2010 brachte Jürgen Melzer im Viertelfinale von Paris Novak Djokovic zur Verzweiflung.

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In der Wiener Stadthalle schließt sich für Jürgen Melzer der Kreis. Hier hat der Niederösterreicher 1999 sein Profidebüt gegeben, hier hat er zweimal triumphiert, hier gibt er kommende Woche im Doppel mit dem deutschen Olympia-Sieger Alexander Zverev seine Abschiedsvorstellung.

Melzer benötigt keine Wildcard. Der 40-Jährige ist die Nummer 29 der Doppel-Weltrangliste und für den Hauptbewerb der Erste Bank Open qualifiziert. Er hat es nicht verlernt. Trotzdem ist der Zeitpunkt gekommen, Bilanz zu ziehen.

STANDARD: War das Leben auf der Tour so, wie Sie es als Jugendlicher erwartet hatten?

Melzer: Es war sogar aufregender. Als Teenager habe ich auf der Konsole gegen Tim Henman oder Andre Agassi gespielt – später bin ich diesen Spielern im echten Leben gegenübergestanden. Einige konnte ich schlagen. Das war schon was.

STANDARD: Welchen Traum haben Sie zu Beginn Ihrer Karriere verfolgt?

Melzer: Als ich zum ersten Mal in Wien angetreten bin, habe ich gesagt, ich möchte der Allerbeste werden. Irgendwann bemerkst du, dass das nicht so einfach wird. Mir haben sieben Ränge auf die Nummer eins gefehlt. Und ich war trotzdem weit weg.

STANDARD: Viele Ihrer Alterskollegen haben unter der Dominanz von Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic gelitten. Wie würden Sie diese Ära beschreiben?

Melzer: Diese Ära im Tennis sucht ihresgleichen. Jede Epoche hat ihre eigenen Stars, aber drei Spieler mit zwanzig Grand-Slam-Siegen gab es nur in unserer. Das war historisch, das wird sich so schnell nicht wiederholen.

STANDARD: Ihr US-Kollege Andy Roddick meint, es sei zum Verzweifeln gewesen.

Melzer: Ich muss fair bleiben. Roddick hat im Gegensatz zu mir lange Zeit um Grand-Slam-Titel gespielt. Ihm standen die großen Drei tatsächlich im Weg. Für mich war es unglaublich, gegen diese Legenden überhaupt spielen zu dürfen.

STANDARD: Jetzt betreiben Sie Understatement. Sie haben gegen alle drei gewonnen. Der Sieg gegen Djokovic war 2010 der Schocker der French Open. War das der beste Moment Ihrer Karriere?

Melzer: Diese Frage ist nach zwei Jahrzehnten im Profitennis nicht einfach zu beantworten. Aber wenn ich mich entscheiden muss, dann für dieses Match. Einen 0:2-Satzrückstand in einem Viertelfinale eines Grand Slams gegen einen solchen Spieler wettzumachen – das war ein unglaubliches Gefühl.

STANDARD: Ich dachte, Sie würden den Erfolg im Wimbledon-Doppel 2010 nennen.

Melzer: Sie haben mich nach dem besten Moment gefragt, nicht nach dem größten Erfolg. Das macht einen Riesenunterschied.

Gemeinsam mit Philipp Petzschner gewann Jürgen Melzer 2010 das Doppel von Wimbledon.
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Jürgen Melzer hat sich nie auf die Brust geschlagen, keine großen Töne gespuckt. Er hat seine Spiele mehr mit Gefühl als über Kampfgeist gewonnen. Es waren insgesamt 350 Siege im Einzel. Zum Vergleich: Dominic Thiem hält derzeit bei 309.

Die ganz großen Titel blieben Melzer verwehrt – aber nur im Einzel. Im Doppel hat er 2010 Wimbledon und 2011 bei den US Open gewonnen. Auf dem Londoner Rasen hat Melzer auch als Junior und im Mixed triumphiert. Fast schon vergessen ist ein Titel im Doppel der Junioren bei den Australian Open.

STANDARD: Sie nehmen fünf Grand-Slam-Titel in den Ruhestand mit. Stolz darauf?

Melzer: Wenn ich mit meinem Sohn irgendwann nach Wimbledon fahre, kann ich ihm zeigen, dass mein Name dort eingraviert ist. Das ist was wert. Aber lieber wären mir fünf Grand-Slam-Titel im Einzel gewesen.

STANDARD: War mehr drin? Haben Sie Ihr Potenzial ausgeschöpft?

Melzer: Ich habe immer hart trainiert – zumindest für meine Begriffe. Aber erst mit 26 Jahren habe ich begonnen, wirklich professionell zu arbeiten. Es heißt, man müsse Tennis essen und schlafen. So ist es, man muss dem Sport alles unterordnen. Ich habe es relativ spät kapiert.

STANDARD: Woher der Sinneswandel?

Melzer: Ich hatte mir ein neues Team aufgebaut. Trainer Joakim Nyström, Manager Ronnie Leitgeb, Physiotherapeut Jan Velthuis, Konditionstrainer Michael Buchleitner. Da ist mir erst klar geworden, was nach oben möglich ist. Aber vielleicht war ich vorher gar nicht bereit dazu.

STANDARD: Kann man sagen, Sie haben sich zu lange auf Ihr Talent verlassen?

Melzer: Das wäre gemein. Ich war nicht faul. Ich habe schon gehackelt.

STANDARD: Anders gefragt: Mussten Sie Ihr Pensum an die neue Generation anpassen?

Melzer: Das allgemeine Niveau ist im Laufe meiner Karriere dramatisch gestiegen. Und ich rede nicht nur von den Schlägen. Am Ende musste man sehr fit sein, um mithalten zu können. Ich bin auch nicht jünger geworden.

STANDARD: Welchen Tipp würden Sie dem jungen Jürgen Melzer mit auf den Weg geben?

Melzer: Ich würde ihm sagen, dass er sich früher auf eigene Beine stellen soll. Als Teenager wurde mir viel abgenommen, das war zu der Zeit auch gut so. Aber irgendwann muss man erwachsen werden, seine eigenen Entscheidungen treffen – sonst bleibt man stecken.

Melzer blickt zurück auf zwei erfolgreiche Jahrzehnte als Tennisprofi: "Ich war nicht so gut wie Thomas Muster. Aber das ist keine Schande."
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2010 wurde Melzer zu Österreichs Sportler des Jahres gewählt, 2011 brachte er das Kunststück zuwege, acht Wochen lang im Einzel und im Doppel in den Top Ten der Weltrangliste zu stehen, und das zu einer Zeit, in der sich die Spezialisierung der Tennisprofis längst durchgesetzt hatte.

Aber das Leben als Profi kennt nicht nur gute Tage. Druck, Selbstzweifel und Enttäuschungen gehören dazu. In den vergangenen Monaten wurde die mentale Belastung im Tenniszirkus mehr denn je thematisiert.

STANDARD: Profitennis ist mental eine enorme Herausforderung. Hatten Sie jemals Zweifel?

Melzer: Anfang 2009 hatte ich eine echte Krise. Ich habe schlecht gespielt, das Reisen ging mir auf die Nerven. Klar fängt man da zum Grübeln an. Am Ende habe ich den Sport aber immer viel zu sehr geliebt, um alles hinzuschmeißen.

STANDARD: Was war der unangenehmste Moment Ihrer Karriere?

Melzer: Ich habe im Daviscup gegen Deutschland eine Zweisatzführung verspielt. Die Niederlage war bitter, aber schmerzvoller waren die Reaktionen. Ich habe zum ersten Mal Ablehnung verspürt: von Fans, Journalisten, im Internet. Das war für mich neu. Und es war nicht so einfach.

STANDARD: Fluchen Sie als Fußballfan nie über Spieler?

Melzer: Ich ärgere mich, wenn die Austria oder die Bayern verlieren. Aber deshalb einen Spieler unter der Gürtellinie attackieren? Niemals. Das steht mir nicht zu, das ist eine Frage des Respekts. Ich kenne keinen Sportler, der gerne verliert.

STANDARD: Wurden Ihre Leistungen in Österreich ausreichend gewürdigt?

Melzer: Das sollen andere beurteilen. Ich war nie ein Raunzer. Dafür gibt es nach so einer Karriere auch keinen Grund. Die Leute haben schon geschätzt, was sie an mir haben. Vielleicht habe ich am Anfang Fehler gemacht.

STANDARD: Inwiefern?

Melzer: Ich hatte eine Mauer aufgebaut und wollte kaum öffentlich reden. Dazu wurde mir geraten. Vielleicht habe ich deshalb für Außenstehende arrogant und unnahbar gewirkt. Rückblickend hätte ich mehr von mir preisgeben können.

STANDARD: Vor Ihnen war Thomas Muster. Hat das die öffentliche Anerkennung erschwert?

Melzer: Ich war auf Platz acht der Weltrangliste, das ist schon ganz in Ordnung. Das realisiert aber nicht jeder, wenn der Vorgänger die Nummer eins war. Daran wird man gemessen. Ich war nicht so gut wie Thomas Muster. Aber das ist keine Schande. (Philip Bauer, 23.10.2021)