Courtney Love, 2018 in Los Angeles.

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"Sie alle hassen mich. Jeder, verdammt noch mal, hasst mich wie die Pest", sagt Courtney Love im Gespräch mit einer Journalistin. Der Text, 1992 erschienen in der "Vanity Fair", zeichnet das Bild einer berechnenden, nach Aufmerksamkeit gierenden Frau, die vor allem eines ist: die Ehefrau von Kurt Cobain. Erst im Februar haben die beiden am Waikiki Beach auf Hawaii geheiratet, das Traumpaar des Grunge beschäftigt fortan nicht bloß Branchenmedien wie den "Rolling Stone". Love würde auch während ihrer bestehenden Schwangerschaft Heroin drücken, legt der "Vanity Fair"-Artikel nahe, die Boulevardpresse spekuliert schließlich über das "Rockstar-Baby als Junkie".

Dass Courtney Love vielen so verhasst war – und es unter puristischen Nirvana-Fans bis heute ist –, hat aber nur am Rande mit ihrem phasenweisen exzessiven Drogenkonsum zu tun, der als Stigma sowohl an Love als auch Cobain haftete. Die Punkrockerin verkörperte vielmehr jene Rolle, die im Musikbusiness allein Frauen vorbehalten ist: Als Hexe und vermeintlich zerstörerische Kraft beerbte sie Yoko Ono, der bis heute nachgesagt wird, für die Auflösung der Beatles verantwortlich zu sein.

Courtney Love, Front Frau von The Hole, 1991 in Berlin.
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1992 befand sich Cobain mit Nirvana auf dem Höhepunkt seiner Karriere, das kommerziell verdauliche "Nevermind" hatte gerade eben Michael Jacksons "Dangerous" von der Spitze der US-amerikanischen Album-Charts verdrängt. Für jene Grunge-Band aus Aberdeen, die wenige Monate zuvor noch im Kleinbus durch stickige Clubs getingelt war, standen Vertreter der Major-Labels plötzlich Schlange. Nirvana hatte den Weltschmerz einer ganzen Generation vertont – und damit Cobain, Stimme und Gesicht der Band, unweigerlich auf einen Sockel gehievt.

Eigenständige Karriere

So plagten auch Courtney Love Bedenken, aufgrund ihrer Beziehung mit Cobain nicht länger als eigenständige Musikerin wahrgenommen zu werden, schreibt Charles R. Cross in seinem 2001 veröffentlichten Buch "Heavier Than Heaven". Die offizielle Erzählung war indes eine andere: Zahlreiche Kommentator*innen und Fans unterstellten Love, bloß den Ruhm ihres Superstar-Ehemanns für die eigene Karriere abschöpfen zu wollen. Dabei hatte sich die Sängerin und Gitarristin mit der Band Hole in der Independent-Szene längst einen Namen gemacht. Auch wenn die Verkaufszahlen des Debütalbums "Pretty on the Inside" noch überschaubar blieben, lobten Kritiker*innen durchwegs den unverkennbaren Sound der Band sowie kluge Lyrics, die Love sich geradezu aus dem Leib schrie. Auch Bassistin Kristen Pfaff und Drummerin Patty Schemel drückten der Band ihren Stempel auf – Instrumente, die auf der Bühne bis heute fest in männlicher Hand sind.

Den kommerziellen Durchbruch brachte "Live Through This", das wenige Tage nach Cobains Suizid erschien. "Was she asking for it, was she asking nice?", fragt Love im Song "Asking for it", der 1991 nach einem Auftritt in Glasgow entstand. Ganz in Rockstar-Manier sprang die Sängerin von der Bühne – doch statt vom Publikum getragen zu werden, rissen ihr Besucher*innen die Kleider vom Leib, fassten an ihre Brüste, steckten Finger in ihren Körper. "Ich kann es nicht mit einer Vergewaltigung vergleichen, weil es nicht dasselbe ist. Aber in gewisser Weise war es das. Ich wurde von einem Publikum vergewaltigt, im übertragenen Sinne, im wahrsten Sinne des Wortes, und doch, was I asking for it?", erzählte sie später dem "New York Magazine". Sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch bleiben prägende Themen in Loves Schaffen, gemeinsam mit Cobain – der sich ebenso als Feminist verstand – tritt sie beim Benefizkonzert Rock Against Rape auf.

Boys Club

Dass für Frauen im Musikbusiness andere Regeln gelten, demonstrierte der Umgang mit Loves Auftritten geradezu exemplarisch. Love, die vorübergehend auch als Stripperin gearbeitet hatte, drängte geradezu ins Scheinwerferlicht, sichtlich empfand sie Freude daran, ihr Publikum zu konfrontieren. Zu laut, zu ungehobelt, zu aggressiv, zu viel Lippenstift – zu dreckig also, so das Urteil. Während Cobain mit in sich gekehrtem Blick und übergroßer Strickweste eine Art Heiligenstatus anhaftete, diente Love als Projektionsfläche allen Übels im Nirvana-Universum. "Er gilt als der Rockstar, der nicht berühmt werden wollte, als der schwache Typ, der von dieser kontrollierenden Frau vereinnahmt wurde", formuliert es Love 2015 gegenüber "Loudwire". So wird Love auch zugeschrieben, Heroin in das Leben von Cobain gebracht zu haben – eine Version der Geschichte, der viele widersprechen. Jahrelang kämpfte Cobain mit Depressionen, mit chronischen Schmerzen und schließlich schwerer Heroin-Abhängigkeit.

Als Cobain im April 1994 im gemeinsamen Haus Suizid beging, rollte eine neue Welle des Hasses über die Musikerin hinweg. Love, die Teile seines Abschiedsbriefs an trauernde Fans verlas und selbst voller Wut und Verzweiflung kommentierte, galt rasch als jene Person, die Kurt in den Suizid getrieben hatte. Auch Theorien eines Auftragsmords geisterten später durch die Foren, 2015 erschien das Dokudrama "Soaked in Bleach" von Benjamin Statler, das sich der Verschwörungstheorie widmete. Dass Cobain im Abschiedsbrief seine Liebe zu Courtney und Tochter Francis Bean beschwörte, ließ Kritiker*innen ebenso kalt wie der Umstand, dass Love – nun als alleinerziehende Mutter – öffentlich mit dem Schmerz ihres Verlusts kämpfte. Noch im selben Jahr stellt sie sich einem Interview mit Starjournalistin Barbara Walters, die eine sichtlich gezeichnete Love mit intimen Fragen konfrontiert. Ist sie eine gute Mutter? Hat sie bereits Drogen in Anwesenheit ihrer Tochter konsumiert? "Sie wissen, manche Menschen denken, Sie haben einen Todeswunsch", resümiert Walters.

Troublemaker

Während Holes zweites Album "Live Through This" auch von der Musikpresse gefeiert wird, verbreiten sich Gerüchte, Cobain sei der wahre Mastermind hinter dem Erfolgsalbum – Loves Bandkolleg*innen bestreiten das ebenso wie Produzent*innen und spätere Biografen.

Trotz Cobains Suizid geht Love auf Tour, auf der Bühne zu stehen habe sie am Leben gehalten, erzählt sie in Interview. Immer wieder verwickelt Love sich zu dieser Zeit in Rechtsstreitigkeiten – und wird auch gewalttätig. So soll sie auf einem Festival Riot-Girl-Ikone Kathleen Hanna ins Gesicht geschlagen haben.

Familie Love-Cobain bei ihrer Ankunft zu den MTV Music Awards in Los Angeles 1992.
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1998 erscheint das dritte Studioalbum, "Celebrity Skin", es wird das kommerziell erfolgreichste der Alternative-Band. Neben ihrer Karriere als Sängerin, Gitarristin und Songwriterin feiert Love aber auch als Schauspielerin Erfolge – so erhält sie für ihre Rolle in "The People vs. Larry Flynt" eine Nominierung für den Golden Globe als beste Hauptdarstellerin. Mit späteren (Solo-)Projekten als Musikerin kann Love nicht an alte Erfolge anknüpfen, ihr Drogenkonsum hingegen sorgt andauernd für Schlagzeilen, vorübergehend verliert sie das Sorgerecht für Tochter Frances Bean. Die Tatsache, dass sie als Witwe auch Cobains finanzielles Vermächtnis verwaltet, sorgt für weitere Konflikte: So verklagte sie unter anderem Ex-Nirvana-Mitglieder Dave Grohl und Krist Novoselic, mit denen sie sich Rechte an den Werken teilte: Kurt sei letztendlich Nirvana gewesen, ließ sie die beiden Musiker wissen.

Ewige Diva

All jenen, die seit Jahren am Bild der verantwortungslosen, manipulativen wie geldgierigen Ehefrau und Witwe zimmerten, lieferte Love damit weiteren Zündstoff. Selbst auf Twitter, wo sie seit 2009 einen Account betreibt, zettelt Love mit Vorliebe Konflikte an und fällt auch mal mit peinlichen Appellen an Präsident François Hollande auf, weil sie wegen eines Taxifahrerstreiks im Stau steht. Courtney gelte eben immer noch als "Diva des Rock 'n' Roll", kommentierte die "Süddeutsche Zeitung" zurückhaltend.

Das männliche Gegenstück zur divenhaften Rockerin fehlt freilich: Verbalschlachten mit unliebsamen Konkurrenten oder ausschweifende "Groupie-Partys" gehören fast schon zum guten Ton einer Machismo-Männlichkeit, die immer noch große Teile des Musikbusiness dominiert. Gut möglich also, dass Courtney Love erst posthum eine neue Geschichte erhält: jene der exzentrischen Punkrock-Pionierin, die unzähligen Musikerinnen den Weg ebnete – und die sich mit der Rolle der bösen Witwe nicht abfinden wollte. (Brigitte Theißl, 5.11.2021)