China verfolgt im Gegensatz zum Westen eine vergleichsweise restriktive Geldpolitik.

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Während die westliche Welt von Lockdown zu Impfkampagne und Lockdown stolpert, immer mehr billiges Geld in den Wirtschaftskreislauf pumpt, die Inflation antreibt und Lieferketten überanstrengt, läuft in China alles nach Plan. Die Wirtschaft wächst – vielleicht etwas weniger als sonst, aber mit vier Prozent immer noch sehr ordentlich.

Aufgrund der rigorosen Zero-Covid-Politik spielt die Pandemie im Inneren des Landes keine Rolle – sieht man einmal von den seit bald zwei Jahren geschlossenen Grenzen und den rigorosen Lockdowns ab, unter denen immer wieder Millionen von Menschen leiden, sobald irgendwo ein Covid-Fall auftaucht, wie zuletzt in der Fünf-Millionen-Einwohner-Stadt Lanzhou.

China wächst, China wächst nach Plan, China verfolgt im Gegensatz zum Westen eine vergleichsweise restriktive Geldpolitik. Eigentlich müssten Milliarden in chinesische Aktien fließen. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Der Schanghaier Aktienindex SSE notiert mit knapp 3500 Punkten ungefähr auf dem Stand von vor einem Jahr. Das Jahreshoch lag mit 3700 Punkten nur unwesentlich darüber. Zum Vergleich: Der Nasdaq, der US-Tech-Werte bündelt, stieg im selben Zeitraum von 11.000 auf 16.000 Punkte. Auch andere Aktienindizes wie der Dow Jones oder der Euro Stoxx performten ähnlich gut. Was also ist los in China?

Nachhilfe und Gaming-Industrie

Zwei Ursachen gibt es, warum die chinesische Börse stockt. Die eine hat mit dem immer offensichtlicher werdenden autoritären Kurs des chinesischen Präsidenten Xi Jinping zu tun. Der hat sich gerade erst zum Präsidenten auf Lebenszeit ernennen lassen. Damit gilt er als der mächtigste chinesische Staatsführer seit Mao Tse-tung.

Xis Machtbefugnisse machen auch vor der Wirtschaft nicht halt. Niemand erfuhr das drastischer als Alibaba-Gründer Jack Ma. Im Oktober vergangenen Jahres hielt Ma eine Rede, in der er das traditionelle chinesische Bankensystem kritisierte. Der Börsengang seines Fintech-Unternehmens Ant Financial stand kurz bevor.

Damit aber hatte Ma den Bogen überspannt. Die Pekinger Führung sagte den Börsengang kurzerhand ab. Ma selbst verschwand für einige Monate. Niemand weiß, wo genau er sich aufgehalten hat. Man vermutet aber, dass er zu einer Art "Umerziehung" verdonnert worden war. Erst Monate später tauchte er wieder auf und beschäftigt sich seitdem mit seinem Hobby, der Malerei.

Direkte Eingriffe erfuhr auch die Weiterbildungsbranche – in China kein kleiner Zweig: Millionen chinesischer Eltern schicken ihre Kinder in Nachhilfeschule und vor allem zum privaten Englisch-Unterricht. Auch damit wurde Schluss gemacht.

Und schließlich stand die Gaming-Industrie im Fadenkreuz der Behörden: Chinesische Kinder würden zu viel Zeit mit Zocken verbringen. Unternehmen wurden dazu verpflichtet, das Spielverhalten zu überwachen und einzugrenzen. All das schreckt ausländisches Kapital ab.

Staatliche Eingriffe werden eingepreist

Für Fondsmanagerin Cathie Wood von Ark Invest war das Grund genug, im ersten Halbjahr chinesische Aktien im Wert von mehreren Hundert Millionen Dollar zu verkaufen. "Wir haben in China investiert, aufgrund seines Umgangs mit Covid – es war während der Krise das disziplinierteste Land in Bezug auf die Geld- und Fiskalpolitik und ich dachte, China hätte die Möglichkeit, das Deutschland oder die Schweiz der Welt zu werden", sagte Wood kürzlich auf der Konferenz des Milken-Instituts.

"Aber fast jede Woche und jeden Monat kündigte China ein Durchgreifen der Regulierungsbehörden an." So wie Wood wissen inzwischen viele Anleger, dass das Risiko staatlicher Eingriffe bis zu Enteignungen eingepreist werden muss. Totalitarismus wirkt für internationales Kapital eben nicht besonders anziehend – selbst wenn die Wirtschaft wächst.

Risiko Evergrande

Im Sommer kam ein weiteres Risiko für Anleger hinzu: Evergrande. Der Name des zweitgrößten chinesischen Immobilienkonzerns ist mittlerweile weltweit bekannt. Immer wieder war von einem "chinesischen Lehman" die Rede. Der Vergleich hinkt an mehreren Stellen. Die Schulden des Immobilienkonzerns sind mit 300 Milliarden US-Dollar zwar gewaltig, aber eben doch geringer als die 600 Milliarden von Lehman aus dem Jahr 2008.

Zudem halten ausländische Anleger nur etwa 50 Milliarden Anleihen des Konzerns. Alles, was im Inland passiert, kann Peking halbwegs kontrollieren: Hier übernimmt ein Staatsunternehmen einen faulen Kredit, da muss ein Unternehmen etwas abschreiben, und dort werden ein paar Anleger entschädigt. So soll eine "Insolvenz auf Chinesisch" gewährleistet werden, eine sanfte Abwicklung mit möglichst geringen Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Trotzdem ist Evergrande ein Risiko: Denn ob diese Insolvenz klappt, ist fraglich, und Evergrande zieht Kreise. Aktuell hat es den Immobilienkonzern Kaisa erwischt, der nun auch in Zahlungsschwierigkeiten steckt. Die Immobilienbranche ist mit allen Ablegern und Zulieferern für rund 30 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung verantwortlich.

Turbulenzen hier lösen keine globale Finanzkrise aus, aber sie haben Auswirkungen auf internationale Rohstoffmärkte und das Wachstum der chinesischen Wirtschaft. Und das wiederum wirkt sich eben auch auf den chinesischen Aktienmarkt aus. (Philipp Mattheis, Magazin "Portfolio", 13.12.2021)