In der Galerie der großen Popstars hat sich Sinéad O'Connor einen Stammplatz erworben. Einerseits als fühlige Interpretin mit samtener Stimme. Andererseits als Künstlerin mit Hang zu exzentrischen Auftritten.

Sinéad O’Connor, "Erinnerungen". 20,95 Euro / 256 Seiten. Riva-Verlag, München 2021
Cover: Riva Verlag

Wie es sich im Inneren einer – von vielen als versponnene Natur – Missverstandenen anfühlt, davon erzählt die Irin in ihrer 2021 erschienenen Autobiografie Erinnerungen. Kurz zusammengefasst: Es war nicht leicht.

Als Kind wird sie von ihrer Mutter schwer misshandelt. Die Gewalteskalation im Nordirlandkonflikt hinterlässt bei der streng gläubigen Jugendlichen tiefe Wunden und sorgt für ein zorngeprägtes politisches Bewusstsein.

Rasanter Aufstieg

Mit dem Prince-Coversong auf ihrem ersten Album schafft sie 1990 einen rasanten Aufstieg, der sie, wie sie selbst sagt, "aus der Spur" bringt. Als sie zwei Jahre später ihrer Wut über Kindesmissbrauch von katholischen Priestern Ausdruck verleiht, indem sie in der Saturday Night Life Show ein Bild des Papstes zerreißt, widerfährt ihr ein Shitstorm, der schwere Depressionen zur Folge hat.

O’Connor erzählt von dieser Zeit und von danach schnörkellos, klar, direkt – und mit dunklem Humor. Zahlreiche Episoden schmücken diese sehr abwechslungsreichen, niemals wehleidigen Erinnerungen.

Einer der Höhepunkte ist die Schilderung der Begegnung mit dem abgehobenen Prince. Die beiden wurden, so viel darf man verraten, keine Freunde. Achtung, das wird jetzt sentimental. Musik rührt die Herzen der Menschen, meines lässt sie beben. Wenn ein Lied den richtigen Ton trifft, öffnen sich bei mir alle Schleusen. Ich saß im Kino, sah die Aretha-Franklin-Doku Amazing Grace und heulte ab Minute fünf bis zum Abspann. Seit ich den Trailer zu Get Back sah, bin ich in John Lennon verliebt.

Um mich in die richtige Stimmung für Verhandlungen zu bringen, höre ich Martha Wainwright. An David Bowies Sterbetag trage ich Trauer. Und einmal im Jahr, dann, wenn Sinead O’Connor Silent Night singt, da schmelze ich. Die Interpretation ist von einer Zartheit, die dem oft gehörten Weihnachtslied eine Note von Stille hinzufügt, von der man einfach nur ergriffen ist. Also ich bin es. Jedes Jahr wieder. Hören Sie sich das an, und haben Sie ein frohes Weihnachtsfest. (Doris Priesching, ALBUM, 22.12.2021)