Am Dienstag dieser Woche titelte die türkische Tageszeitung Karar: "Der Dollar löscht das Licht aus". Die Zeitung sprach von bevorstehenden dunklen Tagen im kommenden Winter, weil durch den dramatischen Kursverlust der türkischen Lira die Preise für importierte Kohle stark gestiegen seien und diese Kohle immer noch einen hohen Anteil an der Stromproduktion ausmache. Viele Leute, befürchten die Autoren bei Karar, werden sich den Strom bald nicht mehr leisten können. Zwar steigen die Energiepreise auch in vielen anderen Teilen der Welt, doch durch die fast täglichen Kursverluste der Lira ist es in der Türkei besonders dramatisch. Und zwar nicht nur bei den Energiepreisen, sondern auch bei Lebensmitteln und anderen Gütern des täglichen Bedarfs.

Am Freitag musste man im Handel mit Devisen in Istanbul für einen Euro zeitweise 11,25 Lira zahlen, für einen Dollar 9,66 Lira. Das sind Verhältnisse, die sich vor ein, zwei Jahren noch niemand auch nur vorstellen konnte. Lange Jahre galt als Regel: Sollte der Dollar einmal mehr als sieben Lira kosten, wären etliche türkische Großunternehmen nicht mehr dazu in der Lage, ihre oft hohen Dollarschulden zu begleichen, und würden pleite gehen.

Der Kurs der Lira sinkt in der Türkei fast täglich.
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Jetzt wird der Dollar vermutlich in wenigen Tagen zehn Lira kosten, und noch gelingt es den meisten Unternehmen, ihre Kosten auf die Verbraucher abzuwälzen. Das hat aber vor allem damit zu tun, dass wegen der Pandemie etliche Unternehmen, die eigentlich längst pleite sind, noch keine Insolvenz anmelden mussten.

Lange kann diese Situation aber nicht mehr andauern, denn die Lira- Schwäche wird vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan geradezu provoziert.

Galoppierende Inflation

Erdoğan will die Zinsen bewusst niedrig halten, damit auch kleinere Firmen Kredite aufnehmen können, also die bereits bestehende Schuldenlast mit neuen Schulden bekämpfen können. Derweil läuft ihm aber die Inflation davon. Auf knapp 20 Prozent beläuft sich die Teuerung offiziell, viele Ökonomen gehen aber davon aus, dass sie bei den lebensnotwendigen Gütern längst bei weit über 30 Prozent liegt. Dennoch wurden zuletzt die Leitzinsen der Zentralbank radikal von 19 auf 16 Prozent gesenkt. Gegen solche politischen Zinssenkungen haben sich etliche Zentralbanker gewehrt, was letztlich dazu führte, dass sie von Erdoğan gefeuert wurden.

Im Herbst 2019 hatte Erdoğan auf massives Drängen der Wirtschaft seinen Schwiegersohn Berat Albayrak entlassen und einen neuen Zentralbankchef und Finanzminister eingesetzt. Die Leitzinsen wurden damals massiv erhöht und die Lira damit vorübergehend stabilisiert.

Nicht nur die Kosten für Energie steigen, sondern auch für Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs.
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Doch schon im Frühjahr 2020 musste auch der neue Zentralbankchef gehen und wurde durch Sahap Kavcıoğlu, einen engen Vertrauten Erdoğans, ersetzt. Der nahm dann wie gewünscht Zinssenkungen vor. Weil die meisten Mitglieder im Vorstand der Zentralbank sich diesem Kurs widersetzten, wurden vergangene Woche drei hochrangige Zentralbanker gefeuert, was den aktuellen Kursrutsch der Lira auslöste.

Schon längst investiert aus dem Ausland niemand mehr in die türkische Währung, weil die Zentralbank ganz offensichtlich keine unabhängigen Entscheidungen mehr treffen kann. Jetzt hat sich Oppositionsführer Kemal Kılıçdaroğlu eingeschaltet. Er traf sich mit Zentralbankchef Kavcıoğlu und versicherte, nach einem Regierungswechsel würde die Unabhängigkeit der Zentralbank wieder gewährleistet.

Er rief sogar Ministerialbeamte dazu auf, sich "illegalen Anweisungen" des Präsidenten zu widersetzen, oder sie würden zukünftig zur Rechenschaft gezogen. (Jürgen Gottschlich auch Instanbul, 23.10.2021)