In Addis Abbeba marschiert die äthiopische Nationalarmee auf, während tausende Tigray verfolgt werden.

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Sie werden "Verteidiger des Stadtviertels" oder schlicht "Freiwillige" genannt: Die mehr als 25.000 Spitzel, die derzeit in orangefarbenen Westen und mit Stöcken bewaffnet durch die Straßen der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba patrouillieren. Sie sind auf der Suche nach "Spionen", die der Polizei übergeben werden, und erkennen ihre Opfer an deren Sprache, ihren Namen oder mittels ihres Personalausweises, der sie als Angehörige des Volks der Tigray identifiziert.

Tausende der Aufgespürten wurden in den vergangenen zwei Wochen in Straßencafés, auf den Gehsteigen oder in ihren Wohnungen dingfest gemacht – und in eines der Auffanglager am Stadtrand oder in das zehn Fahrtstunden entfernte Militärcamp Awash Arba in der Afar-Provinz verfrachtet. "Die Festgenommenen haben keinen Zugang zu Anwälten und werden oft misshandelt", sagt Laetitia Bader, Direktorin für das Horn von Afrika bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Derartige Übergriffe werden aus Addis Abeba schon seit Beginn des Kriegs der äthiopischen Regierung gegen die aufständische Tigray-Provinz vor einem Jahr gemeldet. Doch seit die Rebellen aus Tigray auf die Hauptstadt vorrücken und die Regierung den Ausnahmezustand über das Land verhängte, wurde aus einzelnen Vorfällen eine Woge: Weil das Notstandsrecht die Festnahme von Verdächtigen ohne Haftbefehl erlaubt – und verdächtig ist jeder, der seine Herkunft mit den "Terroristen" aus Tigray teilt. Die Verhaftungen seien "völlig außer Kontrolle geraten", meint ein hoher Staatsbeamter, der anonym bleiben will, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Polizei widerspricht Vorwürfen

Polizeisprecher Jeylan Abdi bestreitet, dass die Festgenommenen ihrer Herkunft wegen verhaftet werden. In der Regel würden bei ihnen Waffen gefunden, sogar "schwere Maschinengewehre" und Militäruniformen. Aus Stadtteilen wie Gofa Mebrat Hayl, wo vor allem Leute aus Tigray leben, wird jedoch der Abtransport ganzer Familien gemeldet: von Kindern, Greisen, Frauen und Vätern. "Es reicht, wenn du die Sprache der Tigray sprichst", zitiert das Magazin "Afrika Report" einen Augenzeugen: "Und schon bist du weg."

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Auch Priester wurden verhaftet. Die orthodoxe Kirche verfügt über eine Liste mit den Namen von 37 Mönchen, Diakonen und Geistlichen, die in den vergangenen zwei Wochen aufgegriffen wurden und alle eines gemeinsam hatten: ihre Herkunft aus Tigray. Auch hochrangige Positionen schützen nicht vor Übergriffen: Anfang der Woche wurde der Chef der staatlichen Lion Bank verhaftet, gemeinsam mit sieben seiner Angestellten. Selbst Abiy Ahmeds Regierung nahestehende Tigray bleiben nicht verschont: Ein Funktionär der von ihm gegründeten "Wohlstandpartei" wurde genauso festgenommen wie ein Mitglied der vom Premierminister eingesetzten Übergangsregierung Tigrays.

Auch Uno-Mitglieder festgenommen

Wellen bis ins Ausland schlug außerdem die Verhaftung von 16 Mitarbeitern der Vereinten Nationen. Ihnen wurde die Vorbereitung von "Terroranschlägen" vorgeworfen. Als die UN protestierten, konterte die Regierung: Auch die Mitarbeiter des Staatenbundes lebten nicht im "Weltraum", sondern seien den Gesetzen des Landes untergeordnet. Als besonders hinterhältig erwies sich die Verhaftung von 72 für das Welternährungsprogramm tätigen Lastwagenfahrern aus Tigray: ein weiteres Hindernis, den mehr als 400.000 hungernden Menschen in der Kriegsprovinz Nahrungsmittelhilfe zukommen zu lassen.

Gelegentlich werden die Verhafteten wie im Fall des Bankdirektors bald wieder freigelassen. Andere sind in einem der sechs Lager interniert, die sich nach Angaben von Amnesty International in den Außenbezirken Addis Abebas befinden. Im Militärcamp Awash Arba in der Afar-Provinz sollen rund 1.000 Häftlinge auf dünnen Decken oder auf dem Boden liegen. Sie hätten täglich nur einen Becher Wasser und ein paar Scheiben trockenes Brot erhalten, erzählte ein freigelassener Insasse dem Online-Dienst "African Arguments". Prügel und Folterungen seien an der Tagesordnung gewesen: Manche seiner Mithäftlinge seien blutend und mit gebrochenen Gliedern von den Verhören zurückgekommen. "Und mehrere von ihnen kamen gar nicht mehr zurück." (Johannes Dieterich aus Johannesburg, 16.11.2021)