Die Kritik am Verhalten des Regierungschefs wird immer lauter.

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Wenn Regierungssprecher und Kabinettskollegen Fragen nach dem Wohlbefinden des Premierministers beantworten müssen, gehen im Londoner Regierungsviertel Whitehall sämtliche Alarmlampen an. So ist es auch diese Woche wieder, allen tapferen Dementis zum Trotz. Boris Johnson sei "in hervorragender Form" und verfüge über "stählerne Härte", behauptete Vize-Premier Dominic Raab am Mittwoch, fügte aber treuherzig hinzu: "Wir arbeiten als Team."

Das ist im politischen System Großbritanniens schon in normalen Zeiten eine gewagte Behauptung. Denn der Bewohner der Downing Street Nr. 10 vereint erhebliche Machtfülle auf sich – nicht umsonst sprach ein früherer Verfassungsexperte von der Insel als einer "gewählten Diktatur". Keinem Regierungschef des 21. Jahrhunderts wird diese Beschreibung so gerecht wie dem 57-jährigen Johnson.

Bizarre Auftritte

Praktisch im Alleingang hat der Brexit-Vormann seine konservative Partei aus der Krise geholt und vor zwei Jahren einen großen Wahlsieg errungen. Als wollte er den Alleinanspruch demonstrieren, jagte Johnson ältere Beamte und Ministerinnen davon, umgab sich im Kabinett und in seinem Stabsbüro mit unerfahrenen und mittelmäßigen Figuren.

Das scheint sich zunehmend zu rächen. In diesem Herbst häufen sich bizarre Auftritte des Regierungschefs. Wie früher der muntere, nie um eine farbige, gelegentlich auch gewagte Formulierung verlegene Journalist Johnson würzt auch der Politiker Johnson seine Ansprachen mit Improvisationen und Witzchen. Als wolle er sich von der Rolle als Staatsmann distanzieren, lädt der kunstvoll Ungekämmte sein Publikum zu Gelächter und Beifall ein – und vernachlässigt dabei, dass manchmal vom Leiter der sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt ein wenig Seriosität verlangt wird.

Wort abgeschnitten

Die UN-Vollversammlung ließ der Brexit-Spaßvogel im September ebenso ratlos zurück wie seinen eigenen Parteitag im Oktober und zu Beginn dieses Monats die Delegierten der UN-Klimakonferenz COP 26 in Glasgow. Zwischendurch sah Johnson bei einer Kranzniederlegung in seinem Wahlkreis so zerzaust und ungepflegt aus, dass ein Augenzeuge Ähnlichkeit mit "einem Sofa auf der Müllkippe" konstatierte. Bei der Fragestunde im Parlament benahm sich Johnson vergangene Woche so daneben, dass der normalerweise milde Speaker Lindsay Hoyle ihm das Wort abschnitt: "Sie mögen der Premierminister sein, aber in diesem Haus habe ich das Sagen."

"I'm in charge!", sagte Sprecher Hoyle.
Daily Mail

An diesem Montag wollte der Premier, so hatte es die Medienabteilung der Downing Street vorab mitgeteilt, an seine blumigen Glasgower Beschwörungen der "grünen Wirtschaftsrevolution" anknüpfen. Stattdessen verglich sich Johnson vor dem Industrieverband CBI scherzhaft mit dem alttestamentarischen Propheten Mose, ahmte brummend einen Ferrari nach, schwärmte minutenlang von einem Erlebnispark für Kleinkinder – und verlor schließlich den Faden. 21 Sekunden lang wühlte der Premier in seinem Manuskript, stammelte dreimal "Verzeihen Sie mir". Das Schweigen im Saal wurde immer eisiger.

Unangenehme Stille bei Johnsons CBI-Rede.
Guardian News

"Das funktioniert einfach nicht"

Dreist behauptete ein Regierungssprecher tags darauf, bei vielen Zuhörern habe die Rede "großen Eindruck" hinterlassen. So kann man es natürlich auch sagen: "Ohne jede Strategie", "nichts als heiße Luft", "keinerlei Verständnis" für die Sorgen der Wirtschaft, lauteten die Kommentare der Manager. Hinter vorgehaltener Hand wurden Parteikollegen deutlicher: "Richtig frustriert" seien sie über die "amateurhafte Vorstellung" von Johnson und seinem engsten Beraterzirkel, berichteten Tory-Abgeordnete der britischen Presse.

Die BBC zitierte sogar eine "Quelle aus der Downing Street" mit dem Satz: "Das funktioniert einfach nicht." Umgehend wiesen Beobachter darauf hin, dass sich in der Downing Street auch das Büro von Rishi Sunak befindet. Dem Finanzminister werden starke Ambitionen auf Johnsons Nachfolge nachgesagt.

Schutz für Lobbyisten

Die schlechte Stimmung in Kabinett und Fraktion hat natürlich nicht nur mit einigen verunglückten Reden zu tun. Zu den jämmerlichen öffentlichen Auftritten gesellen sich hausgemachte Probleme: der ungelöste Dauerkonflikt mit der EU über Nordirland; das Gesundheitssystem NHS im Notstandsbetrieb; eine verunglückte Reform der Pflegeversicherung; die Streichung einer lang versprochenen Schnellbahntrasse im englischen Norden.

Dass Johnson zudem einen Brexit-Weggefährten vor der gerechten Bestrafung durchs Unterhaus wegen unerlaubten Lobbyings zu bewahren versuchte, haben ihm Medien und jüngere Abgeordnete gründlich übelgenommen. Labour-Oppositionsführer Keir Starmer spricht sogar unverblümt von "Korruption" und ätzt über den Kontrahenten, dieser sei "ein Feigling, kein Anführer".

Längst fragen auch die innerparteilichen Zweifler: Wie viel Chaos findet das Wahlvolk lustig, bis der Überdruss am Slapstick-Premier mit dem weißblonden Haarschopf überhandnimmt?

Midterm-Blues

Alles halb so wild, sagen Wohlmeinende. Nicht das System Johnson sei kaputt; nach hartnäckiger schwerer Erkältung sei der Vater eines achtzehn Monate alten Kleinkindes lediglich gesundheitlich ein wenig heruntergewirtschaftet gewesen. Alte Parlamentshasen fühlen sich zudem an vergleichbare Situationen erinnert: Zur Mitte der Legislaturperiode erleiden selbst erfolgreiche, später mit solider Mehrheit bestätigte Regierungen häufig einen Midterm-Blues. Genau darum handele es sich auch diesmal, beteuerte der Parteichef vergangene Woche vor der Fraktion und versprach: "Am Ende hauen wir Labour wieder weg."

Beweisen muss dies der einstige Wählermagnet bei zwei Nachwahlen im Dezember. In beiden normalerweise sicheren Tory-Wahlkreisen wäre alles andere als die Wahl eines Konservativen eine Sensation. Ganz egal aber, wie die Urnengänge ausgehen – der konservative "Times"-Kolumnist Matthew Parris, ein langjähriger Kritiker Johnsons, ist sich schon jetzt sicher, der Sinkflug des Brexit-Premiers habe begonnen: "Es mag Monate oder Jahre dauern, aber es ist nur noch eine Frage der Zeit." (Sebastian Borger aus London, 25.11.2021)