Im November soll Truth Social in den Testbetrieb gehen.

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Es ist nicht das erste Mal, dass der ehemalige US-Präsident Donald Trump die "Tyrannei" der IT-Riesen aus dem Silicon Valley anprangert. Und auch nicht das erste Mal, dass er eine eigene Alternative zu Facebook und Twitter ankündigt. Aber es ist das erste Mal, dass den Worten auch Taten folgen sollen. "Truth Social" heißt das Projekt, mit dem man den angeblich digital geknebelten "Konservativen" eine Plattform bieten möchte.

Die Website besteht derzeit nur aus einem Anmeldeformular und dem Verweis auf die Registrierung für die kommende iOS-App, dennoch soll es bald losgehen. Im November soll ein eingeschränkter Testbetrieb starten, im kommenden Jahr dann der offizielle Start erfolgen, ehe in weiterer Folge auch eine Videoplattform ergänzt werden soll.

Beispiel Parler

Dass ausgerechnet Trump, der aktiv dubiose Verschwörungsmythen verbreitete und laut Faktencheckern so viel log wie noch kein US-Präsident zuvor, ein Netzwerk "Wahrheit" nennt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Dennoch, die Ersten der verbliebenen prominenteren Trump-Fans trommeln bereits eifrig für die Plattform und freuen sich demonstrativ, künftig dort ihre Botschaften abzusetzen. Ein bekanntes Bild.

Ähnliches war zu beobachten, als in der US-rechts-außen-Bubble Ende 2020 plötzlich Parler zu Everybody's Darling avancierte. Die 2018 gegründete Plattform war bis dahin relativ irrelevant, wurde aber insbesondere nach Trumps Niederlage an der Wahlurne plötzlich interessant, um dort weiter die Mär über unterschlagene Stimmen und den gestohlenen Wahlsieg zu erzählen. Denn Facebook und Twitter hatten ihr Vorgehen gegen Desinformation verstärkt.

Nach zahlreichen Ankündigungen will Trump nun Ernst machen mit seinem eigenen Social Network.
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Parler hatte im Jänner 2021 nach eigenen Angaben 20 Millionen Nutzer. Dann geschah der Sturm auf das US-Kapitol. Die Plattform geriet nicht nur unter Verdacht, zur Absprache des Angriffs gedient zu haben, sondern wurde auch wegen mangelnden Vorgehens gegen Hassrede von Apple und Google aus dem App-Katalog gestrichen. Zudem verweigerte Amazon weiter die Bereitstellung seiner Serverinfrastruktur, womit der Dienst de facto offline war.

Mittlerweile hat man zwar mit Epik, das auch lange die Neonazi-Seite Daily Stormer (mittlerweile "Hoax Watch") hostete, einen neuen Dienstleister gefunden und ist auch wieder in Apples App Store zu finden. Daten aus dem Juni zeigen allerdings, dass nicht einmal vier Prozent der damaligen Nutzer bereit waren zurückzukommen.

Beispiel Gab

Bei Epik findet sich auch ein anderes Netzwerk, das einst ausgerückt ist, eine "zensurfreie" Alternative zu etablierten Plattformen zu bieten: Gab. Dieses im Mai 2017 gestartete Portal profitierte zum Start davon, dass Reddit damals eine Kampagne gegen überbordende Hassrede startete, zahlreiche Nutzer sperrte und viele Foren schloss.

Wie Parler wurde es für eine Weile zum Liebkind des wachsenden rechten Rands der Republikanischen Partei und erhielt sogar etwas Resonanz aus der heimischen Politik. So legte sich der ehemalige Team-Stronach-, ÖVP- und freie Abgeordnete Marcus Franz im Sommer 2017 dort ebenfalls ein Konto an. Dort blieb es dann bei einem Posting und einem Kommentar.

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Das ist auch symptomatisch für die weitere Entwicklung der Plattform. Apple verweigerte die Aufnahme der App unter Verweis auf "pornografische Inhalte", Google ließ sie ursprünglich zu, kickte sie wenige Monate später aber wegen unzureichenden Vorgehens gegen Hassrede wieder hinaus. 2018 wurde bekannt, dass der Attentäter beim Angriff auf die Synagoge in Pittsburgh seine Tat dort angekündigt hatte. Als Folge stellten der damalige Hostingprovider sowie mehrere Zahlungsdienstleister und weitere Partner die Zusammenarbeit mit Gab ein. Das Netzwerk war zudem für kurze Zeit offline.

Die Nutzerzahlen entwickelten sich seitdem offenbar nicht zum Besten. Im September 2019 beschwerte sich Milo Yiannopoulos, damals eine populäre Figur der Alt-right-Szene, über die geringen Aktivitäten auf der Seite. CEO Andrew Torba versucht seitdem offenbar gezielt Communitys anzusprechen, die auf Facebook und Co nicht mehr geduldet werden – und wirbt aktiv um radikale Evangelikale, QAnon-Anhänger und Impfgegner. Schätzungen zufolge hatte Gab im vergangenen März noch etwa 100.000 aktive Nutzer.

Auch die Marke "Trump" ist kein Erfolgsgarant

Der Vorteil, den Truth Social im Vergleich mit den genannten und anderen weit rechten Online-Netzwerken genießt, ist freilich Donald Trumps "Marke" im Hintergrund. Der Ex-Präsident genießt immer noch Rückhalt in signifikanten Teilen der US-Bevölkerung und verfügt trotz seines Rauswurfs von Facebook und seiner Lieblingsplattform Twitter noch über eine recht gute Reichweite. Zumindest zu Beginn könnte seine Plattform also durchaus einigen Zulauf erfahren.

Langfristig dürfte aber auch sie in die Versenkung abdriften, in der auch Gab und Parler zu finden sind, schlicht weil trotz besserer Ausgangsbedingungen die Zielgruppe und die Reichweite für das Erreichen einer "kritischen Masse" dennoch zu klein sind. Mit seinem ersten Onlineprojekt nach dem Deplatforming, das aus von ihm verfassten Kurznachrichten auf seiner Website ("From the Desk of Donald J. Trump") bestanden hatte, legte Trump bereits einen Bauchfleck hin.

Auch wenn Truth Social eher nicht zum "Facebook der Rechten" wird, sollte man es nicht gänzlich ignorieren. Denn natürlich kann auch von einer kleinen, radikalisierten Community weiterhin Gefahr ausgehen – wie der Kapitolsturm eindrucksvoll bewiesen hat. (Georg Pichler, 21.10.2021)