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Wie lange wird uns die Pandemie noch beschäftigen? In welcher Form? Wird es einen weiteren Lockdown geben? Diese Fragen brennen vielen auf der Seele, immerhin entscheiden die Antworten darüber, wie unser Leben in nächster Zukunft sein wird. Die gute Nachricht: Wir können uns wohl in absehbarer Zeit entspannen. Die schlechte: Bis es so weit ist, dauert es noch einige Monate. "Durch den Winter müssen wir noch durch", meint Gerald Gartlehner, Epidemiologe und Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation an der Donau-Universtität Krems.

"Ausgehend von der jetzigen Situation braucht es in der kalten Jahreszeit weiterhin die strengen Maßnahmen. Im Frühling sollte die Bevölkerung dann eine ausreichende Immunität gegen Covid-19 entwickelt haben." Das kann auf zwei Arten passieren: durch Infektion, also auf die harte Tour, oder durch Impfung. "Corona wird dann natürlich nicht weg sein, aber wir werden nicht mehr die jetzt drohenden Probleme haben wie die Überlastung der Intensivbetten-Kapazitäten und einen damit einhergehenden weiteren Lockdown."

Es gibt aber eine Grundvoraussetzung dafür, betont Gartlehner: "Diese Einschätzung gilt, solange keine neue Variante, die Delta übertrumpft, auf uns zukommt oder sonst etwas Unvorhersehbares passiert."

Schlechte Datenlage

Und ein weiteres Problem sieht Gartlehner in Bezug auf die Einschätzung: "Wir haben keinen wirklichen Wissensstand zur Immunität in der Bevölkerung. Wir können die Dunkelziffer der Erkrankungen, die ja auch dazu beiträgt, nicht einschätzen, weil es dazu keine Studien gibt." Diese könne man ohne allzu großen Aufwand machen, aber der politische Wille dazu fehle und das Verständnis, wie wichtig solche Studien sind, um vorausschauend durch eine Pandemiesituation zu kommen. "In vielen anderen Ländern, etwa in Skandinavien, ist diese Bereitschaft viel größer."

Folglich lässt sich auch schwer sagen, wie hoch die Impfquote sein muss, damit sich die Situation nachhaltig entspannen kann. Klar ist nur: "Jeder weitere Prozentpunkt, um den sich die Impfquote erhöht, ist gut und hilft uns! Und solange wir über die aktuellen gut 65 Prozent Impfquote nicht hinauskommen, werden uns auch die Schutzmaßnahmen erhalten bleiben. Wir sind leider nicht in einer Lage wie Dänemark, wo mit über 75 Prozent Impfquote alles geöffnet werden konnte."

Kein weiterer Lockdown

Dass es einen weiteren Lockdown gibt, davon geht Gartlehner aber nicht aus: "Ich denke, die Maßnahmen sind gut und ausreichend, nur die 3G-Regel am Arbeitsplatz sollte noch so schnell wie möglich kommen. Man sieht auch in Wien, dass die vorausschauend verschärften Maßnahmen die Zahlen erfolgreich nach unten gedrückt haben. Allenfalls können aber regionale Maßnahmen nötig werden, wenn etwa in einem Bezirk die Inzidenz sehr stark steigt."

Für den Bezirk Braunau in Oberösterreich besteht derzeit diese Gefahr, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt dort bei fast 400. Das Argument, dass in einem ländlich geprägten Bezirk die Ansteckungsgefahr geringer sei als etwa in der Großstadt, lässt der Epidemiologe dabei nicht gelten: "Natürlich erwartet man in der Großstadt immer ein höheres Infektionsrisiko, die Menschen haben dort einfach mehr Kontakt als auf dem Land. Aber ich gehe davon aus, dass die Braunauer dasselbe Risiko haben, schwer zu erkranken, wie die Wiener. Insofern sind verschärfte Maßnahmen absolut richtig."

Corona wird natürlich nicht verschwinden, aber es wird irgendwann endemisch: "Wir haben dann eine ähnliche Situation wie bei der Grippe. Es gibt die jährliche Impfung, wer die macht, hat eine sehr gute Chance, nicht zu erkranken. Wer sie nicht regelmäßig macht, erkrankt wahrscheinlich irgendwann, aber hat durch eine weiter zurückliegende Impfung einen gewissen Teilschutz, der vor schwerem Verlauf bewahrt."

Es gibt natürlich auch schlimme Grippejahre, aber da es hier eine Hintergrundimmunität in der Bevölkerung gibt, werden dadurch die Krankenhäuser nicht überlastet, deshalb gibt es auch keinen Lockdown. Unbedingt regelmäßig impfen lassen sollten sich aber auf jeden Fall alle vulnerablen Personen wie Ältere, Menschen mit Vorerkrankungen oder mit reduziertem Immunsystem – also alle Risikogruppen.

Globale Dimension

Wenn Österreich die Pandemie mit dem Frühling dann tatsächlich in den Griff bekommt, wird dann auch das Reisen wieder entspannter? Da ist Gartlehner noch zurückhaltend: "Ich sehe da eine andere Gefahr. Solange wir global keine guten Durchimpfungsraten haben, kann es jederzeit zu neuen, gefährlichen Mutationen kommen. Die entstehen ja nicht im Burgenland, sondern in sehr bevölkerungsreichen Gegenden, wo das Virus viel Gelegenheit hat, sich auszubreiten. Dann könnte es sein, dass wir doch nicht so immun sind, wie wir glauben." (Pia Kruckenhauser, 19.10.2021)