Facebook sagt, mit dem eigenen Climate Change Science Center gegen Desinformation vorzugehen.

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Falschinformationen über den Klimawandel erreichen auf Facebook täglich mehr als eine Million Menschen, das Ausmaß sei "atemberaubend" und nehme "ganz erheblich zu". Das ergab eine Analyse von hunderttausenden Beiträgen.

195 Facebook-Seiten und -Gruppen untersuchten die unabhängigen Non-Profit-Organisationen Stop Funding Heat und Real Facebook Oversight Board (das nicht mit dem Facebook-eigenen Oversight Board verwechselt werden sollte) dafür.

Hunderttausende Beiträge

Die Forscher fanden knapp 818.000 Beiträge, in denen die Klimakrise heruntergespielt wurde und die im Untersuchungszeitraum täglich 1,36 Millionen Mal angesehen wurden.

Zeitlich fällt die Veröffentlichung der Studie mit der derzeit laufenden Weltklimakonferenz COP 26 zusammen, sie fordert deshalb die Staats- und Regierungschefs laut dem "Guardian" dazu auf, sich ernsthaft mit Desinformation über das Klima in sozialen Medien auseinanderzusetzen: "Hier kollidieren die Ambitionen von COP 26 und die Enthüllungen der Facebook Papers. Unsere Daten zeigen, dass Facebook zu den weltweit größten Verbreitern von Klima-Desinformation gehört", sagen die Forscher.

41 der untersuchten Seiten wurden als "monothematische Gruppen" eingestuft und tragen Namen wie "Climate Change is Natural", "Climate Change is Crap" oder auch "Climate Realism". Dort wurden hauptsächlich Memes verbreitet, die die Existenz des Klimawandels leugnen oder Politiker verhöhnen, die versuchen, gegen ihn anzukämpfen.

Unter den nicht als monothematisch eingestuften Untersuchungsgegenständen befand sich zum Beispiel die Seite der rechten US-Politikerin Marjorie Taylor Greene, die irreführende Berichte und Informationen über die Klimakrise veröffentlichte.

Steigende Interaktionen

Die Verbreitung entsprechender Desinformation werde immer schlimmer, sagt Sean Buchan, Partnerschaftsmanager für Stop Funding Heat. Die Interaktionen mit Beiträgen im Datensatz sollen alleine im vergangenen Jahr um 76,7 Prozent gestiegen sein: "Wenn das weiterhin in diesem Tempo zunimmt, kann das erheblichen Schaden in der echten Welt anrichten", sagt er.

Auf eine Anfrage des "Guardian" reagierte Facebook bisher nicht, allerdings erklärte der Konzern bereits mehrfach, dass man gegen die Verbreitung von Falschinformationen vorgehe, indem Klimainformationen gekennzeichnet und Nutzer auf das Climate Change Science Center verwiesen werden. Dort stellt der Konzern vertrauenswürdige Daten zum Klimawandel zur Verfügung.

Am Dienstag kündigte Nick Clegg, Vizepräsident für globale Angelegenheiten bei Facebook, eine Ausweitung dieses Centers an. Künftig sollen mehr Länder und Informationskennzeichnungen einbezogen werden.

Eigenen Aussagen zufolge zählt das Climate Change Science Center täglich 100.000 Besucher, was nur ein Bruchteil der Nutzerzahlen ausmacht, die sich laut der Studie stattdessen Desinformationen ansehen. Insgesamt zählt Facebook monatlich 2,9 Milliarden aktive User.

Unabhängige Kontrolle

Anlässlich der Weltklimakonferenz fordern Aktivisten deshalb sowohl die USA und Großbritannien als auch die EU dazu auf, Gesetze zu verabschieden, die auf die Macht des Social-Media-Konzerns abzielen.

"Facebook kann und wird sich nicht selbst kontrollieren", schreibt das Real Facebook Oversight Board in einer Stellungnahme. "Wir brauchen eine echte, unabhängige, transparente Aufsicht und Regulierung von außen sowie eine Untersuchung aller Aktivitäten von Facebook – einschließlich der gefährlichen Verbreitung von Klima-Desinformation."

Ein Großteil aller Falschinformationen auf Facebook stammt zudem aus der Feder nur weniger Menschen. Für 78 Prozent der Klima-Desinformation, so die jüngste Studie, waren nur sieben Seiten verantwortlich – die allesamt schon vor einem Jahr in einem Bericht gemeldet wurden. (mick, 4.11.2021)