Ein Anwalt mit dem Bild Arberys.

Foto: Reuters / Marco Bello

Tränen, lachende Gesichter und Menschen, die einander in den Armen liegen: Die Stimmung vor dem Glynn-County-Gerichtsgebäude in Brunswick, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Georgia entlädt sich in allgemeiner Erleichterung. "Schuldig" lautet das Urteil, auf das nicht nur die Angehörigen, Freunde und Bekannten von Ahmaud Arbery so lange gewartet hatten. Das Urteil erfolgte fast auf den Tag genau ein Jahr und neun Monate nachdem der Afroamerikaner von drei weißen Männern durch seinen Heimatort gejagt und mit einer Schrotflinte auf offener Straße erschossen worden war.

Während die Strafverteidiger bis zuletzt versucht hatten, die Tat der drei Männer als Selbstverteidigung darzustellen, lag bei diesem Fall von Anfang an ein Verdacht von Lynchjustiz in der Luft. So blieben die Täter lange Zeit unbehelligt, bis im Frühjahr ein Video auf Youtube kursierte, das den genauen Tathergang zeigte. Nach Protesten in der Bevölkerung zog der Staat Georgia die Ermittlungen an sich. Insgesamt vergingen 74 Tage nach den tödlichen Schüssen, bis die Behörden Anklage erhoben und die mutmaßlichen Täter in Untersuchungshaft kamen.

Explosive Atmosphäre

Für viele schwarze Amerikaner und Anhänger von Ahmaud Arbery stand der Prozess unter keinen guten Vorzeichen. Beobachter hatten kritisiert, dass sich unter den zwölf Geschworenen, die zum Auftakt des Verfahrens ausgewählt worden waren, gerade einmal ein Schwarzer befand. Im Schnitt ist jeder dritte Einwohner von Georgia afroamerikanischer Abstammung. Der Jury fällt bei Tötungsdelikten im US-Strafsystem die entscheidende Rolle zu. Das Votum der zwölf Geschworenen muss einstimmig ausfallen, damit das Urteil rechtsgültig ist.

Aber auch so war die Atmosphäre vor der Urteilsverkündung im ganzen Land explosiv. Nur Tage vor dem Arbery-Urteil war in Kenosha im Bundesstaat Wisconsin Kyle Rittenhouse, ein 18-jähriger weißer Amerikaner, freigesprochen worden. Der Waffennarr hatte am Rande einer Black-Lives-Matter-Demonstration zwei Männer mit seinem halbautomatischen Sturmgewehr getötet. Aus Notwehr, wie die Jury in diesem Fall befunden hatte.

Jubel nach der Urteilsverkündung.
Foto: Reuters / Octavia Jones

Rittenhouse wird seitdem in rechtskonservativen Kreisen gefeiert. Politiker, Waffenlobbyisten, aber auch radikale Gruppierungen, darunter die sogenannten Proud Boys, die im Jänner am Sturm auf das US-Kapitol beteiligt gewesen waren, haben den jungen Mann zum Helden erklärt. US-Präsident Donald Trump hat den Todesschützen unmittelbar nach dem Prozess in seine Luxusresidenz Mar-a-Lago nach Florida eingeladen und sich dort mit ihm fotografieren lassen. Zuvor hatte der republikanische Kongressabgeordnete Matt Gaetz Rittenhouse ein Praktikum angeboten.

Präsenter Rassismus

Wie tief der Rassismus in den Südstaaten noch immer präsent ist, war im Verlauf des Prozesses im Fall Arbery immer wieder zu spüren. An einem Tag echauffierte sich die (weiße) Strafverteidigerin über die abgetragenen Khaki-Shorts des Getöteten, der noch nicht einmal Socken trug, um seine "langen, schmutzigen Fußnägel" zu bedecken. Zum Eklat kam es, als der ebenfalls weiße Strafverteidiger des Todesschützen versuchte, die im Zuschauerbereich sitzenden schwarzen Pastoren aus dem Saal entfernen zu lassen. Er begründete dies mit einer unzulässigen Beeinflussung der Geschworenen.

Nach 13 Verhandlungstagen zog sich die Jury am Dienstagnachmittag zur Urteilsfindung zurück. Am Mittwochvormittag hatten sich die Geschworenen nochmals das Handyvideo von der Tat sowie den Polizeinotruf vorspielen lassen, die als Beweise der Anklage dienten. Dann ging alles ganz schnell. Gegen 14 Uhr Ortszeit, nach zehneinhalbstündiger Beratung, wurde das Urteil von Richter Timothy Walmsley verlesen.

Auch wenn am Ende nur einer der drei Angeklagten die tödlichen Schüsse abgab, wurden alle drei Männer des Mordes für schuldig erklärt. Hintergrund dafür ist die Gesetzgebung von Georgia, wonach alle an einer Tat beteiligten Mithelfer gleichermaßen für eine Straftat haftbar gemacht werden, unabhängig davon, wer am Ende in diesem Fall den Abzug drückte.

Die Verurteilten nahmen das Urteil bestürzt, aber gefasst auf. Sie wirkten nicht, als hätten sie mit einem anderen Ergebnis gerechnet. Über das Strafmaß wird erst später entschieden. Allen drei Männern droht lebenslange Haft. (Richard Gutjahr, 24.11.2021)