Eben erst war sein Tagebuch eines Schriftstellers erschienen. In den Aufzeichnungen, die bis in sein Todesjahr 1881 reichen, erinnert sich Dostojewski, dass in der Literatur vor "guten dreißig Jahren" nur Romane "erlaubt waren" – "alles Übrige, fast jeder Gedanke (…) war strengstens verboten".

Die Brüder Karamasow, nach dem Raskolnikow-Roman das wohl bis heute bekannteste Werk Dostojewskis, hatte längst den Ruhm des Autors zu Lebzeiten zementiert. Aber der 59-Jährige, der schon in jungen Jahren an epileptischen Anfällen litt, wird seit einiger Zeit auch von einem Lungenemphysem geplagt. Er ist todkrank.

"Der Mensch ist ein Geheimnis. Man muss es enträtseln": Fjodor Dostojewski.
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Am Abend des 28. Jänner 1881 lässt er seine Kinder zu sich rufen. Seine Frau Anna liest ihm aus der Bibel vor. Er empfängt die Sterbesakramente, verliert das Bewusstsein und wacht nicht mehr auf. In den Moskauer Nachrichten heißt es, Dostojewski habe sein Leben mit den letzten Worten des Sterbegebets ausgehaucht.

Zum 200. Geburtstag Dostojewskis, dessen Werk in verschiedenen Verlagen greifbar ist, sind etliche Bücher erschienen. Eine Auswahl
David Bühne, Markus Spicker, "Rock me, Dostojewski! Poet. Prophet. Psychologe. Punk". 25,80 Euro / 560 Seiten. Fontis, Basel 2021
Cover: Fontis Verlag

Vom Leben dieses genialen russischen Romanciers, den doch alle zu kennen glauben, weiß man allerdings relativ wenig. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass diesem Dichter die Pose des großen Mannes vollständig fremd war. Womöglich erinnert man sich in dem Zusammenhang an das Wort von André Gide, einem Verehrer von Dostojewski: "Man ist darauf gefasst, einem Gott zu begegnen, und findet einen Menschen."

Fjodor M. Dostojewski führte ein unstetes Leben. Jahrelang reiste er kreuz und quer durch Europa, oft von einer Spielbank zur anderen, und immer verschuldet auf der Suche nach Geld. Anna Grigorjewna, die Frau, mit der er 14 Jahre verheiratet war, wusste von der Epilepsie, jener schweren Krankheit, die bei ihm während seiner Haftzeit aufgetreten war.

Anna Dostojewkaja, "Mein Leben mit Fjodor Dostojewski. Erinnerungen". 26,80 Euro / 565 Seiten. Aufbau-Verlag, Berlin 2021
Cover: aufbau Verlag

Sie war auch über seine katastrophale finanzielle Situation und die fatale Spielleidenschaft aufgeklärt. Schon bald nach dem Eheschluss flüchtete das Paar vor den Gläubigern und den ständigen Geldforderungen der Verwandten.

Fast vier Jahre reisten die zwei kreuz und quer durch Europa. Am Ende dieser Zeit im Ausland hatte sich bei Dostojewski eine Art Hass auf die Fremdheit Westeuropas entwickelt. Er empfand eine regelrechte Abscheu für diese Länder. Daraus entwickelte sich bei ihm ein engstirniger Nationalismus, der zur Bodenständigkeit, zur Rückkehr zu den wahren christlichen Werten aufrief, die er nur beim einfachen russischen Volk erkannt haben wollte.

Was er russisches Christentum nennt, akzeptiert aber auch die Tyrannei. Dazu kommen der Hass auf die Vereinigten Staaten und ein tief sitzender Antisemitismus, wie eingemauert in der russisch-orthodoxen Kirche.

Mehrjährige Haftstrafe

Er selbst stammte aus einer verarmten Moskauer Familie. Die Schule besuchte er in Petersburg. Sein Vater, der ihn finanziell in diesen frühen Jahren unterstützte, starb unter ungeklärten Umständen, entweder an einem Schlaganfall – oder von wütenden Bauern ermordet.

Den Studenten Dostojewski kann man aus heutiger Perspektive der linken Opposition gegen die autokratische Herrschaft des Zaren zurechnen. Er schließt sich den Petrasevcen an, die sich in gesellschaftlicher Isolierung und konspirativen Manieren gefielen, eine relativ harmlose Gruppe.

Fjodor Dostojewski, "Der Doppelgänger. Die Urfassung". Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg. 24,70 Euro / 336 Seiten. Galiani, Berlin 2021
Cover: Galiani Verlag

1849 wurde dieser "Kreis" ausgehoben und einer staatspädagogischen Behandlung durch das verängstigte Regime unterzogen. Seine Mitglieder wurden zum Tode verurteilt, am Tag der Hinrichtung aber in letzter Minute zu mehrjährigen Haftstrafen begnadigt.

Diese barbarische Vorgehensweise wurde durch den jungen Dostojewski aufgedeckt, der nach seiner vierjährigen Festungshaft im sibirischen Omsk den Schrecken des russischen Strafvollzugs in den Aufzeichnungen aus einem Totenhaus für alle Welt gewissermaßen aktenkundig machte.

Allerdings weist das Beispiel Dostojewskis darauf hin, dass auch in seiner Generation oppositioneller Jugend nicht alle den Weg des Revolutionärs weitergingen, den man im Westen gerne als Vorbild bestimmte.

Autonomes Bewusstsein

Dostojewski wurde durch die Erfahrung mit der Staatsmacht nicht zum lebenslangen Empörer, sondern entwickelte sich zum Nationalisten. Vier Jahre Lagerhaft, fünf Jahre Soldatenleben. Der junge Dichter ist ein anderer Mensch geworden. Er hat in dieser schwersten Zeit eine Grenze überschritten, die er bis an sein Lebensende reflektiert. Vor allem in den großen Romanen Schuld und Sühne, Der Idiot, Die Dämonen, Der Jüngling und Die Brüder Karamasow.

Jede Figur ist bei Dostojewski Träger eines autonomen Bewusstseins, das über eine eigene Stimme im Roman verfügt. Die Personen sind unabhängig von der ideologischen Position des Erzählers.

In Schuld und Sühne geht es zwar vordergründig um die Läuterung einer vom "Verbrechen besudelten Seele". Aber man kann nicht übersehen, dass es sich bei Raskolnikow um einen Verbrecher aus sittlicher Empörung handelt, dessen Aggression sich gegen die ungerechte Ausbeutung finanzieller Ohnmacht richtet.

Gegen eine ungerechte Weltordnung

Karla Hielscher, "Dostojewski in Deutschland". 14,40 Euro / 290 Seiten. Insel, Berlin 2021
Cover: Insel Verlag

Das hat womöglich auch damit zu tun, dass der Autor selbst lebenslang unter dem Mangel an Geld gelitten hat. Dostojewski lenkt die Sympathie des Lesers auf den Mörder, der nicht aus Habgier zum Verbrecher wird, sondern aus dem Aufbegehren gegen eine ungerechte Weltordnung. Die geistigen Väter Raskolnikows in seiner Vorstellung vom Recht zum Verbrechen heißen Solon, Mohammed und Napoleon.

Deshalb leistet Raskolnikow im sibirischen Straflager auch keine Sühne: "Er aber bereute sein Verbrechen nicht." Vielmehr öffnet ihm die Strafe die Einsicht in die Gefährlichkeit seiner Argumentation: "An die Stelle der Dialektik war das Leben getreten, und in seinem Kopf wollte etwas völlig anderes entstehen."

"Dostojewski hat", wie Horst Bienek schrieb, "tief in die Seele eines Mörders geblickt." Er war eben kein Advokat des Bösen, sondern ein großer Moralist, von dem Nietzsche meinte, er sei der einzige Psychologe, von dem er etwas zu lernen gehabt habe.

Andreas Guski, "Dostojewskij. Eine Biographie". 20,60 Euro / 464 Seiten. C.-H.-Beck-Verlag, München 2021 (Sonderausgabe)
Cover: C.H. Beck

Dostojewski hat noch zwei Jahre zu leben, als 1879 sein – auch dem Umfang nach – größter Roman Die Brüder Karamasow erscheint. Es ist sein letztes und womöglich wichtigstes Werk, von dem Sigmund Freud 1927 meinte, es sei der "großartigste Roman, der je geschrieben wurde", die "Episode des Großinquisitors" sei als "eine der Höchstleistungen der Weltliteratur kaum zu überschätzen". Dostojewski hatte wenige Wochen nach dem Tod seines jüngsten Sohnes Aljocha im Herbst 1878 mit der Niederschrift begonnen, deren Vorarbeit allerdings schon mehrere Jahre zurückreichte.

Zerfall und Neuorganisation

Hinter dem angeblichen Vatermörder Dimitri stand ein ehemaliger Häftling, den Dostojewski in Omsk kennengelernt hatte. Zehn Jahre lang hatte der, verurteilt wegen Vatermordes, im Zuchthaus zugebracht, obwohl er unschuldig war. Er kommt erst frei, nachdem sein jüngerer Bruder den Vatermord zugibt.

Vatermord, Justizirrtum, aber auch die junge Generation und die russische Familie beschäftigen Dostojewski in diesen letzten Lebensjahren. So widmet er seinen Roman Der Jüngling der "zufälligen Familie", deren Umbruch ihn belastet.

"Unser Leben ist zweifellos in Auflösung begriffen und somit auch die Familie. Doch ist es notgedrungen so, dass sich das Leben neu organisiert, auf neuen Grundlagen." So fragt Dostojewski im Tagebuch eines Schriftstellers Anfang 1877: "Wer ist imstande, auch nur ansatzweise die Gesetze dieses Zerfalls und dieser Neuorganisation zu bestimmen, auszudrücken?"

Ursula Keller und Natalja Sharandak, "Dostojewski und die Frauen". 24,70 Euro / 380 Seiten. Insel, Berlin 2022 (erscheint am 17. 1.)
Cover: Insel Verlag

Hat er sich selbst als "Vollstrecker der Nächstenliebe", als "reinen Missionar des Mitleids" gesehen, als "Demonstrant der Güte", wie ihn Siegfried Lenz bezeichnet hat? Verkörpert er seine eigene exzentrische Figur des Fürst Myschkin, den seine Umgebung "Idiot" nennt? Die Arbeit am Roman Der Idiot war der Versuch, das "Positiv-Schöne" darzustellen, eine Aufgabe, der – wie Dostojewski schrieb – alle Dichter nicht gewachsen waren: "Es gibt in der Welt nur eine einzige positive Gestalt: Christus …"

Myschkin ist ein stiller Revolutionär, der zwar für ein harmonisches Miteinander plädiert, aber seine ganze Umgebung in hellen Aufruhr versetzt. Vier Jahre lang lebte er im Ausland. Er bleibt ein Außenseiter als "Idiot", der gegen die Regeln der Gesellschaft verstößt, sie nicht anerkennt und deswegen als gefährliche Bedrohung der Ordnung angesehen wird. Oder – wie Camus gesagt hat: Dostojewskis Geschöpfe seien "weder seltsam noch absurd. Sie gleichen uns, wir haben das gleiche Herz." (Wolf Scheller, ALBUM, 11.11.2021)