Nicht nur Italiens Abwehrbollwerk Leonardo Bonucci kann es nicht fassen.

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Belfast/Bern – Entsetzen im Land des Fußballeuropameisters. Wenige Monate nach der rauschenden Titelfeier muss Italien erneut um die WM-Teilnahme bangen. "Was für ein Albtraum", titelte die "Gazzetta dello Sport". In Klammern ergänzte das renommierte Sportblatt dann korrekterweise: "Aber es ist noch nicht vorbei." Italien muss wie schon 2017 in den heiklen Play-offs um die WM-Teilnahme bangen. Nutznießer Schweiz feierte indes den "gigantischen" Erfolg.

Roberto Mancini verordnete seinen Azzurri Optimismus. "Wir müssen ruhig bleiben", mahnte der Teamchef nach dem 0:0 in Belfast. "Wir haben immer noch die Chance, es zu schaffen. Das ist das Wichtigste." Der Europameister-Coach behauptete, er sei "zutiefst zuversichtlich", und orakelte in einem Anflug von Trotzigkeit: "Wir werden nach Katar fahren – und vielleicht holen wir dann sogar den Titel."

Nach den jüngsten Eindrücken geht aber die Angst vor dem erneuten Scheitern um. Schon 2017 erlebte das stolze Fußballland in der Extrarunde gegen Schweden die "Apokalypse" ("Gazzetta"). Mit 0:1 verpassten die Italiener erstmals seit 1958 eine WM. Dieses Mal wird der Weg zur Endrunde schwieriger als 2017 in dem K.-o.-Format mit Hin- und Rückspiel, räumte sogar Mancini ein. Vom 25. bis 29. März 2022 spielen zwölf Teilnehmer die letzten drei WM-Plätze für Europa aus. Zwei Spiele gegen zwei Gegner müssen gewonnen werden. Italien ist gesetzt, ein Wiedersehen mit dem ÖFB-Team ist möglich.

Wie konnte es so weit kommen?

Wie konnte es nur so weit kommen nach dem glänzenden EM-Sommer mit teils berauschenden Auftritten und einer verschworenen Einheit auf dem Platz? "Nach diesem Triumph hat uns irgendwas gehemmt", analysierte Abwehrroutinier Leonardo Bonucci. Von den fünf Qualifikationspartien im Herbst gewann Italien nur noch eine gegen Litauen (5:0). Gegen Bulgarien (1:1), die Schweiz (0:0, 1:1) und nun Nordirland (0:0) gelangen lediglich Remis.

Gegen die diszipliniert verteidigenden Briten waren die Italiener, die wegen Verletzungen aber kaum mehr in der EM-Besetzung auftreten konnten, meilenweit entfernt von einem klaren Sieg, der letztlich nötig gewesen wäre. "Was für ein hässliches Italien", unkte der frühere Stürmer Luca Toni als Experte im TV-Sender Rai. "Wir müssen diese Freude wiederfinden, als Team gemeinsam auf den Platz zu gehen", forderte Bonucci. "Wenn du im Kopf leicht bist, dann machst du deine Chancen auch rein."

Vor allem die zwei Unentschieden gegen die Schweiz, bei denen Jorginho, Europas "Fußballer des Jahres", jeweils Elfmeter verschoss, wogen schwer. "Glück braucht es im Sport. Und wenn man alle Komponenten des Spiels analysiert und alles umsetzt, was man sich vornimmt, dann bekommt man auch das nötige Glück", meinte der Schweizer Teamchef Murat Yakin nach dem 4:0 über Bulgarien. Das reichte, um Italien noch von Platz eins in der Gruppe zu verdrängen.

Schweiz regelmäßig bei Endrunden dabei

Yakin erklärte, Nordirlands Trainer Ian Baraclough als Dank nun "reichlich von der besten Schweizer Schokolade" zu schicken. Er selbst hatte, als er vor die Medien trat, spontan Applaus von Journalisten erhalten. "Gigantisch" sei der Coup, sprach der gerührte Trainer. "Wer hätte vor drei Monaten gedacht, dass wir den Europameister hinter uns lassen?" Zum zwölften Mal hat sich die Schweiz für die WM qualifiziert, seit der EM 2004 war Österreichs Nachbar mit Ausnahme der EM 2012 bei jeder WM und EM dabei.

Ein spezielles Lob hatte Yakin für Kapitän Xherdan Shaqiri bereit, der sein 100. Länderspiel bestritt. "Er spielt auf einer sehr wichtigen Position. Er ist ein genialer Fußballer, wenn er fit und im Rhythmus ist. Und als Captain geht er als Vorbild voran." Salzburgs Noah Okafor erzielte mit seinem ersten Treffer für das A-Team das wichtige 1:0.

Als Nachfolger des langjährige Nati-Teamchefs Vladimir Petkovic hat Yakin (zuletzt Trainer in Schaffhausen und Sion) in sieben Spielen vier Siege und drei Unentschieden vorzuweisen. Eine starke Statistik, die nun mit einem Vertrag bis zur EM in Deutschland 2024 belohnt wird. (APA, red, 16.11.2021)