesem Montag auch in Schottland beim Besuch bestimmter Events für Erwachsene der Impfausweis gesetzlich verpflichtend, unterstützt von der entsprechenden App des regionalen Ablegers des Nationalen Gesundheitssystems NHS. Betroffen sind Nacht- und Sexclubs, Konzerte und Sportveranstaltungen mit mehr als 500 Personen in der Halle oder mehr als 4.000 Plätzen im Freien. Pubs und Restaurants bleiben bis auf weiteres befreit.

In den Sekundarschulen, wo die Maskenpflicht teils auf den Gängen, teils überhaupt nicht mehr gilt, sind ganze Jahrgangsstufen durch Infektionen lahmgelegt. Das liegt auch daran, dass der ständige Impfausschuss JCVI sich lang gegen die Immunisierung von Minderjährigen gesträubt hatte. Erst im August gaben die Wissenschafter ihre zögerliche Haltung auf. Schon zuvor war die Impfrate auf der Insel hinter einer Reihe anderer europäischer Länder zurückgeblieben.

Dritte Impfung

England hinkt gewaltig hinter den anderen Landesteilen, aber auch hinter vergleichbar großen Staaten auf dem Kontinent zurück. Unter den Zwölf- bis 15-Jährigen haben 14 Prozent die Erstimpfung erhalten, in Schottland sind es 44 Prozent. Zwar begann das schottische Schuljahr mindestens zwei Wochen vor dem englischen, dafür dürfte aber ausschlaggebend sein, dass es im britischen Norden auch bürgernahe Impfzentren für Kinder und Jugendliche gibt, während junge Leute in England nur in ihren Schulen den Piks erhalten können. Das müsse sich dringend ändern, glaubt die Statistikprofessorin Christina Pagel vom Londoner University College.

Mängel gibt es auch in Bezug auf andere Altersgruppen. Obwohl das Impfprogramm auf der Insel anfangs dem Kontinent weit voraus war, die meisten Älteren über 70 Jahren also schon früh doppelt geimpft waren, kommt die eigentlich fällige Drittimpfung nicht so recht voran. "Wir schaffen ungefähr 150.000 Dosen täglich", weiß Pagel. Damit liegt England (41 Prozent) beinahe gleichauf mit Frankreich (45 Prozent) und deutlich vor den anderen großen EU-Staaten Deutschland (23 Prozent), Spanien und Italien (je zwölf Prozent). In Österreich sind es gerade einmal 3,5 Prozent. (Sebastian Borger aus London, 19.10.2021)