Bisher hat sich der Streit zwischen Moskau und Kiew meist am Gas entzündet, nun geht es um Kohlelieferungen, die Russland eingestellt hat. Begründet wird dies mit Eigenbedarf.

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Die Wettervorhersage verspricht nichts Gutes: In der laufenden Woche werden die ersten Nachtfröste erwartet. Im Osten kann das Thermometer auf bis zu minus sieben Grad absinken.

Das dürfte die akute Energiekrise, in der das Land steckt, nur noch verschärfen. Schon jetzt ist die Ukraine gezwungen, Strom aus Belarus zu importieren. Die erste Lieferung erfolgte am 1. November, damals noch mit dem Hinweis Reservelieferung versehen. Der Preis lag laut dem Rada-Abgeordneten Maxim Uschanski aus der Präsidialfraktion "Diener des Volkes" dementsprechend beim Dreifachen des Normalpreises – umgerechnet kostete die Kilowattstunde die Ukraine 0,17 Euro.

Stromankäufe

Doch inzwischen gehören die Stromankäufe zur Tagesordnung. Die Umfänge der Bestellungen werden dabei immer mehr: Wurden zunächst fünf Megawatt geliefert, stieg die angeforderte Leistung zuletzt auf 15 Megawatt pro Tag und sollte am Montag auf 400 Megawatt ausgebaut werden. Der Strom stammt dabei vor allem aus dem mit russischer Hilfe erbauten Atomkraftwerk, der seit einem Jahr in Betrieb ist.

Konflikt um die Kohle

Hintergrund ist ein weiterer Energiestreit zwischen Russland und der Ukraine. Seit dem 1. November hat Russland die Lieferung von Anthrazitkohle, die zur Befeuerung der ukrainischen Heizkraftwerke nötig ist, eingestellt. "Die Entscheidung hängt mit der wachsenden Nachfrage nach Energiekohle zusammen", im Winter sei es nötig, den Eigenbedarf zunächst zu decken, begründete das russische Energieministerium den Schritt.

Ungeachtet der Auseinandersetzungen zwischen Moskau und Kiew ist Russland bis heute der wichtigste Kohlelieferant für die Ukraine. Bis November war Russland für etwa 68 Prozent der in die Ukraine importierten Kohle verantwortlich. Daneben bekam die Ukraine noch Kohle aus Kasachstan und – inoffiziell – aus den Separatistengebieten im Donbass, wo seit Jahrzehnten Kohle für die ukrainische Industrie sowie für die Deckung des Strom- und Wärmebedarfs im Land gefördert wird.

Auch Lieferungen aus Kasachstan unterbrochen

Neben den eigenen Lieferungen hat Russland die Ukraine dabei auch von der kasachischen Kohle abgeschnitten, angeblich weil es nicht genügend Güterwaggons für deren Transport gibt.

Kiew hat sich allerdings wenig Mühe gegeben, die Lieferungen aufrechtzuerhalten. Er werde Moskau nicht um eine Wiederaufnahme der Kohlelieferungen bitten, sagte der ukrainische Energieminister German Galuschtschenko in der vergangenen Woche.

Andere Kohle bringt’s nicht

Allerdings kann Kiew russische Kohle nicht einfach gegen andere Kohle austauschen, da die ukrainischen Kraftwerke auf die russischen Kohlenarten geeicht sind. Die Kohlekraftwerke stehen daher teilweise still. Die ukrainischen Atomkraftwerke hingegen arbeiten nach Angaben aus der Regierung bereits jetzt schon "am Anschlag" und können die Stromproduktion nicht weiter fördern. Alternative Energieträge liefern trotz umfangreicher Förderung noch keinen wesentlichen Beitrag zur Energiesicherheit des Landes.

Ohne ständige Hilfe aus Belarus droht der Ukraine daher eine großflächige Stromabschaltung. Im bevorstehenden Winter keine rosigen Perspektiven. Allerdings ist der Wechsel des Stromlieferanten politisch für die Ukraine nicht viel besser. Denn auch mit dem belarussischen Staatschef Alexander Lukaschenko sind die Beziehungen gespannt.

Schwieriges Verhältnis mit Lukaschenko

Die Ukraine hat sich an den Sanktionen gegen den Autokraten wegen der Menschenrechtsverstöße in Belarus beteiligt. Das hat zu einer massiven Eintrübung der Beziehungen geführt, Lukaschenko wirft Kiew vor, die Opposition gegen ihn zu stützen. Der Stromkauf ist damit ein massives Eingeständnis der eigenen wirtschaftlichen Schwäche der Ukraine.

(André Ballin, 9.11.2021)