Seit geraumer Zeit stehen Psychedelika wieder im Fokus der Wissenschaft, sodass bereits von einer Renaissance oder „dritten“ Welle gesprochen wird. In der ersten Welle waren es vor allem indigene Völker, die über Tausende von Jahren pflanzliche Stoffe benutzten, um Einsichten in die Natur des Geistes zu gewinnen und sich mit dem Göttlichen zu verbinden. Die zweite Welle begann mit der Entdeckung von LSD durch den Schweizer Chemiker Albert Hofmann 1938. Dessen Wirkung auf das Bewusstsein erwies sich im Laufe der darauffolgenden zwei Jahrzehnte als ein Hoffnungsträger in der Therapie psychischer Erkrankungen. Bereits Ende der 1950er-Jahre waren mehr als tausend wissenschaftliche und medizinische Publikationen zur Behandlung von Depressionen, Angsterkrankungen, Alkohol- und Nikotinsucht oder vom Tod bedrohten, an Krebs erkrankten Menschen mit LSD veröffentlicht worden.

In den 1960er-Jahren wurde LSD wegen seiner bewusstseinserweiternden Eigenschaften von einer immer einflussreicheren Gegenkultur für seine Zwecke vereinnahmt, weshalb sich konservative politische Kreise dazu veranlasst sahen, radikale Schritte hin zu einem Verbot zu setzen. Die vielversprechende Forschung und die zweite Welle fanden damit 1968 ein jähes Ende, als LSD und andere psychedelische Wirkstoffe wie Psilocybin oder Mescalin in die Tabelle I der Konvention über psychotrope Substanzen der Vereinten Nationen aufgenommen wurden. Während die Forschung in weiten Teilen der Welt vollständig zum Erliegen kam, wurden in wenigen Ausnahmefällen - besonders in den USA, der EU und in der Schweiz - streng reglementierte Studien mit Psychedelika wie LSD und Psilocybin genehmigt.

Die bewusstseinserweiternden Eigenschaften von LSD wurden zunächst als Therapie verwendet.
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Therapeutisch wirksame Zustände von Ich-Losigkeit

Psychedelische Substanzen führen vor allem bei hohen Dosen zu mystischen und spirituellen Erfahrungen. Sie sind durch Gefühle von Einssein mit der Welt, Verschwimmen von Objekt-Subjekt-Grenzen, Verlust eines Ich- und Zeitgefühls, Ehrfurcht und Glückseligkeit geprägt. Dabei hat sich besonders die Wirkung auf das Ich-Gefühl als therapeutisch hochwirksames Mittel bei der Bewältigung traumatischer oder belastender Erfahrungen erwiesen. Auch traditionelle Formen von Meditation wie im Zen zielen darauf ab, die Grenzen des Ich vorübergehend aufzulösen und die Selbstbezogenheit zu verringern. Mittlerweile wird deren positive Wirkung auf zahlreiche psychische Erkrankungen nicht mehr angezweifelt.

Die Neurowissenschaften haben in den letzten Jahrzehnten mit dem Default Mode Network (DMN) ein Gehirnsystem identifiziert, das unter anderem dann aktiv wird, wenn eine Person tagträumt, grübelt, erinnert, Zukunftspläne schmiedet, über sich und andere nachdenkt - also reizunabhängig denkt. Einem Bildschirmschoner vergleichbar, kreiert das Gehirn in Ruhephasen Vorstellungen und Geschichten über sich selbst und die Welt, die im Falle psychischer Erkrankungen tendenziell negativ gefärbt sind. In Phasen bewusst gelenkter Aufmerksamkeit, wie etwa während der Achtsamkeit auf den Atem, werden diese Hintergrundaktivitäten heruntergefahren, wodurch das Ich als weniger rigide und begrenzt erfahren wird. Wenn sich die Grenzen des Ich auflösen, tritt die Erzählung über sich selbst in den Hintergrund oder verliert komplett an Bedeutung. Negative Vorstellungen hören auf zu existieren, um einer Erfahrung jenseits von Worten, Zeit oder einem Selbst-Gefühl zu weichen.

Psychedelika und Meditation

Unabhängig voneinander erfahren sowohl die wissenschaftliche Erforschung von Meditation als auch psychedelischer Drogen seit geraumer Zeit eine bemerkenswerte Entwicklung. Obwohl es zwischen tiefen Versenkungszuständen und psychedelischen Zuständen auffallend viele Überlappungen in Phänomenologie und Neurophysiologie gibt, wurden kaum Anläufe unternommen, diese unterschiedlichen Wissensgebiete gemeinsam zu erforschen.

Der Schweizer Psychiater und Neurowissenschafter Franz Vollenweider und Zen-Meister Vanja Palmers beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Frage, ob Meditation in gesunden Probanden eine positive Wirkung auf die psychedelische Erfahrung ausüben könne.

Die 2019 in Nature Scientific Reports erschienene Studie „Characterization and prediction of acute and sustained response to psychedelic psilocybin in a mindfulness group retreat“, ging dieser Fragestellung nach und ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens handelte es sich um eine Untersuchung an ausschließlich gesunden Probanden in einem klösterlichen Setting, und zweitens wurde sie filmisch begleitet. Der daraus hervorgegangene Dokumentarfilm „Descending the mountain“ der Regisseurin Maartje Nevejan wurde im Herbst 2021 veröffentlicht.

Die in jahrelanger Zen-Meditation erfahrenen Probanden verfügten über keinerlei Erfahrung im Umgang mit Psychedelika. Umfangreiche Screenings durch Fragebögen, Interviews und fRMI-Scans (funktionelle Magnetresonanztomografie) des Gehirns wurden sowohl vor als auch nach dem eigentlichen Experiment durchgeführt. Das Psychedelikum Psilocybin wurde am vierten Tag eines fünftägigen Schweige-Retreats im Doppel-Blind-Verfahren verabreicht. Eine Hälfte der 39 Probanden bekam die Substanz, die andere ein Placebo. Anders als in klinischen Studien, wo Menschen die Dauer von vier bis sechs Stunden nach der Einnahme liegend und Musik hörend verbringen, meditierten die Probanden diese Zeit gemeinsam in der Gruppe.

Weitreichende Veränderungen in Einstellung und Verhalten

„Es führt dazu, dass wir weniger egozentrisch werden - es macht uns offener - du bist weniger mit dir selbst beschäftigt“, führt Volleinweider im Film aus. Er fand heraus, dass bei jenen Probanden, die Psilocybin erhielten, Gebiete im Frontalkortex und solche im posterioren Parietalkortex nachhaltig weniger miteinander interagierten, was auf eine Aktivitätsminderung des DMN und einer damit einhergehenden Abnahme der Selbstbezogenheit weit über die Wirkung der Substanz selbst hinweist. Dies hat zur Folge, dass das Gehirn neue neuronale Verbindungen aufbauen kann.

Verglichen mit der Placebo-Gruppe beschrieben die Probanden das psychedelische Erlebnis nicht nur als eines der bedeutendsten in ihrem Leben, sondern profitierten noch Monate danach von einer Reihe messbarer psychologischer und psychosozialer Faktoren. Dazu zählten eine Neubewertung der eigenen Meditationspraxis, Lebensbejahung, Selbstakzeptanz, Mitgefühl, Sorge um die Umwelt und Gesellschaft sowie Anerkennung der eigenen Sterblichkeit.

Die Studie konnte aufzeigen, dass sowohl das Ausmaß der Ich-Auflösung als auch das verabreichte Psilocybin erheblich zu den weitreichenden Veränderungen in Einstellung und Verhalten beitrugen. Es schien sich zu bestätigen, dass der Verlust von Ego-Grenzen das selbstreferenzielle Denken vermindert und neue Perspektiven fördert. Aktuelle Erkenntnisse untermauern diesen Zusammenhang. Psilocybin dürfte die neuronale Aktivität jener Gehirnregionen modulieren, welche zur Entstehung eines Selbstgefühls beitragen.

Ausblick

Derzeit laufen vor allem in den USA und der EU zahlreiche Studien, die den Einsatz psychedelischer Substanzen im klinisch-therapeutischen Setting erforschen. Die Ergebnisse sind sehr vielversprechend und so wird in den kommenden zwei Jahren die FDA-Zulassung von Psilocybin und MDMA als Medikamente zur Behandlung psychischer Erkrankungen wie Depression oder posttraumatischer Belastungsstörung in den USA erwartet. In Kombination mit nicht pharmakologischen Faktoren wie Meditation könnte diese Therapieform vor allem in Hinblick auf potenziell große Angstgefühle während der Ich-Auflösung sicherer und nachhaltiger gemacht werden. Aber auch gesunde Menschen könnten von einer Therapie profitieren, die meditative Versenkungszustände und Psychedelika miteinander verbindet. So hat bereits Albert Hofmann gesagt: “These substances are not for the sick only, they belong in the hands of meditation”.

Descending the mountain

Der Film „Descending the mountain“ der Regisseurin Maartje Nevejan dokumentiert das einzigartige Experiment und begleitet die Zuseher in eine Welt mystischer Offenbarungen. Die niederländische Filmemacherin benutzt Klänge, Musik, Animationen und durch künstliche Intelligenz erzeugte morphende Bilder, um eine transzendentale Einheitserfahrung mit der Natur zu beschreiben. Dabei verzichtet sie auf die ikonischen Visualisierungen der 60er-Jahre. Im Film erläutern Vollenweider und Palmers das Wesen außergewöhnlicher Bewusstseinserfahrungen aus unterschiedlichen Perspektiven - der des Wissenschafters und jener des Zen-Meisters.

"Descending the mountain" kann als Metapher für jenen Weg verstanden werden, auf den sich ein Mensch nach einem intensiven transzendentalen Erleben begibt - von einem Ort, an welchem Selbst und Zeit zu existieren aufhörten - zurück ins tägliche Leben. Das Ziel besteht demnach nicht darin, an außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen anzuhaften, sondern solche Erlebnisse zum Anlass zu nehmen, die eigene Existenz voll und ganz anzunehmen. „We cannot escape life“, sagt Palmers am Ende des Films. (Thomas Zaussinger, 1.12.2021)

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