Frevel auf der Fußballtribüne oder Gruß nach Wien?

Foto: REUTERS/Kai Pfaffenbach

Kein anderes Nachbarland – und davon nennt Österreich immerhin ganze acht sein Eigen – erregt die Gemüter zwischen Bangs und Berg so verlässlich wie Deutschland. Was in Bezug auf andere Völker von den meisten zu Recht als rassistisches No-Go abgelehnt wird, pauschale Spitznamen nämlich, gilt auf die Deutschen gemünzt als harmlos, salonfähig und als guter Schmäh – man ist ja der kleine Nachbar, dem alles erlaubt ist. Fest steht: So gut wie jede und jeder hierzulande hat eine Meinung, wenn es um Land und Leute jenseits von Inn und Zugspitze geht.

Wie es um diese bestellt ist, wollte der deutsche Botschafter in Österreich, der ehemalige "Spiegel"-Journalist Ralf Beste, nun genauer wissen. Während seine Kollegen in Paris schon vor Jahren eine große Studie in Auftrag gaben, wie es um das Deutschland-Bild der Französinnen und Franzosen steht, tappte man diesbezüglich in Österreich bisher noch im Dunklen. Zwar habe jeder so seine Anekdoten im Kopf, meinte Beste, doch in Zahlen gegossen wurden diese bisher noch nie. Am Mittwochnachmittag stellte der Botschafter die Ergebnisse der Befragung in einer Pressekonferenz in seiner Residenz in Wien-Hietzing vor.

Schnitzel mit Tunke kein Thema mehr

Die gute Nachricht zuerst: Die klassischen teutonischen Klischees – etwa dass sie ihr Schnitzel bevorzugt mit Tunke essen, zum Zwecke eines schlanken Fußes Sandalen mit weißen Socken kombinieren und im Urlaub den schläfrigen Österreicherinnen und -österreichern die Liegestühle per Handtuch vorenthalten – spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. Abgefragt wurden sie in der Integral-Umfrage aber trotzdem und kamen auf drei beziehungsweise je ein Prozent Zustimmung.

Viel wichtigere Erkennungsmerkmale sind, wenig überraschend, die Sprache (19 Prozent), die sagenumwobene Pünktlichkeit (zehn Prozent) und die Genauigkeit (neun Prozent). 59 Prozent der Befragten halten Deutsche für rechthaberisch.

Erstaunlich: Je besser die Österreicherinnen und Österreicher Deutschland und die Deutschen kennen, desto wohlwollender blicken sie über die Grenze. Eine weitere Faustregel lautet, dass der geografische Abstand zu Deutschland der Sympathie dienlich ist. Tirol und Vorarlberg, wo besonders viele Deutsche im Winter urlauben, halten unsere Nachbarinnen und Nachbarn für am wenigsten sympathisch, in Wien hingegen schätzt man sie. Und auch das Alter spielt eine Rolle: Je mehr Jahre man am Buckel hat, desto mehr mag man – statistisch betrachtet –die Deutschen.

Sonderfall Bayern

Auch wenn 35 Prozent der Befragten sich Deutschland von allen Nachbarländern emotional am nächsten fühlen: Die Deutschen, so findet es jedenfalls die Mehrheit in der Studie, ticken doch ganz anders als wir. 78 Prozent sehen das so. Alle Deutschen? Nicht ganz, gibt es doch im Südosten ein gar nicht mal so kleines Völkchen, das die Österreicherinnen und Österreicher großzügig ausnehmen aus allen klischeetriefenden Klassifizierungen. Nur 32 Prozent finden, dass man in Bayern anders tickt als hierzulande.

Politisch betrachten die befragten Österreicherinnen und Österreicher Deutschland als Nachbarn (96 Prozent Zustimmung), Partner und Freund (68 Prozent) und Verbündeten (62 Prozent), jeder Zweite beklagt aber, dass ebendieser unser Land gelegentlich von oben herab behandle. Deutschland trage gegenüber dem kleinen Österreich eine Bringschuld und müsse mehr Rücksicht auf uns nehmen. Gemeinsame Projekte mit Deutschland in der EU halten aber viele für eine gute Idee.

Apropos gemeinsame Projekte: Ganzen zehn Prozent der Befragten kommt eine Beziehung mit einer oder einem Deutschen "sicher nicht" in die Tüte, die Mehrheit steht dieser Spielart der binationalen Gemeinschaft aber gleichgültig bis wohlwollend gegenüber. Neun von zehn Befragten gaben an, schon einmal in Deutschland gewesen zu sein, immerhin 48 Prozent sagen, sie hätten im Familien- oder Freundeskreis mit Deutschen zu tun. Bei mehr als 300.000 Deutschen, die aktuell Österreich ihre Heimat nennen, ein erstaunlich hoher Wert. Ganze zwanzig Prozent der Befragten finden übrigens, dass längst zu viele Deutsche im Land sind. (Florian Niederndorfer, 11.11.2021)