Bei der Weltklimakonferenz einigten sich zwar überraschend China und die USA auf mehr Klimaziele, dennoch wirkt ein Abschluss der Konferenz noch in weiter Ferne.

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Glasgow – Nach langen Tagen und immer kürzeren Nächten steht den Delegierten auf der UN-Weltklimakonferenz die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Der britische COP-26-Präsident Alok Sharma mahnte die beinahe 200 Staaten weltweit am Donnerstag zur Kompromissbereitschaft: "Wir müssen einen Gang hochschalten." Sind die Anstrengungen zur Begrenzung des Klimawandels genug? Wer bremst, wer drängt? Was hat es mit der US-chinesischen Erklärung auf sich? Ist an diesem Freitag wirklich Schluss?

Nach knapp zweiwöchigen Beratungen solle die Tagung pünktlich "am Freitag, und zwar diesen Freitag", enden, scherzt Sharma. COP-Veteraninnen, nicht zuletzt in der eigenen Delegation, halten das für naiv, schließlich seien die Uno-Konferenzen fast immer verlängert worden, und zwar vor allem dann, wenn es um bindende Vereinbarungen und das dafür notwendige Geld ging.

Frage des Geldes

Nicht umsonst nannte Sharma, auf die noch ausstehenden Punkte angesprochen, am Donnerstag "Finanzen" als ersten Punkt. Im Klartext ist damit gemeint: Die westlichen Industrienationen sollen mehr Geld für Projekte im globalen Süden lockermachen, mit denen die schon heute katastrophalen Folgen des Klimawandels eingedämmt werden sollen. "Geld für Flutwehre und Strandmauern, Forschungsmittel für weniger klimaanfällige Getreidesorten", zählt Sharmas Sprecherin Allegra Stratton auf.

Worüber wird noch diskutiert?

Hinter den Kulissen feilschen die Delegierten aber auch um andere Punkte des rund 200-seitigen Communiqués. Dazu zählen die Umstellung der Weltwirtschaft auf eine Zukunft ohne fossile Brennstoffe: Elektroautos, erneuerbare Energien, die möglichst rasche Abschaltung von Kohlekraftwerken, das Ende fossiler Brennstoffe. Vor allem letzterer Punkt bringt die Lobbyisten der Öl- und Kohleförderer sowie -konsumenten auf die Palme.

Sie plädieren stattdessen für eine bessere Förderung der bisher teuren und weltweit wenig erprobten Technik der CO2-Speicherung (Carbon Capture and Storage, kurz CCS). Das Ölscheichtum Saudi-Arabien arbeite zur Erreichung seiner Ziele "mit schmutzigen Tricks", ärgerte sich Irlands Altpräsidentin Mary Robinson. Auch Russland, Brasilien und Australien würden ehrgeizigen Klimaschutz blockieren. Beim Umweltsünder China gelte immerhin der mildernde Umstand, dass die kommunistische Diktatur häufig wenig verspricht und viel schafft.

Worum geht der Streit?

Die britischen Gastgeber wollen die 197 Unterzeichner der Pariser Klimavereinbarung von 2015 darauf verpflichten, bis Ende nächsten Jahres ehrgeizigere Pläne zur Reduzierung von Treibhausgasen vorzulegen. Nur so könne das Ziel erreicht werden, die globale Erwärmung bei unter zwei Grad, am besten sogar bei 1,5 Grad, zu stoppen.

Aus heutiger Sicht wirkt dies unrealistisch. Die UN-Umweltagentur Unep rechnete vergangenen Monat die bis dahin veröffentlichten nationalen Pläne (abgekürzt NDCs) zusammen: Im Zeitraum bis 2030, den viele Wissenschafter für entscheidend halten, würden klimaschädliche Emissionen lediglich um 7,5 Prozent zurückgehen, eine katastrophale Erwärmung von 2,7 Grad wäre die Folge. Vergangene Woche gab sich die Internationale Energieagentur (IEA) optimistischer: Basierend auf neuen Versprechungen und konkreten Plänen, könnte 1,8 Grad erreicht werden. Diese Woche gossen die Verantwortlichen des weithin respektierten Climate Action Tracker (CAT) Wasser in den Ökowein. Realistischerweise müsse die Weltgemeinschaft damit rechnen, das Paris-Ziel zu verpassen; die CAT-Prognose lautet auf 2,4 Grad.

Was hat es mit der gemeinsamen Erklärung der USA und Chinas auf sich?

Noch vergangene Woche hänselte US-Präsident Joe Biden seinen Pekinger Kollegen Xi Jinping, weil dieser nicht in Glasgow erschienen war. Hingegen fädelte Chinas Chefunterhändler Xie Zhenhua vor Ort mit Bidens Klimabeauftragtem John Kerry die Willenserklärung ein, mit der das Duo am Mittwochabend die COP-Verantwortlichen überraschte. Gemeinsam sei man der Auffassung, dass die bisherigen Vereinbarungen dem Pariser Abkommen nicht gerecht würden, teilte Xie mit: "Wir hoffen, dass unsere Erklärung zum Erfolg von COP 26 beiträgt." Kerry wies auf die geopolitische Bedeutung der Dokuments hin. Zwar habe Washington "jede Menge Meinungsverschiedenheiten", aber: "Dieses Problem lässt sich nur durch Kooperation lösen", so der frühere Außenminister.

Schadet die separate Diplomatie der Weltmächte der Einigkeit?

Dafür gibt es eigentlich keinen Grund, im Gegenteil: Dass die beiden größten Treibhausgasproduzenten der Welt sich zu den Prinzipien des Klimaschutzes bekennen, gibt den Gesprächen auf anderen Feldern neuen Rückenwind. Ohnehin beruhen viele der in Glasgow verkündeten Initiativen auf "Koalitionen der Willigen", die für Nachzügler und Zögerer offenbleiben.

Beispielsweise verpflichteten sich schon vergangene Woche 40 Nationen, darunter fünf der 20 größten Kohleförderer und -verbraucher, nicht aber China und die USA, auf die baldige Abschaffung des besonders schadstoffhaltigen Energieträgers Kohle. Mehr als 80 Staaten weltweit streben die rasche Reduzierung des Treibhausgases Methan um 30 Prozent bis 2030 an. Die USA, nicht aber China und Russland, gehören zu den Unterzeichnern. Mehr als 100 UN-Mitglieder, die gemeinsam rund 85 Prozent der weltweiten Wälder repräsentieren, haben deren Abholzung den Kampf angesagt und das Versprechen durch öffentliche und private Geldversprechen von insgesamt 16,45 Milliarden Euro untermauert. An diesem Projekt beteiligen sich die großen Umweltverschmutzer China, USA und Russland, aber vor allem auch die wichtigen Regenwaldstaaten Brasilien, Kongo und Indonesien.

Welche Initiativen bleiben kontrovers?

Zum Beispiel mochten am Mittwoch weder die neuen Klimafreunde USA und China noch Europas größtes Land Deutschland eine Verpflichtung für die rasche Einführung von Elektroautos unterschreiben. Angeführt von Großbritannien, Kanada und den Niederlanden, will ein Bündnis von 24 Staaten und wichtigen Autoproduzenten wie Ford und Mercedes-Benz die Ära benzin- und dieselbetriebener Fahrzeuge spätestens 2040 beenden.

Dänemark und Costa Rica legten am Donnerstag einen ehrgeizigen Plan zur Beendigung der Öl- und Gasförderung vor. Ihre "Jenseits von Öl und Gas"-Allianz soll den Übergang auf nachhaltige Energieformen beschleunigen. Dänemark gehört in Europa zu den größten Exporteuren der fossilen Brennstoffe; neue Projekte sind seit vergangenem Jahr verboten, endgültig soll die Produktion in der Nordsee spätestens 2050 enden.

Auf die Initiative angesprochen, reagieren die Briten schmallippig, Premier Johnson sagte in Glasgow lediglich eine Prüfung der Idee zu. Hintergrund: Gegen den wütenden Protest von Umweltorganisationen schließen London und Edinburgh bisher nicht aus, das ölreiche Cambo-Feld westlich der Shetland-Inseln im Atlantik zu erschließen. Die Pläne der schottischen Nationalisten für die Unabhängigkeit ihres Landes beruhten lange Zeit auf den Einnahmen aus der Nordsee; Aberdeen gilt noch immer als Ölhauptstadt Europas. (Sebastian Borger aus London, 12.11.2021)