Foto aus einem Spital in Rumäniens Hauptstadt Bukarest von diesem Freitag. Im Land mit der zweitniedrigsten Impfquote in der EU sind die Krankenhäuser heillos mit schweren CoV-Fällen überfordert.

Alexandru Dobre / AP

Ja, es stimmt: Die doppelte Impfung bringt keinen 100-prozentigen Schutz vor einer Infektion, und es gibt Impfdurchbrüche. Es stimmt, dass Geimpfte, die sich infizieren, das Virus übertragen können. Und wie sich zuletzt auch in Österreich zeigt, können Geimpfte mit einem Impfdurchbruch schwer an Covid-19 erkranken, insbesondere, wenn sie zu den Risikogruppen gehören und ihren dritten Stich noch nicht erhalten haben.

Aber Impfdurchbrüche, die mit schweren Erkrankungen oder gar tödlich enden, sind nach wie vor sehr selten. Eine neue Studie im Fachblatt "The Lancet" aus den letzten Tagen das CoV-Sterberisiko für alle in Schottland geimpften Personen auf 0,007 Prozent, das ist eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu über 14.000. Nahezu alle 236 dieser Todesfälle betrafen Personen, die älter als 75 waren und schwere Nebenerkrankungen hatten.

Am 1. November veröffentlichte das britische Office for National Statistics, also das statistisches Amt des Vereinigten Königreichs, noch eindrucksvollere Zahlen: Das altersangepasste Risiko für einen Todesfall mit oder an Covid-19 war für Ungeimpfte zwischen 2. Jänner und 24. September um das 32-Fache höher als für vollständig Geimpfte:

Impfrate als entscheidende Variable

Wie gut Impfungen vor schwersten Covid-19-Verläufen schützen, wird auch augenfällig, wenn man einfach die Impfraten ausgewählter EU-Länder mit den aktuellen Sterbezahlen der vierten Welle in Beziehung setzt. Hier zeigt sich, was alle Expertinnen und Experten seit Monaten voraussagten – etwa auch die Fachleute vom Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) in ihrer Prognosestudie: Je höher die Impfrate, desto niedriger die Belastung des Gesundheitssystems und desto geringer die Opferzahl.

Beginnen wir mit der aktuellen Impfquote einiger ausgewählter EU-Länder, die ein ganz eindeutiges West-Ost-Gefälle aufweist. Die höchsten Impfrate in der EU gibt es Portugal, dann folgen alle westeuropäischen Länder noch vor Österreich. Der EU-Schnitt beträgt 65 Prozent bei den zumindest doppelt Geimpften, absolute Schlusslichter sind laut der verlässlichen Daten der "Financial Times" Rumänien und Bulgarien:

Die aktuellen Impfquoten von fünf EU-Ländern, Russland und der EU im Vergleich.

Bei den Todeszahlen zeigt sich – wie nicht anders zu erwarten – das genaue Gegenteil. Zwar gehen in vielen der Länder von hohen Impfquoten die Infektionszahlen wegen der Saisonalität der Erkrankung deutlich nach oben, so in den letzten Tagen auch in Österreich. Doch schwerste oder tödliche Erkrankungen sind in den Ländern mit einer hohen Impfquote deutlich seltener.

Die CoV-Todesfälle in Relation zur Bevölkerungszahl.
Financial Times

Diese Kurven geben etwas abstrakt die Zahl der Toten pro 100.000 Einwohnern in den letzten sieben Tagen an. Konkret bedeutet das etwa für Bulgarien (bei einer Bevölkerung von 6,8 Millionen Menschen), dass dort in der vergangenen Woche durchschnittlich rund 130 Menschen pro Tag an oder mit Covid-19 starben. Zum Vergleich: In Portugal (rund 10 Millionen Einwohner) sind in den vergangenen drei Wochen so viele Menschen gestorben wie in Bulgarien zuletzt an einem Tag, in Dänemark (5,8 Millionen Einwohner) in den letzten zwei Monaten.

In Ländern mit ähnlich hohen absoluten Infektionszahlen aber höheren Impfquoten liegen die Sterbezahlen ganz grob um das Fünf- bis Zehnfache unter den jenen von Bulgarien. Und um hier nicht einer spezifischen Vorauswahl geziehen zu werden, auch noch zwei Überblicksgrafiken, die der niederländische Biostatistiker Tom Wenseleers erstellt hat. Hier sind die Zahlen auch schon um die Altersstruktur und das Bruttoinlandsprodukt angepasst; letztere mag als Gradmesser für den Zustand des Gesundheitssystems gelten:

Rumänien und Österreich

Besonders dramatisch ist die Lage seit Tagen in Rumänien mit 19 Millionen Einwohnern und der niedrigsten Impfquote. Rumänien hatte in der letzten Woche durchschnittlich 434 CoV-Tote täglich zu beklagen. Etliche schwer an Covid-19 erkrankte Patienten mussten zur Behandlung ins Ausland gebracht werden. Die einzige gute Nachricht: In den letzten Tagen gingen die hohen Infektionszahlen in Rumänien leicht zurück, was sich Anfang November auch auf die CoV-Todeszahlen auswirken sollte.

Und was ist für Österreich in den nächsten Tagen und Wochen zu erwarten? Ein Blick auf die Infektionszahlen verheißt leider nichts Gutes. Das liegt nicht allein daran, dass diese weiter steigen, sondern dass mittlerweile auch sehr viele ungeimpfte oder nicht vollständig geimpfte Personen über 60 Jahren betroffen sind, wie die aktuellen Ages-Auswertungen nach Impfstatus und Alter der Infizierten zeigen. Diese eine Kurve macht besondere Sorgen:

AGES

Denn die Prognose ist einfach: Je höher die Zahlen der älteren Personen ohne Immunisierung sind, desto mehr schwere Krankheitsverläufe sind in den nächsten Tagen und Wochen zu befürchten. (tasch, 1.11.2021)