Mit Teuerungsraten über sechs Prozent in den USA oder vier Prozent in der Eurozone lag der Preisauftrieb anhaltend deutlich über den Zielwerten der Währungshüter von zwei Prozent.

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Auf einmal wurden viele Produkte knapp und teuer. Lieferengpässe und hohe Inflationsraten prägten das Jahr der wirtschaftlichen Erholung von der Corona-Krise. Mit Teuerungsraten über sechs Prozent in den USA oder vier Prozent in der Eurozone lag der Preisauftrieb anhaltend deutlich über den Zielwerten der Währungshüter von zwei Prozent, wobei die Europäischen Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank Fed erst im Jahr zuvor eine etwas laxere Handhabung der Inflation angekündigt hatten – und sich nun auch schon darin üben. Denn die Währungshüter reagierten bisher nur zögerlich oder gar nicht auf den Teuerungsschub, der sich im Jahr 2021 durch die Volkswirtschaften wälzte.

Ob dieser im Jahr darauf wegen einiger Sonder- oder Einmaleffekte, die derzeit die Teuerung mitantreiben, wieder abklingen wird, bleibt abzuwarten. Nach den Finanzmärkten scheinen nun auch die Währungshüter Zweifel an ihrer zuvor oft geäußerten Prognose zu hegen – zumal es auch einige Faktoren gibt, die für ein länger anhaltendes Phänomen sprechen.

Etwa die Demografie, welche die Kräfteverhältnisse an den Arbeitsmärkten verschieben wird. Oder die Rohstoffmärkte, an denen es nach jahrelanger Flaute an Investitionen nun zu Verknappungen und Preissprüngen kommt. Aber auch die Verknappung der Seefrachtkapazitäten wird nicht so schnell zu beseitigen sein – Reedereien orderten heuer zwar viele neue Schiffe, bis zur Auslieferung werden aber Jahre vergehen.

Regierungen

Auch die Fiskalpolitik der Regierungen speist den Inflationsdruck. Einerseits durch die Konjunkturprogramme wie das mehr als eine Billion Dollar schwere Infrastrukturpaket von US-Präsident Joe Biden. Damit will er nicht die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie abschütteln und die teilweise sehr marode Infrastruktur des Landes modernisieren. Geld, das anders als die von den Notenbanken geschaffenen Summen nicht in die Finanzmärkte fließt und dort für einen Anstieg der Vermögenspreise sorgt, sondern direkt in die Realwirtschaft. Das Ergebnis wird dort ein Ähnliches sein: nämlich ein steigendes Preisniveau.

Ähnliches gilt auch für den von der EU-Kommission forcierten Umbau der Union in Richtung klimaneutralen Wirtschaftens. Diese Investitionen werden ebenso inflationstreibend wirken wie viele Klimaschutzmaßnahmen, etwa die CO2-Bepreisung.

Notenbanken

Die Inflation in Zaum zu halten ist eigentlich – Stichwort Preisstabilität – Aufgabe der Notenbanken. Doch diese scheuten bisher davor zurück, die geldpolitischen Zügel deutlich anzuziehen. Die US-Notenbank Federal Reserve hat zumindest die Weichen für den Ausstieg aus dem Corona-Hilfspaket eingeleitet. Erholt sich die Wirtschaft weiter, sollen die Anleihenkäufe Mitte nächsten Jahres auslaufen, was als Voraussetzung für eine Abkehr von der Nullzinspolitik gilt. Als möglicher Zeitpunkt für eine erste Zinserhöhung wird das zweite Halbjahr gehandelt. Zeitlich hinterher hinkt die Europäische Zentralbank (EZB), die erst im Dezember bekanntgeben will, wie es mit ihrem vorerst bis März 2022 anberaumten Corona-Notprogramm Pepp weitergehen soll.

Konjunktur

Ein großes Fragezeichen bleibt jedoch künftig die Konjunktur. Unklar ist kurzfristig, inwiefern die Corona-Pandemie neuerlich die Wirtschaft aus dem Pfad werfen könnte. Längerfristig wird auch der Umbau der Wirtschaft in Richtung Klimaneutralität für Reibungsverluste sorgen – es wird Gewinner und Verlierer der Transformation geben. Sollten diese Effekte die Konjunktur empfindlich bremsen, könnte sich das Schreckgespenst einer Stagflation manifestieren. Diese Mischung aus lahmender Wirtschaft und hoher Inflation wäre auch für die Kapitalmärkte eine ziemliche Belastung – sofern sie tatsächlich kommt.

Fazit

Die Corona-Pandemie hat vieles in Bewegung gebracht, auch an der Börse. Viele langjährige Trends haben ausgedient, dafür entstehen neue – mit entsprechenden Chancen und Risiken für Anleger. .


AKTIEN: Weniger Auftrieb an den Börsen

So starke Zuwächse wie 2021 sind auf Dauer kaum zu erzielen – zumal auch der Rückenwind der Notenbanken nachlässt.

Den nötigen Auftrieb für den heurigen Rekordlauf der Börsen lieferte die starke Konjunkturerholung nach der Corona-Krise.
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An den internationalen Aktienmärkten war das Jahr 2021 beinahe eine Einbahnstraße – schnurstracks ging es für fast alle Indizes steil aufwärts. Den nötigen Auftrieb für den heurigen Rekordlauf der Börsen lieferten die starke Konjunkturerholung nach der Corona-Krise, hohe Zuwächse der Unternehmensgewinne sowie die extrem expansive Geldpolitik der Notenbanken.

Allein, Zuwachsraten von etwa einem Viertel, wie sie die Wall Street gemessen am marktbreiten S&P-500-Index seit Jahresbeginn erzielte, sind jedoch im langfristigen Vergleich die Ausnahme. Investoren sollten sich an den Gedanken gewöhnen, dass in den Folgejahren wohl wieder etwas kleinere Brötchen gebacken werden.

Denn die Notenbanken können ihre Geldschleusen angesichts des hohen Inflationsdrucks nicht mehr lange sperrangelweit geöffnet lassen, in weiterer Folge wird es – zumindest in den USA – voraussichtlich zu Zinserhöhungen kommen. Wie gut die Wall Street und andere Börsen damit zurechtkommen, hängt von der Konjunktur ab.

Geht die Erholung der Volkswirtschaften dennoch dynamisch vonstatten, wird wohl auch der Aufwärtstrend der Börsen anhalten. Problematisch würde es jedoch, wenn die derzeit hohe Gesamtnachfrage nachlässt. Dann wird es für Unternehmen zunehmend schwierig, Preiserhöhungen weiterzureichen, was deren Ertragslage belastet.

Gewinner und Verlierer

Zudem wird der Wandel der Wirtschaft in Richtung Klimaschutz neben Gewinnern auch etliche Verlierer hervorbringen, was ebenfalls zu konjunkturellen Reibungsverlusten führt. In den meisten Aktienindizes sind derzeit übrigens Firmen aus beiden Gruppen vertreten. In diesem Umfeld erscheint aktives Management der Aktienbestände daher aussichtsreicher als Investitionen in passive Index-Fonds (ETFs).


ANLEIHEN: Für Festverzinsliche wird die Luft dünner

Die hohen Inflationsraten bringen Anleihen unter Druck, ebenso die erwarteten Reaktionen der Notenbanken.

Die Inflation hat sich im Jahr 2021 mit Nachdruck aus ihrem jahrzehntelangen Dämmerschlaf zurückgemeldet.
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Für Anleihenbesitzer sind wohl schwierige Zeiten angebrochen. Denn die Inflation, natürlicher Fressfeind aller Schuldverschreibungen, hat sich im Jahr 2021 mit Nachdruck aus ihrem jahrzehntelangen Dämmerschlaf zurückgemeldet. Mit 6,2 Prozent auf Jahressicht stiegen die Konsumentenpreise in den USA im Oktober so stark wie seit 31 Jahren nicht mehr. Auch in der Eurozone liegt der Preisauftrieb bei über vier Prozent – und damit bei mehr als dem von der EZB anvisierten Inflationsziel von zwei Prozent.

Dies zeigte zumindest in den USA bereits Wirkung: Die Fed will das Anleihenkaufprogramm bis Mitte 2022 auslaufen lassen, womit dem Markt die künstliche Nachfrage der Notenbank entzogen wird. Das zeigte Wirkung, die Rendite zehnjähriger US-Treasuries erreichte zuletzt mit etwas mehr als 1,5 Prozent pro Jahr bereits fast wieder Vorkrisenniveau und liegt etwa einen Prozentpunkt über dem Krisentief. Auch für Deutschland kletterte die zehnjährige Rendite und lag nur noch einen Viertelprozentpunkt unter null.

Wenn man von diesen ohnedies mickrigen Erträgen noch die hohen Inflationsraten abzieht, kommt man zu der ernüchternden Bilanz: Mit sicheren Staatsanleihen werden hohe Kaufkraftverluste eingefahren. Auch inflationsgeschützte Anleihen bieten nur bedingt einen Ausweg. Sie spielen bei zehnjährigen deutschen Bundesanleihen etwa minus zwei Prozent pro Jahr als reale Rendite ein.

Entscheidender Faktor

Die weitere Entwicklung an den Anleihenmärkten wird stark davon abhängen, ob die hohe Inflation bald wieder nachlässt oder doch zum Selbstläufer wird – und wie stark die Notenbanken darauf reagieren. Oder, wie es Anlagestratege Jim Reid von der Deutschen Bank ausdrückt: "Das ist die Multi-Billionen-Dollar-Frage für 2022."


ROHSTOFFE: Naturschätze mit Rückenwind

Rohstoffe verzeichneten im Jahr 2021 deutliche Preissprünge. Der Auftrieb sollte nicht so bald abreißen.

Nicht nur Gold gilt als Inflationsschutz, in gewisser Weise trifft dies auch auf andere Rohstoffe zu.
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Die Erholung nach der Corona-Krise hat für eine hohe Nachfrage nach Rohstoffen gesorgt, der nur ein überschaubares Angebot gegenüberstand, da zuvor eher wenig in den Sektor investiert wurde. Viele der sogenannten Commodities verzeichneten im Jahr 2021 starke Preissprünge und erzielten Mehrjahreshochs. Drei Faktoren sollten die Preise wohl auch im kommenden Jahr unterstützen: ein höheres Inflationsniveau, ein struktureller Anstieg der Rohstoffnachfrage wegen eines zu erwartenden Infrastrukturbooms sowie der Umbau der Wirtschaft im Zuge des Klimawandels.

Was die hohe Teuerung betrifft: Nicht nur Gold gilt als Inflationsschutz, in gewisser Weise trifft dies auch auf andere Rohstoffe zu. Selbst wenn die Notenbanken wegen der hohen Teuerung auf die geldpolitische Bremse steigen sollten, würde dies kaum die Angebotsengpässe bei Commodities beseitigen, welche die Preise schon bisher in die Höhe getrieben haben.

Ebenfalls unterstützend für den Rohstoffsektor wirken Infrastrukturprogramme wie jenes von US-Präsident Joe Biden, das etwa eine Billion US-Dollar schwer sein soll. Dieses wird die Nachfrage nach vielen Rohstoffen wie Stahl ausweiten, denn etwa die Hälfte des weltweit verbrauchten Stahls wird vom Bausektor verschlungen.

Elektro statt Verbrenner

Aber auch andere Metalle wie Kupfer, Lithium und Nickel sollten nachgefragt werden, um Kapazitäten der Erzeugung und Speicherung erneuerbarer Energien auszubauen. In einem Elektroauto steckt etwa viermal so viel wie in einem Verbrenner. Der daraus resultierende Nachfrageüberhang bei etlichen Rohstoffen sollte das Preisniveau weiterhin unterstützen. Aber: Fossile Energien wie Kohle, Rohöl und Gas dürften im Gegenzug an Bedeutung verlieren.


WÄHRUNGEN: Euro verliert, Bitcoin gewinnt

Die zögerliche Haltung der EZB setzte der Gemeinschaftswährung zu. Rekorde gab es hingegen bei Kryptowährungen.

Bei einer Straffung der Geldpolitik werden wahrscheinlich jene Währungen profitieren, deren Notenbanken zuerst die Zügel anziehen.
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Bei Währungen war 2021 bisher definitiv kein Jahr, in dem der Euro Stärke zeigte. Er verlor nicht nur gegenüber dem US-Dollar merklich an Wert, auch gegenüber dem britischen Pfund und dem Schweizer Franken büßte die Gemeinschaftswährung ein. Ein Trend, der anhalten könnte, denn: Bei einer Straffung der Geldpolitik werden wahrscheinlich jene Währungen profitieren, deren Notenbanken zuerst die Zügel anziehen.

Derzeit sieht es danach aus, als würden die US-Notenbank Fed oder die Bank of England dies zuerst umsetzen, weshalb der Dollar und das Pfund aufgrund relativer Zinsvorteile gegenüber anderen Währungen weiterhin Stärke zeigen sollten. Zu den anderen zählt auch der Euro, denn die EZB wird wohl trotz hoher Inflation die Geldschleusen nur zögerlich schließen.

Obwohl sie keine Zinsen abwerfen, haben Kryptowährungen seit dem Vorjahr enormen Zulauf erhalten und auch 2021 stark an Wert gewonnen. Auftrieb hat auch der vermehrte Einstieg professioneller Investoren verliehen, die Kryptowährungen als Instrument zur Inflationsabsicherung sehen – immer öfters werden Bitcoin und Co daher als digitales Gold betrachtet. Zudem wissen institutionelle Anleger Kryptowährungen auch zur Risikostreuung zu nutzen, da diese fast nicht mit anderen Anlageklassen korrelieren.

Abnehmende Preiszuwächse

Mit einem bisherigen Wertzuwachs von mehr als 100 Prozent des Branchenprimus Bitcoin – bei der Nummer zwei, Ethereum, war es um ein Vielfaches mehr – hat der Kryptosektor heuer an Gewicht gewonnen. Wahrscheinlich werden im nächsten Jahr weitere Rekorde folgen, wenngleich sich zeigt: Seit dem Marktstart 2009 nahmen die Preiszuwächse von Bitcoin mit jedem Aufwärtszyklus ab. Dies dürfte auch diesmal so sein, die Kurse also nicht in den Himmel wachsen. (Alexander Hahn, Magazin "Portfolio", 2.12.2021)