Händler versuchten immer wieder, an der Uhr zu drehen. Doch die Fronten rund um Ladenöffnungszeiten waren bislang verhärtet.

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Wien – Wie viel Freiheit ist dem Handel zumutbar? Sollen Unternehmen selbst darüber entscheiden dürfen, ob sie sieben Tage die Woche aufsperren?

Hitzige Debatten um Einkaufssonntage haben in Österreich Tradition. Seit Jahrzehnten gehören sie zum Weihnachtsgeschäft wie die Kerzen zum Adventkranz. Und noch mehr seit die Corona-Krise weite Teile der Wirtschaft lahmlegt. Kein Lockdown verging, ohne dass der Ruf nach einer stärkeren Liberalisierung der Ladenöffnung für die Zeit danach ertönte.

Doch die Fronten blieben verhärtet, die Diskussionen drehten sich im Kreis, und jede Bewegung in die eine oder andere Richtung wurde im Keim erstickt. Zu groß war die Sorge, dass alle Dämme brechen und die soziale Errungenschaft des freien Sonntags den Bach runtergeht, zulasten der 549.000 Handelsmitarbeiter und ihrer Familien.

Stark umstritten

Auch Arbeitgeber sahen mehr Liberalisierung keineswegs einhellig als Booster für ihre Branche. Vor allem kleine Betriebe fürchteten, angesichts hoher Personalkosten und übers Jahr gerechnet kaum Mehrumsatz, auf der Strecke zu bleiben.

Neben Betreibern von Einkaufszentren, die an Umsätzen ihrer Mieter beteiligt sind, mobilisierten zwar einzelne Handelsketten für die Sieben-Tage-Woche. Wirklich viel abgewinnen konnten ihr die meisten nach schlechten Erfahrungen in anderen Ländern dennoch nicht.

Heuer ist alles anders. Denn einmal mehr ist ein Großteil der stationären Betriebe 20 Tage lang innerhalb der verkaufsstärksten Wochen des Jahres dazu verdammt, dabei zuzusehen, wie Umsätze an internationale Internetriesen verloren gehen. Finanziell erheblich kürzertreten müssen auch ihre Angestellten: Die meisten sind erneut in Kurzarbeit, Sonderzuschläge fallen weg.

Rote Linien

Gewerkschafter sind daher erstmals dazu bereit, sich an den Verhandlungstisch zu setzen und für zumindest einen Sonntag im Dezember Spielregeln zu erarbeiten.

Konkret geht es um den 19. Dezember – um nicht mehr und nicht weniger, das stellt GPA-Vorsitzende Barbara Teiber unmissverständlich klar. Und sie legt rote Linien fest, die nicht überschritten werden dürften. Zum einen müsse sich die Wirtschaftskammer klar dazu bekennen, dass es sich um eine einmalige Ausnahmesituation handle. Zum anderen sollten nur jene Geschäfte sonntags auf freiwilliger Basis öffnen dürfen, die derzeit aufgrund des Lockdowns geschlossen sind. Dass es für die Einigung eine besondere Vergütung brauche und Freiwilligkeit auch für die Beschäftigten gelten müsse, stehe außer Frage.

Rechtliche Basis

Rainer Trefelik will nun zügig Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern aufnehmen. Auch er betont den Wert der Freiwilligkeit. Was die Vergütung betrifft, gibt es dafür aus seiner Sicht bereits eine rechtliche Basis. In den Tourismuszonen acht österreichischer Bundesländer ist Einkaufen an Sonntagen zulässig. In Wien wurde dafür 2008 im Zuge der Fußball-EM ein Sonderkollektivvertrag geschaffen: Wer sonntags arbeitet, verdient das Doppelte.

Dass es für Fachhändler reizvoll sein könnte, einen Sonntag lang zu öffnen, während etwa Supermärkte und Drogeriemärkte geschlossen seien, ist für Trefelik nicht von der Hand zu weisen. Sich dazu näher festlegen will er vorerst aber nicht. "Es gibt hier viele offene rechtliche Fragen." (Verena Kainrath, 25.11.2021)