Zur Person:

Paul Scheibelhofer ist Soziologe am Institut für Erziehungswissenschaft der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Er forscht zu Geschlechtern beziehungsweise vor allem zu Männlichkeit und hat einen Doktor in Gender Studies von der Central European University, die damals noch in Budapest war.

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Erwartungen an Männer könnten Krisen auslösen, sie würden aber aus dominanten Positionen entstehen.

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Jeden 19. November begeht die Welt den Männertag, um auf Missstände im Umgang mit den Geschlechtern hinzuweisen. Paul Scheibelhofer ist Soziologe mit Schwerpunkt Geschlechterforschung, deren Fokus meist auf Frauen liegt. Scheibelhofer hat sich auf die kritische Männerforschung spezialisiert. Er spricht über Männlichkeitskrisen und Rollenbilder.

STANDARD: Gibt es in der Männlichkeitsforschung einen Konsens darüber, wie es um die spätestens seit Ende der 1990er-Jahre immer wieder ausgerufene Krise der Männlichkeit steht?

Scheibelhofer: Manche Zugänge legen stark den Fokus darauf, welche Probleme Jungs und Männer heutzutage haben. Das kippt dann teilweise in einen übermäßigen Fokus auf Benachteiligungen und widersprüchliche Erwartungen. Die kritische Männlichkeitsforschung hingegen spricht auch von Krisen von Männlichkeit, aber setzt sie klarer in Verbindung mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Sie stimmt zu, dass männliche Rollenbilder und Erwartungen an Männer Krisen auslösen, sagt aber, dass das auch ein Ergebnis der privilegierten und dominanten Position von Männern ist. Es gibt so etwas wie Kosten der Dominanz. Das ist widersprüchlich, aber ungleiche Verhältnisse schaffen immer widersprüchliche Situationen.

STANDARD: Ist das Phänomen des "Maternal Gatekeeping" ein solches? Also dass sich Frauen schwertun, Verantwortung abzugeben, die sie allerdings auch hauptsächlich tragen?

Scheibelhofer: Das ist ein relevanter Punkt, weil Studien zeigen, dass sich Väter oft in der Rolle des Helfers wiederfinden, während Mütter die Leitung übernehmen. Das ist schon ein Problem, wenn 50:50 angestrebt wird. Aber ich sehe das auch kritisch: In einer Gesellschaft, in der Frauen der Zugang zu Machtpositionen sowie Anerkennung auf vielen Ebenen verwehrt wird und die Privatsphäre einer der wenigen Orte ist, wo sie wirklich Verantwortung haben, ist es nachvollziehbar, dass es nicht von heute auf morgen geht, wenn Männer die Verantwortung abgegeben sehen wollen. Das muss eingebettet sein in gesamtgesellschaftliche Veränderungen.

STANDARD: Wieso nehmen Geschlechterklischees eher wieder zu?

Scheibelhofer: Offensichtlich gibt es seit einigen Jahren ein wachsendes Bedürfnis für klar den Geschlechtern zugeschriebene Produkte. Das war schon einmal weniger stark und verändert sich stetig. Dafür gibt es dieselbe These wie für das Aufkommen von Volksmusik, die gerade sehr populär ist. Demnach ist das eine Reaktion auf die gesellschaftlichen Krisen seit den 2000ern: das Bedürfnis nach Sicherheit in unsicheren Zeiten. Geschlechterzuschreibungen scheinen eine Sicherheit zu geben.

STANDARD: Sie beschäftigen sich mit geschlechtssensibler Arbeit. Wie spiegelt sich dort die Debatte über Geschlechterkonstruktion wider?

Scheibelhofer: In der Arbeit mit Buben ist der Anspruch, dass es sowohl zu einer Geschlechterdramatisierung als auch -entdramatisierung kommen soll. Die Dramatisierung sagt: "Wir leben in einer Gesellschaft, wo Geschlecht noch immer relevant ist, und deshalb müssen wir die Jungs, die in dieser Gesellschaft aufwachen, dort pädagogisch abholen." Gleichzeitig wäre es ein Problem, wenn wir dadurch Geschlecht reproduzieren, also sagen: "Wir bearbeiten spezifische Probleme, die nur existieren, weil ihr eben Jungs seid." Diese pädagogische Arbeit soll zeigen, dass es Interessen oder Talente gibt, die nicht hineinpassen in das enge Bild davon, was es bedeutet, ein Bub zu sein. Die Schwierigkeit besteht also darin, etwas zu thematisieren, das man gleichzeitig überwinden möchte.

STANDARD: Scheitern Paare in ihren Bemühungen, ein 50:50-Modell anzustreben, spätestens an der Arbeitswelt, die jene belohnt, die ein traditionelles Familienleben führen?

Scheibelhofer: In Umfragen unter jungen Männern wird der Anteil jener mehr, die sagen, sie wollen engagierte Väter sein. Man sieht aber einen Unterschied zwischen den Plänen und den tatsächlichen Handlungen. Diese Wünsche gibt es schon seit mehr als zehn Jahren. Wir sehen nicht, dass die Ansagen entsprechend umgesetzt wurden. Die Arbeitswelt belohnt immer noch übermäßige Arbeitsbelastung. Österreich ist eines der Länder, wo Männer nach dem ersten Kind ihre Arbeitszeit erhöhen, während sie Frauen reduzieren. Paare, die ein egalitäres Verhältnis gelebt haben, kippen nach dem ersten Kind in ein traditionelles Rollenmuster. Die Arbeitswelt ist nicht der einzige Faktor. Ein weiterer hängt damit zusammen, wofür ein Mann Anerkennungen erhält. Wenn Männer absagen, weil sie beim kranken Kind zu Hause bleiben, gilt das nicht gleichermaßen als normal, wie wenn sie absagen, weil eine Deadline in der Arbeit ansteht. Studien zeigen, dass Männer ihre Zeit zu Hause nicht mit jeglichen Haushaltsaufgaben verbringen, die anstehen, sondern mit dem Spielen mit den Kindern, mit Reparieren und Abholen von Dingen. Bei den zermürbenden Tätigkeiten wie Putzen oder dem Alltag mit Kindern, der oft auch sehr frustrierend ist, halten sie sich eher raus. Wir müssen also daran arbeiten, dass sich das männliche Selbstbild verändert, damit es nicht nur bei der Ebene schöner Worte bleibt.

STANDARD: Unter Corona hat die Retraditionalisierung vermutlich weiter zugenommen.

Scheibelhofer: Statistiken haben gezeigt, dass es überwiegend Frauen waren, die zu Hause besonders belastet waren, und Studien, dass eher Männer von der Corona-Hilfe profitiert haben. Andererseits lässt sich auch aus Befragungen erahnen – ohne dass es bereits handfeste Zahlen dazu gibt –, dass es durchaus viele Männer gibt, die Homeoffice als Möglichkeit gesehen haben, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen und mehr Sorgearbeit zu übernehmen. Man kann also erwarten, beziehungsweise gibt es die Hoffnung, dass es vielleicht auch Männer gibt, die nicht mehr in die Normalität von vorher zurückkehren wollen, weil die Erfahrungen positiv waren. Es gibt außerdem Hoffnung, dass die massive Verletzlichkeitserfahrung für alle, die Corona vorgeführt hat, bei manchen Männern dazu führt, dass sie die Ausblendung der eigenen Vulnerabilität überwinden – das könnte neue Männlichkeitsbilder begünstigen.

STANDARD: Thematischer Wechsel hin zu Ex-Kanzler Sebastian Kurz: Sie haben seinen innersten Kreis als Männerbund bezeichnet. Früher waren Männerbünde eher Soldatenvereinigungen. Funktionieren solche Strukturen heute wie damals?

Scheibelhofer: Die Kurz-Truppe ist ein modernisierter Männerbund. Diese Bünde funktionieren jetzt anders und treten auch anders auf. Männerbündnis wie früher ist heute nicht mehr möglich, etwa dass man offen davon spricht, dass bestimmte Dinge nur unter Männern gemacht werden können. Aber offensichtlich gibt es die Praxis dahinter noch. Da sehe ich schon Ähnlichkeiten in diesen männerbündischen Strukturen, vor allem bei der hierarchischen Organisation: Wir sehen oft eine Führerfigur, die objektiv eine mächtige Position innehat, die aber auch subjektiv angehimmelt wird als eine fast übermenschliche Person. Auch die starken Loyalitäten funktionieren immer noch so: Man gibt Loyalität und Unterwerfung und bekommt dafür Ressourcen, Schutz und ist Teil der Gruppe. Man erhält etwas, muss aber auch mitspielen. Dieses Mitspielen hat man auch gesehen in den Chats.

STANDARD: Zum Abschluss noch kurz zum Männertag: Was kann dieser Tag bewirken?

Scheibelhofer: Solche Tage oder Aktionen wie "Movember", wo sich Männer einen Schnauzer wachsen lassen, um auf Gesundheitsthemen aufmerksam zu machen, können Positives bewirken. Sie führen dazu, dass es fokussiert Aufmerksamkeit gibt zu bestimmten Themen. Etwa dass es immer noch als nicht änderbar hingenommen wird, dass Männer mehr statt weniger arbeiten, nachdem sie Kinder bekommen haben, oder dass Männer seltener psychische und medizinische Hilfe suchen. Es kommt darauf an, wie man solche Tage füllt. Wichtig ist, dass es nicht in Männerfeiern oder Männerbemitleiden abgleitet. Sonst helfen solche Tage eher, Probleme zu verdecken. (Anna Giulia Fink, 19.11.2021)