Wehende Kleider, rauer Wind, Wella-Haar: Kate Winslet (li.) und Saoirse Ronan im Liebesdrama "Ammonite".

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Glaubt man der US-amerikanischen Comedyshow Saturday Night Live, gibt es nur einmal pro Jahr ein lesbisches Kostümdrama auf der großen Leinwand zu sehen: "You only get one a year, make the most of it!" Gemeint ist: Also nehmt, was ihr kriegen könnt, und beschwert euch nicht. Doch nach The World to Come ist Francis Lees Ammonite nun bereits das zweite Kostümdrama, das sich heuer im Kino der sapphischen Liebe annimmt.

Was macht den Reiz dieses neuen Genres aus? Die zentrale Zutat des lesbischen Kostümdramas ist: Liebesdrama im Kostüm. Ammonite spielt zu Beginn der viktorianischen Ära in England, zu einer Zeit also, in der Frauen langes Haar, Kleider und Korsetts trugen. Abweichungen davon wird es gegeben haben, doch in Kostümdramen sind etwa Butches, sich männlich kleidende, kurzhaarige lesbische Frauen, rar gestreut. Stattdessen sehen wir Frauen, die man aus jeder x-beliebigen Jane-Austen-Verfilmung kennen könnte: jung, weiß, schlank, mit Wella-Haar. Das Liebesdrama ist angesichts der repressiven Gesellschaft im 19. Jahrhundert selbsterklärend: Ein Happy End für Lesben im Rauscherock sucht man vergebens.

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Ammonite ist sich dieser Genrekonventionen bewusst und bietet zumindest ein offenes Ende, doch abseits dessen erfüllt er jedes andere Klischee, das dem jungen Genre seit dem großartigen Portrait of a Lady on Fire zugeschrieben wird: ein abgeschiedener Küstenort, rauer Wind, zwei Frauen unter sich, kaum Dialoge, begehrliche Blicke. Und dann fallen plötzlich die Röcke, und die anfängliche Zaghaftigkeit der Protagonistinnen kulminiert in ein, zwei Sexszenen.

Regisseur Francis Lee ist darum bemüht, das Leben in dem kleinen Küstenort Lyme Regis um 1840 als so unglamourös darzustellen, wie es war. Authentisierenden Detailaufnahmen nehmen anfangs den Schmutz und das abgekämpfte Gesicht Kate Winslets, später Saoirse Ronans schöne Nackenlinie in den Blick. Die Panoramaaufnahmen am Strand suchen dagegen das Gemälde: zwei Frauen in dunklen, wehenden Kleidern, mit den spezifischen blumentopfartigen Hauben in Rückenansicht vor dem Meer. Dazu kommt zwangsläufig Klaviermusik.

Lee, der mit der autobiografischen Liebesgeschichte zweier Männer in God’s Own Country einen Erstlingserfolg verzeichnete, wollte nach Eigenaussage der Fossiliensucherin Mary Anning die Liebesgeschichte schenken, die sie verdiente. Fragt sich nur, wie hat sie das verdient? Denn obwohl Lees Absicht ehrenwert ist, nämlich die ausgeblendete Existenz queeren Lebens in der Geschichte sichtbar zu machen, wirft er hier erotische Fantasie, Genrekonventionen und reale Personen derart durcheinander, dass man sich zu Recht fragen darf, ob er den historischen Persönlichkeiten Mary Anning und Charlotte Murchison einen Dienst erweist?

"Männliche" Anning

Mary Anning wurde bereits zu Lebzeiten als die größte Fossilienjägerin der Welt bezeichnet. Anning wird von Winslet verkörpert, die – wie ihr reales Vorbild – Wichtigeres zu tun hat, als zu gefallen. Die rauen, "männlichen" Züge, die der alleinstehenden Anning von Zeitzeugen attestiert wurden, werden von Winslet – wie schon in Mare of Easttown – gut getroffen. Doch Annings Alltag, der von Korrespondenzen, Freundschaften und paläontologischen Zusammenkünften geprägt sein musste, wird in Lees Film mit bitterer Armut und Tristesse übertüncht.

Saoirse Ronans Charlotte Murchison wiederum ist mit Anfang zwanzig der Inbegriff einer schwindsüchtigen viktorianischen Kindfrau. Die reale Charlotte Murchison hingegen war mit Anning befreundet, gemeinsam mit ihrem Ehemann arrivierte Paläontologin – und zehn Jahre älter als Anning! Eine realistische Liebesgeschichte wäre die zwischen Frauen in ihrer Lebensmitte gewesen – eine Liebschaft Ebenbürtiger, wie sie anhand der spannenden Nebenfigur von Elizabeth Philpot (Fiona Shaw) angedeutet wird.

Sollte weiterhin Jahr für Jahr ein lesbisches Kostümdrama unsere Kinos heimsuchen, dann doch bitte eines, das Fragen nach Repräsentation ernster nimmt und nicht zulasten der Wahrnehmung historisch bedeutsamer Frauen geht. (Valerie Dirk, 4.11.2021)