Bei der Black-Lives-Matter-Bewegung demonstrieren Millionen Menschen weltweit gegen Rassismus und Polizeigewalt. Doch wie können Eltern über dieses allgegenwärtige Thema mit ihren Kindern sprechen?

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Ihnen wurde regelmäßig ungefragt in die Haare gegriffen, ihre Körper wurden kommentiert, das Mitspielen wurde ihnen verweigert, weil sie "anders" waren. Olaolu Fajembola und Tebogo Nimindé-Dundadengar können sich noch genau an ihre Kindheit in Deutschland der 1980er-Jahre erinnern. In der Klasse wurde das Spiel "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?" gespielt, und alle Kinder sind vor dem "schwarzen Mann" davongelaufen. Das habe jedes Mal ein mulmiges Gefühl hinterlassen.

Inzwischen sind die beiden Frauen selbst Mütter – und vieles habe sich zum Besseren gewandelt. Aber auch ihre eigenen Kinder seien immer wieder von Rassismus betroffen, sagen sie. Denn Kinder übernehmen schon sehr früh die Vorurteile der Erwachsenen und bewerten eine Hautfarbe höherwertig als andere. Immer öfter erreichen Fajembola und Nimindé-Dundadengar Fragen – von Eltern, die ihr Kind antirassistisch erziehen wollen. So entstand die Idee für ihr Buch Gib mir mal die Hautfarbe, das kürzlich im Beltz-Verlag erschienen ist. Denn noch immer sei mit Hautfarbe ein Stift gemeint, der hellrosa malt.

Das Buch gibt Tipps für eine antirassistische Erziehung, es richtet sich aber auch an die Eltern schwarzer Kinder – die in der Schule gefragt werden, woher sie kommen, und deren Antwort "aus Wien" dann nicht einfach akzeptiert wird. Auf die Psyche der Kinder hat das fatale Auswirkungen, wie auch schon die Autorin Alice Hasters in Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten eindrücklich schilderte.

Wo also sollen Eltern anfangen? Zunächst gilt, sich selbst mit Rassismus auseinanderzusetzen, schreiben die Autorinnen – sich mit seiner jahrhundertealten Geschichte vertraut zu machen und zu überlegen, wo überall er im Alltag lauert. Es gehe aber auch darum, sich seiner eigenen hierarchischen Position in der Gesellschaft klar zu werden. Dazu empfehlen die Autorinnen einen sogenannten "Privilegien-Check". Das sind Fragen, die sich die Erwachsenen selbst stellen können, um sich ihrer Startposition im Leben bewusst zu werden: Wurde ich schon einmal wegen meiner Hautfarbe ausgeschlossen? Wurde ich schon einmal für mein gutes Deutsch gelobt? Wurde ich schon einmal ignoriert oder ausgeschlossen? Wichtig sei auch, über eigene Vorurteile nachzudenken.

Mit Kindern über Rassismus sprechen

Vor Kindern empfehlen sie, das Thema Rassismus möglichst früh aufs Tapet zu bringen. "Denn wenn wir mal genau darüber nachdenken, sprechen wir ja auch über andere Themen wie Klimawandel oder Corona schon früh mit ihnen." Bei kleineren Kindern könne man Kinderbücher zur Hilfe nehmen, in denen unterschiedliche Menschen abgebildet sind. Mit älteren Kindern könne man bereits offene Gespräche über Rassismus und Stereotype führen. Etwa indem man sie fragt, ob es weiß, wer davon negativ betroffen ist und wer nicht. "Egal, wie alt dein Kind ist, verwende in jedem Fall das Wort Rassismus. Wage es, das Wort beißt nicht. Im Gegenteil, es ist wichtig, dass Kinder von Anfang an klar wissen, wovon die Rede ist." Es gehe nicht darum, das Gespräch als fixen Termin am Kalender einzuplanen – sondern einen ruhigen Moment dafür zu finden, etwa bei einem Spaziergang.

Eine andere Möglichkeit ist, darüber zu sprechen, wenn das Thema aufkommt. Und es kommt auf, sagen die Autorinnen. Denn Kinder erkennen Unterschiede, sie seien nicht "farbenblind", wie oftmals behauptet wird. Sie sprechen Unterschiede oft auch sehr direkt an, indem sie beispielsweise sagen: "Die Frau da ist braun." Viele Eltern werden in so einer Situation zunächst wohl schlucken. Unterschiede zu benennen sei aber nichts Schlechtes, betonen Fajembola und Nimindé-Dundadengar. "Viele Menschen haben Angst vor dem Thema Rassismus. Das Einzige, was sie darüber gelernt haben, dass es schlecht und böse ist. Und sie versuchen daher, das Thema Hautfarbe überhaupt nicht anzusprechen."

Werde es komplett ausgespart, könne der Eindruck entstehen, "dass man darüber nicht spricht". Indem man es tut, normalisiere man das Thema. "Wir plädieren dafür, über Hautfarbe genauso zu sprechen wie über andere Körperlichkeiten. Also etwa darüber, ob jemand groß oder klein ist oder Sommersprossen hat", sagt Nimindé-Dundadengar im STANDARD-Gespräch. Eltern könnten auch erklären, wie Haar- und Hautfarben entstehen, dass sie davon abhängen, wie viel und welche Art von Melanin ein Mensch im Körper hat.

Stellung beziehen

Wo sie jedoch sehr wohl einschreiten müssen, seien wertende Urteile, die Kinder mit diesen Unterschieden vielleicht verbinden. Eine Möglichkeit sei, ihnen zu erklären, wie verletzend es für andere sein kann, so etwas zu hören. Kinder hätten einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, an den Eltern appellieren können. "Es geht darum, ihnen von Anfang an ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, dass Menschen unterschiedlich sind und einige genau darum ungerecht behandelt werden. Das kommt an bei Kindern, ganz bestimmt!"

Worte allein reichen allerdings nicht aus: Entscheidend sei auch, was Eltern den Kindern vorleben. So gelte es, einzuschreiten, wenn sie diskriminierende Situationen erleben, "vor dem Kind Widerspruch zu leisten und klar Stellung zu beziehen".

Damit Kinder antirassistische Konzepte verinnerlichen, sollten sie aber auch Menschen treffen, die anders aussehen als sie. "Wenn ich meinem Kind immer wieder sage, dass alle Menschen gleichwertig sind und Vielfalt wichtig, aber mein kompletter Freundeskreis, alle Filme, die wir anschauen, weiß sind, dann bleibt es eine leere Worthülse." Das bedeute aber nicht, dass man sich neue Freunde suchen muss – aber vielleicht einmal andere Events in der Gegend aufzusuchen, in diverse Spielgruppen zu gehen und ähnliches.

Wer ist die Heldin?

Die Autorinnen raten auch, einen genauen Blick in das Kinderzimmer zu werfen und sich zu überlegen, welche Bücher das Kind hat, welche Filme und Serien es ansieht. Denn auch sie formen das Verständnis über die Welt. "Sehr oft sind darin keine People of Color zu sehen, oder sie sind zwar abgebildet, aber nicht die Heldinnen und Helden des Buches", sagt Nimindé-Dundadengar. Daraus könnten Ansichten entstehen, von denen uns gar nicht klar ist, dass sie Vorurteile zur Folge haben. Die Psychologin rät, darauf zu achten, "wer spricht und aus wessen Perspektive gesprochen wird". Wichtig sei natürlich auch, dass keine diskriminierende Sprache verwendet wird oder Stereotype gezeigt werden. "In vielen, gerade älteren Büchern würden schwarze Menschen oft als minderbemittelt dargestellt, können nicht vernünftig reden, erleben aber keine Abenteuer oder erreichen etwas."

Gerade in den vergangenen Jahren sind viele Kinderbücher auf den Markt gekommen, in denen People of Color die Hauptfiguren sind. Zum Beispiel Julian ist eine Meerjungfrau über einen Buben, der Meerjungfrauen liebt und sich regelmäßig als eine verkleidet. Oder auch Alex, abgeholt!, in dem es um familiäre Streitereien nach dem Kindergarten geht. Es gibt mittlerweile auch schwarze Puppen oder sogenannte "Hautfarbenstifte", mit denen alle möglichen Hautfarben gemalt werden können – nicht nur hellrosa. (Lisa Breit, 20.11.2021)