Die Ansprüche herunterzuschrauben, behutsam miteinander zu sein, nicht nur nebeneinander her zu leben: Das sind ein paar Ratschläge, die Psychologen jetzt geben. Auch die Erfahrung "Was ist in den letzten Lockdowns gut gelaufen?" ist viel wert. Und sei es nur, weil man erkennt: Jetzt tangiert es mich eigentlich gar nicht mehr so sehr.

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Ein anderer Alltag, ständige Sorgen, kaum Kontakte: Die Erinnerung an den letzten Lockdown ist noch aufrecht, und da ist er schon wieder, der neue. Zwanzig Tage sollen es werden, und wir befinden uns bei Tag zwei. Organisatorisch wie emotional ist diese Zeit für Familien eine besondere Herausforderung, weiß Familientherapeutin Natascha Vittorelli. "Eltern sind extrem gefordert, weil sie alles unter einen Hut bringen müssen: Arbeit, Distance-Learning, Haushalt – wenn man mehr zu Hause ist, fällt auch da natürlich mehr an. Aber die Pandemie ist auch ein emotionaler Ausnahmezustand. Man sollte stabil bleiben, für sich selbst, für die Kinder."

Der aktuelle Lockdown werde von vielen Eltern auch deshalb so belastend empfunden, "weil sie die Entscheidung zu treffen haben: Schicke ich das Kind in den Kindergarten oder in die Schule oder nicht?" Denn die meisten Eltern benötigen die Betreuung sehr wohl – gleichzeitig ist da der dringende Appell der Politik, die Kinder zu Hause lassen. "Die moralische Verantwortung wird damit den Eltern übertragen." Und die seien oft frustriert, weil ihre bisherige Leistung in der Pandemie nicht wertgeschätzt werde. "Was Familien bisher beigetragen haben, wurde und wird schlichtweg übersehen oder als selbstverständlich betrachtet, obwohl es sehr wohl eine gesellschaftliche Bedeutung besitzt. Das erzeugt Wut, Ärger, Resignation und Ohnmacht", beobachtet Vittorelli. Nicht die besten Voraussetzungen für eine friktionsfreie Zeit.

Und doch hat Vittorelli ein paar Tipps, die vielleicht dabei unterstützen, das Stresslevel niedrig zu halten. Keine Patentrezepte, wie die Expertin betont – zu unterschiedlich sind Familien und ihre Voraussetzungen. "Ein Ansatzpunkt wäre aber, sich vorhandene Gefühle – und das sind sicher einige – zu erlauben und darüber zu sprechen." Das gelte für die eben beschriebene Wut, Genervtheit, Resignation, aber auch für Sorgen und Ängste. "Sie zu leugnen ist nicht hilfreich." Auch die Ängste der Kinder und Jugendlichen müssten unbedingt ernst genommen und angesprochen werden.

Konsequent mit Grundbedürfnissen

Vittorelli rät außerdem dazu, grundlegende Bedürfnisse konsequent zu beachten, also ausreichend zu essen und zu trinken, ausreichend zu schlafen, sich genug zu bewegen. "Das klingt einfach, ist aber wirklich wichtig. In den vorangegangenen Lockdowns haben Eltern oft bis spät in die Nacht gearbeitet, um alles zu schaffen, und die eigenen Mahlzeiten vernachlässigt." Zu den Grundbedürfnissen gehörten auch Nähe und Distanz, also regelmäßig zu kuscheln oder sich bei Bedarf zurückzuziehen – in ein anderes Zimmer oder nach draußen.

Helfen könne auch, "seine Ansprüche zu reduzieren", sagt Vittorelli. Damit meint sie, den Fokus weniger auf eine tiptop aufgeräumte Küche oder Bestnoten auf den Test zu legen als auf die Stimmung in der Familie. Das bedeute, nicht zu streng zueinander zu sein, anderen Familienmitgliedern mitunter auch mehr durchgehen zu lassen. "Wenn gerade das Handy eine Möglichkeit für das Kind ist, mit anderen in Kontakt zu bleiben, dann kann man da auch mal großzügiger sein", findet Vittorelli. "Vielleicht sollte es weniger darum gehen, große Ansprüche zu stellen, als vielmehr darum, wie man als Familie möglichst gut durch diese Zeit kommt."

Wenn es doch einmal zum Streit kommt: Nicht in Schweigen verfallen, den anderen oder das Konfliktthema nicht ignorieren, besser Luft schnappen und dann den Kontakt wieder aufnehmen, um noch mal in Ruhe darüber reden. "Nicht einfach so tun, als wäre nichts gewesen. Das führt nur zu weiterer Verunsicherung und Anspannung."

Was noch dabei helfen kann, den Lockdown gut zu überstehen, seien Erfahrungen aus den vorhergegangenen: "Gibt es irgendetwas, das man dem aktuellen Lockdown abgewinnen kann? Und sei es nur die Erkenntnis, dass er mich nicht mehr so tangiert wie die letzten", sagt Vittorelli. Zurückzublicken empfiehlt auch Familienpsychologe Christian Gutschi: "Die Situation ist ja nicht so ganz neu. Es bietet sich also an, gemeinsam zu besprechen: Was ist gut gelaufen? Was war schwierig und wollen wir diesmal anders machen?"

Struktur und Routine gefragt

Dass Schulen und Kindergärten aktuell offen haben, sieht Gutschi als einen Vorteil. Denn: Ein gutes Lockdown-Leben braucht Routinen, braucht Strukturen. Es zahle sich aus, gemeinsam zu überlegen, welche Routinen man aus dem Alltag beibehält und welche man abändern will. Eltern könnte vorher miteinander gewisse Rahmenbedingungen definieren und diese dann mit den Kindern besprechen. "Sie können zum Beispiel sagen: Wir haben uns überlegt, wie wir die nächsten Wochen gut miteinander auskommen können. Was sagt ihr dazu, und habt ihr auch Vorschläge?"

Unerlässlich sei, dass jedes Familienmitglied seinen eigenen Raum hat. Das müsse jedoch nicht unbedingt ein eigenes Zimmer sein, denn viele Familien haben nicht so viel Platz. In engen Wohnverhältnissen könnten Eltern dem Kind eine Ecke reservieren, die nur ihm gehört, auf die niemand anderes Zugriff hat und wo es für sich sein kann. "Da reicht oft ein Meter, abgetrennt durch einen Vorhang oder ein kleines Regal", sagt Gutschi.

Was der Experte noch für wichtig hält: in der Pandemie besonderen Wert auf funktionierende Beziehungen zu legen. Sie sorgen nämlich für Stabilität. Zu einer funktionierenden Beziehung gehöre, sich zwischendurch bewusst Zeit füreinander zu nehmen, nicht nur nebeneinander her zu leben. Bei mehreren Kindern sollten sich Mama und Papa auch exklusiv für jedes Kind Zeit nehmen. Erlaubt ist alles, was gefällt und guttut – zum Beispiel gemeinsam zu kochen, zu handwerken, kreativ zu werden oder zu musizieren. "Das gibt eine Form von Leichtigkeit, man erschafft etwas, und das stiftet Sinn", sagt Gutschi.

Was können wir sonst tun?

Dass die Familie Freunde, Eislaufplatz und Partys nicht völlig ersetzen kann, ist jedoch klar. Wenn Kindern monieren, wieso schon wieder alles abgesagt ist, sollten Eltern unbedingt Verständnis zeigen, sagt der Psychologe. "Danach können sie das Kind fragen, was ihm stattdessen Spaß machen würde." Ganz nach der Devise: Wie können wir uns die Situation im Hier und Jetzt so spannend und angenehm wie möglich gestalten?

Und was, wenn Eltern selbst Ängste und Sorgen haben? Anlässlich hoher Infektionszahlen oder über die eigene berufliche Zukunft? Dann sollten sie das keinesfalls vertuschen, empfiehlt Psychologe Gutschi. "Die Kindern werden das merken." Ehrlich zu sagen: "Mir geht es gerade auch nicht so gut" oder "Ich mache mir auch viele Gedanken" sei die bessere Methode. Denn dann wisse das Kind, was los ist, und lerne, dass Sorgen zum Leben dazugehören. "Kinder können damit auch gut umgehen. Man muss sie nicht vor allem bewahren."

Stellt das Kind Fragen zu Corona, sollten Eltern ihm Antworten liefern – und dabei keinesfalls verharmlosen. "So tun, als wäre nichts, das funktioniert nicht. Damit wird man als Erwachsener unglaubwürdig", sagt Gutschi. Sinnvoller seien Ehrlichkeit und kindgerechte Erklärungen wie: "Es gibt viele Viren, dieses Virus überstehen die meisten Menschen gut, aber manche werden auch sehr krank. Deshalb müssen wir jetzt alle wieder eine Zeitlang gut aufpassen." Der Psychologe kann der Krise auch Positives abgewinnen: Sie sei eine Art Lebensschule für Kinder. Die Erfahrung, dass man schwierige Zeiten bewältigen kann, sei eine wichtige – "Selbstwirksamkeit" nennt sich das in der Fachsprache.

Nicht zuletzt deshalb sei entscheidend, "mit welcher Haltung man in die nächsten Wochen geht", sagt Gutschi. "Sich zu sagen: Es ist keine einfache Zeit, aber ich mache das Beste draus – das wäre eigentlich ideal." Wenn der Frust gerade ganz groß ist, können Familien auch Pläne schmieden für die Zeit nach dem Lockdown. Am besten ganz konkrete Ideen wie einen Ausflug in den Zoo. "Wenn das dann noch mal verschoben werden muss, ist das eben so. Aber wenn ich mir vorstelle, wie es dann sein wird, mir das genau ausmale, hilft das, eine schwierige Phase zu überwinden." (Lisa Breit, 23.11.2021)