Am Flughafen von Tel Aviv wurde die neue Virusmutante entdeckt.

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Israel reagierte zwar rasch – aber im Kampf gegen das Coronavirus ist selbst ein hohes Tempo oft nicht hoch genug. Das zeigte sich in der Nacht auf Freitag, als die neue Virusvariante B.1.1.529 erstmals auch in Israel entdeckt wurde. Genau das hätte die am Donnerstagabend getroffene Notmaßnahme eigentlich verhindern sollen.

Bei den bis Freitagnachmittag (Ortszeit) registrierten Fällen handelt es sich laut ersten Medienberichten um vier Personen. Zwei von ihnen hätten zudem die Quarantäne nicht eingehalten, die für alle Einreisende bis zum Erhalt des PCR-Ergebnisses vorgeschrieben ist. Eine der beiden sei sogar per Bus in die sechs Fahrtstunden entfernte südisraelische Stadt Eilat gefahren – wofür sie zumindest einmal umsteigen musste.

Geimpft – dennoch infiziert

Alle vier Betroffenen seien geimpft, heißt es im Gesundheitsministerium. Genaueres war vorerst nicht zu erfahren.

Israel hatte beschlossen, Einreisen aus südafrikanischen Ländern zu stoppen. Sobald klar geworden war, dass die neue Variante mit einiger Wahrscheinlichkeit gefährlicher ist als die heute vorherrschende Delta-Variante, schloss Israel seine Grenzen für Einreisende aus Südafrika, Lesotho, Botswana, Simbabwe, Mosambik, Namibia und Eswatini (bis 2018 Swasiland). Am Freitag folgten dann fast alle anderen Länder des Kontinents mit Ausnahme einiger nordafrikanischer Staaten.

Israelische Staatsangehörige, die aus diesen Ländern zurückreisen, müssen sofort in Hotelquarantäne – selbst dann, wenn sie dreifach geimpft sind. Mit zwei PCR-Tests können sie der Quarantäne nach sieben Tagen entkommen. Verweigern sie den Test, bleiben sie für 14 Tage isoliert.

Zufälliger Treffer

Diese Notmaßnahmen, so zeigte sich später, hätten das Eindringen der Variante nach Israel aber auch nicht verhindern können: Der erste entdeckte infizierte Patient ist nämlich ein Israeli, der am Donnerstag mit einem Flugzeug aus Malawi zurückgereist war. Malawi stand zu diesem Zeitpunkt nicht auf der Liste, der Patient hätte laut den derzeit geltenden Regeln also nicht einmal Quarantäne einhalten müssen. Es war ein Glück, dass der bei der Ankunft am Tel Aviver Flughafen durchgeführte PCR-Test relativ rasch ein Ergebnis brachte. Der Infizierte befindet sich seither in Isolation.

In Isolation kamen auch zwei weitere Rückreisende aus dem Süden Afrikas, deren PCR-Test am Flughafen positiv anschlug. Auch bei ihnen besteht der Verdacht, dass es sich um die neue Variante handelt, die Behörden ermitteln das gerade.

Strengere Maßnahmen gefordert

Die israelische Regierung ist in Alarmmodus. Am Freitag traf Premierminister Naftali Bennett mit Gesundheitsminister Nitzan Horowitz und den Mitgliedern des Corona-Expertenbeirats zusammen, um über weitere Einschränkungen zu beraten. Manche Experten drängen auf strengere Maßnahmen. So hätte zum Beispiel ein Schnelltest am Herkunftsflughafen verhindern können, dass der positiv Getestete überhaupt ins Flugzeug steigt.

Eine mögliche weitere Maßnahme ist, dass selbst Einreisende aus Niedrigrisikoländern künftig wenige Tage nach der Ankunft einen zweiten PCR-Test machen müssen. Israel habe bereits eine größere Menge an spezifischen PCR-Tests angefordert, die es ermöglichen, die neue Variante zu identifizieren, meldet das Büro des Premierministers.

Bis Donnerstag hatte Israel kein einziges Land der Welt auf der Ampelskala als rot eingestuft. Personen aus gelben und orangen Ländern dürfen nach Israel einreisen, sofern sie dreifach geimpft sind oder einen zweifachen Schutz haben, der nicht älter als fünf Monate ist.

Wird diese Variante alles übertreffen, was wir von der hochinfektiösen Delta-Variante kennen?

Waffen abgeschaut?

Dieser Frage widmen sich derzeit Virologen rund um den Globus. Vieles ist noch unklar. Bisher ist jedenfalls bekannt, dass die Variante deutlich mehr Mutationen bildet als Delta. Ein Verdacht der Experten ist, dass sich die neue Variante jeweils die schärfsten Waffen von Beta und Delta abgeschaut haben könnte. B.1.1.529 ist demnach womöglich nicht nur deutlich ansteckender als Delta, sondern auch besser darauf getrimmt, das Immunsystem auszutricksen.

Endgültiges lasse sich aber noch nicht sagen, "dazu brauchen wir mehr Daten", erklärt die Epidemiologin Emma Hodcroft von der Universität Bern auf Twitter. Mit frühen Schlussfolgerungen solle man daher vorsichtig sein. (Maria Sterkl aus Jerusalem, 26.11.2021)