Will man die Essenz der Ära Sebastian Kurz bildlich fassen, so bietet sich eine Art Triptychon aus drei Fotos an:

Linker Seitenflügel: Stadthalle, September 2019 (Wahlkampf). Ein evangelikaler Erweckungsprediger legt Kurz die Hand auf die Schulter und psalmodiert: "Gott, wir danken dir so sehr für diesen Mann."

Die Mitteltafel: wieder die Stadthalle, diesmal schon September 2017 (Wahlkampf). Totale: Kurz klein im Zentrum, auf den Rängen die Massen, im Vordergrund die "Jünger" in türkisen Leiberln. Lichtstrahlen von oben, als sei der Heilige Geist herabgekommen.

Rechter Seitenflügel: Wallfahrt des ÖVP-Bauernbundes nach Mariazell. Kurz am Predigerpult in der Basilika, im Hintergrund geistliches Personal. Das war Ende September dieses Jahres. Ein letzter Großauftritt.

Inszenierung. Dahinter unbedingter Machtwille. Das war die Seele der Kurz’schen Kanzlerschaft.

Wird Kurz eine eigene Liste gründen?
Foto: REUTERS

Aber kann man, wie der Neos-Gründer Mathias Strolz, sagen: "Es ist vorbei?" Was wird aus Sebastian Kurz? Was aus der ÖVP? Was wartet auf Österreich?

Am Ende wird Kurz wahrscheinlich eine eigene Liste gründen. Bei den Granden der ÖVP hat er so gut wie verspielt. Manche wurden in Chats, die noch nicht ans Licht der Öffentlichkeit gekommen sind, von denen sie aber wissen, schwer verhöhnt. Die meisten sind erfahren genug, um zu erkennen, dass Kurz aus dem Strudel von gerichtlichen Untersuchungen und wachsendem Vertrauensverlust in weiten Teilen der Wählerschaft nicht mehr herauskommen wird. Ein Comeback von der Position des Klubobmanns ist nur schwer vorstellbar.

Aber er ist doch ÖVP-Parteiobmann? Und zwar einer, der erst im August mit 99,4 Prozent bestätigt wurde? Dem seinerzeit unglaubliche Vollmachten eingeräumt wurden? Dazu ein Blick in die jüngere Vergangenheit.

"Projekt Ballhausplatz"

Kurz und seine Clique arbeiteten spätestens seit 2016 am "Projekt Ballhausplatz" – Kanzleramt, aber zuvor Übernahme der ÖVP. Die lag in den Umfragen darnieder, es gab also objektive Gründe, einen aufsteigenden Jungstar ans Ruder zu lassen. Aber die extremen Forderungen, die Kurz durchsetzte – praktisch freie Hand bei allen, vor allem personellen Entscheidungen –, gingen nur durch, weil Kurz mit einer eigenen Liste drohte. Die ÖVP-Granden mussten eine Spaltung fürchten.

Das müssen sie auch jetzt. Vorläufig geht die türkis-grüne Koalition unter Kanzler Alexander Schallenberg weiter. Kurz wird als Klubobmann eine Zeitlang mitspielen, zugleich aber an seinem Comeback arbeiten. Es wird einen harten Kampf um die Seele der ÖVP geben. Er wird jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr als Spitzenkandidat aufgestellt.

Möglich ist dann der Weg in die "Privatwirtschaft", aber wahrscheinlicher ist doch der Versuch, aus der immer noch vorhandenen Popularität bei manchen politisches Kapital zu schlagen. Financiers könnten sich finden.

Die "schwarze" ÖVP stünde dann jedenfalls vor Spaltung und schwerem Bedeutungsverlust. Es sei denn, sie geht mit der Liste Kurz eine Koalition ein, um an der Macht zu bleiben. Jedenfalls wäre das das "italienische Modell" der Zersplitterung. (Hans Rauscher, 19.10.2021)