Dieses neunjährige Mädchen in Tel Aviv gehört zu den ersten Kindern, die sich in Israel gegen Corona impfen ließen.

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Ein Hase, ein Löwe und eine Giraffe lachen vom Sticker, den Yihai sich auf sein T-Shirt klebt. "Auch ich bin geimpft!", steht in Regenbogenfarben darauf. Ob die Comictiere lachen oder ihre Augen vor Schreck aufreißen, lässt sich nicht erkennen: Alle drei tragen Mund-Nasen-Schutz. Der elfjährige Yishai spricht jedenfalls aus frisch gewonnener Erfahrung, wenn er seine neunjährige Schwester mental für die bevorstehende Spritze stärkt: "Es ist gar nicht schlimm, und es dauert nur ganz kurz."

Äußerst kurz war auch die Wartezeit auf die Corona-Impfung, erzählt Yishais Mutter Anna. Wer am allerersten Tag der israelischen Impfkampagne für Fünf- bis Elfjährige einen Termin reservieren wollte, erlebte nichts von den Serverabstürzen und Warteschlangen, die es noch zu Beginn der Erwachsenenimpfkampagne gegeben hatte.

Überschaubarer Andrang

Der erste Tag zeigte: Die Impfdosen warten, doch die Eltern bleiben zu Hause. In ganz Jerusalem, einer Stadt mit knapp einer Million Einwohnern, waren am Dienstag nur ein paar Hundert Kinder für die Impfung angemeldet. In ganz Israel waren es 25.000 Kinder. Das sind rund 2,5 Prozent jener Kinder, die Anspruch auf die Impfung haben: alle im Alter ab fünf Jahren.

Israel gilt als Vorreiter in der weltweiten Impfkampagne. Seit Ende Juli wird hier geboostet. Alle Israelis ab zwölf Jahren, deren zweite Impfung mehr als fünf Monate zurückliegt, können die Booster-Spritze bekommen. Nach den USA ist Israel nun das zweite Land, das Kinder ab fünf Jahren zur Impfung aufruft. Sie erhalten nur ein Drittel der Erwachsenendosis.

Der Immunologe Anthony Fauci, oberster medizinischer Berater des US-Präsidenten, lobte Israel in einer Videokonferenz am Dienstag für seine Impfkampagne. Der kleine Mittelmeerstaat habe vorgezeigt, das sich mit schnellem Boosten auch die aggressive Delta-Variante bezwingen lasse. "Die Israelis haben Glück", erklärte Fauci.

Dieses Glück wird aber nicht allen zuteil. Derzeit geben sich rund 50 Prozent der Eltern als Impfskeptiker aus, ihre Kinder kommen vorerst nicht in den Genuss der Immunisierung.

Kampagne gegen Vorurteile

Viele halten die Corona-Impfung laut Umfragen schlicht für unnötig, da Kinder ohnehin meist einen leichten Krankheitsverlauf hätten. Seit Wochen läuft das israelische Gesundheitsministerium gegen dieses Vorurteil Sturm. Auf Plakaten, in Onlinekampagnen und in zahlreichen Interviews zur besten Sendezeit nehmen sich die höchsten Beamten des Ministeriums Zeit, um sich in ausgedehnten Livesendungen den Fragen besorgter Eltern zu widmen.

Sie wiederholen dort die immer gleichen Sätze: Nein, es sei ein Irrtum, dass Kinder nicht schwer erkranken. Ja, die Kinderimpfung schütze auch die Erwachsenen: erstens weil sie dann selbst weniger Viren ausgesetzt sind, und zweitens weil die Krankenhäuser in der Folge mehr Spielraum haben, um sich anderen Leiden zu widmen. Das sei nun, da die Temperaturen auch in Israel unter 15 Grad sinken, besonders wichtig, sagt der Generaldirektor des Gesundheitsministeriums, Nachman Ash. Er rechnet mit einer Grippewelle, die alles Gekannte übertreffen wird.

Jüngste Daten aus Israel zeigen, dass die vierte Welle für Kinder schwerere Folgen hatte als die Wellen zuvor. Von den etwa 224.000 Kindern in Israel, die bis dato an Covid erkrankt sind, hat sich allein die Hälfte in der Delta-Welle angesteckt.

"Mini-Welle unter Kindern"

Seit wenigen Tagen gibt es aber einen neuen Grund, möglichst viele Kinder zu impfen: Der R-Koeffizient hat wieder die kritische Marke von 1 überschritten – das bedeutet, dass die Epidemie wieder an Schwung gewinnt. Premierminister Naftali Bennett spricht sogar von einer "Miniwelle unter Kindern": Über zwei Drittel der neuen Infektionen betreffen unter 18-Jährige.

Israels Regierungschef ließ daher seinen neunjährigen Sohn David am Dienstag von Kamerateams begleiten, um das Ärmelhochkrempeln des Sprösslings für Kampagnenzwecke zu nutzen. "David wurde soeben geimpft", verkündete Bennett danach per Presseaussendung. "Das schützt nicht nur Kinder und Eltern, sondern den gesamten Staat Israel." (Maria Sterkl aus Jerusalem, 24.11.2021)