Nach 30 Jahren an der Spitze des Unternehmens könnte sich die Ära von Bobby Kotick als Activision-Chef nun ihrem Ende zuneigen.

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Viele Jahre lang litten Frauen beim Videospieleriesen Activision Blizzard unter misogynen Vorgesetzten, Belästigung und teils schweren Übergriffen. Umstände, wegen derer der Konzern sich im Juni eine Klage der kalifornischen Behörden eingefangen hat. Ein kürzlich vom "Wall Street Journal" veröffentlichter Bericht belastet auch den seit 1991 amtierenden Firmenchef Robert "Bobby" Kotick schwer. Er soll selbst nicht nur übergriffiges Verhalten an den Tag gelegt und unter anderem einer Ex-Mitarbeiterin mit Ermordung gedroht haben, sondern hat laut Unterlagen und entgegen eigenen Aussagen von vielen Vorfällen gewusst, den Vorstand nicht informiert und in eine interne Ermittlung gegen einen hochrangigen Mitarbeiter eingegriffen, um dessen Entlassung zu verhindern.

Während besagter Vorstand ihm vorerst noch Rückendeckung gibt, wächst der Druck auf den angeschlagenen CEO weiter. Einige Streamer, die sich über Games von Activision Blizzard einen Namen machen konnten, haben sich klar gegen einen Verbleib von Kotick ausgesprochen. Darunter etwa der für seinen "World of Warcraft"-Content bekannte Asmongold. Er ist der Ansicht, dass Kotick sofort abgelöst werden sollte, fürchtet aber, dass der Vorstand ihn weiter halten wird, da er das Unternehmen zu großen finanziellen Erfolgen geführt hat.

Seit Juni hat der Aktienkurs des Konzerns allerdings schwer gelitten, der wichtige Partner Sony ist auf Abstand gegangen. Und auch bei Microsofts Xbox-Abteilung erklärt man nun, dass man sehr besorgt ob der Berichte über Activision sei und "alle Aspekte" der Beziehungen zwischen den beiden Unternehmen evaluieren werde.

Asmongold TV

1.800 Mitarbeiter unterzeichneten namentlich Petition

Wachsender Widerstand kommt auch von den Mitarbeitern selbst. Nachdem ein Teil der Belegschaft eine temporäre Arbeitsniederlegung (Walk-out) veranstaltet hat, läuft nun intern eine Petition, die aber öffentlich einsehbar ist. Gefordert wird nicht nur der Abgang von Kotick, sondern auch, dass er keinen Einfluss auf die Wahl seines Nachfolgers haben soll, da man keinerlei Vertrauen in ihn hat, speziell wenn es um eine Änderung der Firmenkultur geht.

Diese nahm in den vergangenen Tagen an Fahrt auf. Mittlerweile haben sich über 1.800 Personen aus dem Konzern und seinen zugehörigen Studios mit vollem Namen und Position auf der Liste eingetragen.

An eine ernsthafte Reform mit der aktuellen Besetzung glaubt auch – entgegen ihrer öffentlichen Stellungnahme – Jen Oneal nicht, die für rund drei Monate das Amt der Co-Chefin von Blizzard innehatte, nicht. In einem bekanntgewordenen Brief an die Rechtsabteilung sprach sie der Führungsriege des Mutterkonzerns ihr Misstrauen aus. Sie verließ ihren Chefposten Anfang November und scheidet Ende des Jahres aus dem Unternehmen aus.

Exit-Szenario

Anzeichen dafür, dass Koticks Abschied kurzfristig erfolgt, gibt es derzeit noch nicht. Aber der Druck scheint dennoch zu wirken. Nachdem er den Bericht des "Wall Street Journal" noch als "irreführend" bezeichnet hat, schließt er seinen Rückzug nun offenbar nicht mehr aus. Das berichtet das Medium unter Berufung auf interne Quellen. Laut diesen hat er dem Vorstand seinen Rücktritt angeboten, wenn es ihm nicht gelingen sollte, schnelle Verbesserungen hinsichtlich der Firmenkultur zu erzielen.

Öffentlich hatte Kotick bereits im Sommer angekündigt, das Unternehmen reformieren zu wollen, geschehen ist seitdem allerdings sehr wenig. Nach 30 Jahren an der Firmenspitze dürfte er bei vielen sein Vertrauen verspielt haben. Zahlreiche Beobachter aus den Medien und Branche, die sich bisher geäußert haben, halten seine baldige Ablöse seit den neuen Vorwürfen für immer wahrscheinlicher. (gpi, 23.11.2021)