Im Herbst 1907 gingen die Wogen im Wiener Rathaus hoch. Die Pocken, auch Blattern genannt, waren wieder in der Kaiserstadt aufgetaucht. Ärzte warnten vor einer Ausbreitung der gefährlichen Infektionskrankheit und riefen zur Impfung auf. Damit stießen sie auf Widerstand – auch von prominenter Seite. Der Wiener Bürgermeister Karl Lueger, für seinen Antisemitismus und seine Wissenschaftsfeindlichkeit berüchtigt, wetterte vor dem Gemeinderat: Es seien "infolge des Impfens und der förmlichen Impfpanik viel mehr Todesfälle eingetreten als durch die Blattern".

Gemalte Wissenschaftsgeschichte: der englische Mediziner Edward Jenner bei der Impfung seines Kindes gegen die Pocken. Jenner gilt als Pionier der Impfstoffforschung, er entwickelte Ende des 18. Jahrhunderts die moderne Pockenschutzimpfung. Das neue Vakzin kam sofort auch in Österreich zum Einsatz.
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Die Wiener Ärzteschaft zeigte sich empört und kritisierte Lueger für seinen zur Schau gestellten "Hass gegen die medizinische Wissenschaft", der zum Schaden der Bevölkerung führe. Der Streit um die Impfung war damit nicht beendet. Impfgegner versammelten sich wenige Wochen später zu einer Protestaktion im Rathaus, bei der letztlich Gegenstände und Fäuste flogen, bis die Polizei einschritt.

Ruf nach Zwang

"Anhänger des Naturheilverfahrens, des Kneipp-Verfahrens, Vegetarier, Vivisektionsgegner, Mitglieder des Vereines ‚Gesunde Menschen‘ sowie andere Gegner des Impfens und Feinde der medizinischen Wissenschaft waren in Massen erschienen", berichtete das "Neue Wiener Journal" über den Tumult. Viktor von Ebner-Rofenstein, Rektor der Universität Wien und selbst Mediziner, zeigte wenig Verständnis für die Sorgen der Protestierenden: "Ungebildete und nichtwissende Menschen haben nicht das Recht, über die Wissenschaft ein Urteil zu sprechen."

Die Wiener Blatternepidemie von 1907 habe "drastisch den Mangel eines Impfzwanggesetzes vor Augen geführt", resümierte die "Allgemeine Wiener medizinische Zeitung". Neu war der Ruf nach einer Impfpflicht freilich nicht, Überlegungen zu ihrer Einführung hatte es schon ein Jahrhundert zuvor gegeben – und anderswo bestand sie längst.

Aufklärung und Strafen

In Bayern wurde bereits 1807 eine allgemeine Pockenimpfpflicht eingeführt, mit dem Reichsimpfgesetz von 1874 wurde die Verpflichtung dann auf das gesamte Deutsche Reich ausgedehnt. "Da wurde festgelegt, dass Kinder im ersten und im zwölften Lebensjahr geimpft werden müssen, sonst gab es hohe Geldstrafen", sagt die Medizinhistorikerin Daniela Angetter-Pfeiffer von der Akademie der Wissenschaften.

1948 wurde die Pockenimpfung in Österreich gesetzlich vorgeschrieben. Wie hoch die Durchimpfungsrate damals war, ist unklar. Bild: Impfung in Salzburg 1950.
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Auch England und Frankreich schrieben die Pockenimpfpflicht im 19. Jahrhundert fest. In Österreich war man mit dem Impfen zwar sehr früh dran, allerdings wurde dabei nicht auf direkten Zwang gesetzt, wohl aber auf Aufklärung und eine gehörige Portion Druck.

Die Immunisierung gegen die Pocken gilt als "Mutter aller Impfungen". Schon vor 2000 Jahren gab es in Asien Versuche, die Ausbreitung der lebensbedrohlichen Infektionskrankheit durch kontrollierte Ansteckung einzudämmen – kein ganz ungefährliches Unterfangen: Dafür wurden gesunden Menschen kleine Wunden in die Haut geritzt, in die das Sekret aus Pusteln von Pockenkranken eingebracht wurde. Die Hoffnung, dass die derart behandelten Personen nur eine milde Form der Krankheit durchmachten und fortan immun waren, erfüllte sich zwar nicht immer. Die auch als Inokulation bezeichnete Methode rettete jedoch unzählige Menschenleben, ab 1768 auch in Österreich.

Aufgeklärte Herrscherin

Maria Theresia, die Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn, hatte am eigenen Leib erfahren, was die Pocken anrichten konnten: Sie selbst war 1767 daran erkrankt und hatte enge Familienangehörige an die Krankheit verloren, darunter drei Töchter. Auf Empfehlung ihres Leibarztes Gerard van Swieten ließ sie daraufhin in Wien eine kostenlose Impfkampagne starten und auch einige ihrer eigenen Kinder "inokulieren" – allerdings nicht, ehe das Verfahren an 100 Wiener Waisenkindern erfolgreich getestet worden war.

Die aufgeklärte Herrscherin sah in den Pocken auch ein dynastisches Problem, sagt Angetter-Pfeiffer: "Wenn die Bevölkerung von einer Epidemie heimgesucht wird und vor allem wenn auch die Armee betroffen ist, dann ist die ganze Staatsmacht geschwächt." Vor allem auf dem Land stießen die Impfbemühungen aus der Hauptstadt aber auf wenig Enthusiasmus.

Den großen medizinischen Durchbruch in Sachen Pockenimpfung sollte Maria Theresia nicht mehr erleben, er prägte aber schon bald auch die österreichische Impfpolitik. 1798 veröffentlichte der englische Arzt Edward Jenner Versuche, die zeigten, dass eine Impfung mit für Menschen weitaus ungefährlicheren Kuhpockenviren ebenfalls zu einer Immunisierung gegen die Pocken führt. Das Ergebnis war eine viel sicherere Schutzimpfung mit dem prägenden Namen "Vaccination" (von der lateinischen Bezeichnung für Kuh, "vacca").

Massenimpfung anno 1800

Schon im Jahr 1800 wurde mit dem Vakzin in Brunn am Gebirge die erste öffentliche Massenimpfung in Österreich durchgeführt, die riskantere Vorläuferimpfung wurde bald verboten. Die anfangs hohe Impfbereitschaft zeigte Wirkung, Wien blieb mehrere Jahre von den Pocken verschont. Doch kaum gingen die Infektionszahlen zurück, nahm auch das Interesse an der Impfung ab.

An Ängsten, Skepsis und Ablehnung gegenüber der Impfung mangelte es zudem nicht, sagt Angetter-Pfeiffer, die kürzlich ein Buch über das Erbe von Seuchen in Österreich veröffentlicht hat ("Pandemie sei Dank!", Amalthea-Verlag). "Seit es Impfungen gibt, gibt es auch Impfgegner."

Die Argumente gegen die Impfung waren divers: Manche lehnten die Impfung als unchristlichen, nicht gottgewollten Eingriff in ihren Körper ab. Andere sorgten sich davor, ihre Kinder unnötigen Risiken auszusetzen, oder fürchteten unvorhersehbare Folgen für Körper und Geist. So warnte der deutsche Philosoph Immanuel Kant, dass den Menschen mit dem Kuhpockenserum eine "tierische Brutalität" eingeimpft werden könnte. Auch antisemitische Verschwörungstheorien ließen nicht lange auf sich warten.

Kirche in der Pflicht

In Bayern verordnete König Max I. Joseph 1807 eine Impfpflicht, da "viele Menschen noch aus Vorurteil oder Indolenz auf diese große Wohltat verzichten und dadurch sowohl sich als andere in Gefahr setzen".

So weit ging man in Österreich nicht. Zwar stand die Ärzteschaft der Pockenimpfung recht positiv gegenüber, es gab aber auch Gegenstimmen. Beobachtungen, wonach die Impfung nicht immer wirkungsvoll war und in Einzelfällen schädlich sein konnte, veranlassten Kaiser Franz I. 1811 zur Feststellung: "Bevor die gänzliche Überzeugung nicht vorhanden ist, dass die Vaccination ganz vor den natürlichen Pocken schütze, kann von Seite des Staates nicht zwangsweise vorgegangen werden."

Stattdessen spannten die Behörden die Kirche und Ärzte ein, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Pfarrer wurden angehalten, die Vorzüge der Impfung zu predigen, auch bei der Taufe musste Aufklärung geleistet werden. Ungeimpften Kindern, die an den Pocken verstarben, konnte ein religiöses Begräbnis verwehrt werden, ihre Eltern wurden mit öffentlicher Bloßstellung bedroht. Besonders impfwillige Ärzte wurden hingegen großzügig belohnt und in der "Wiener Zeitung" erwähnt.

Regionales Wirrwarr

Ein Erlass des Innenministeriums vom 20. November 1853, der eine Revision der Impfvorschriften empfahl, setzte eine intensive Impfpflichtdebatte in Gang, die Jahrzehnte dauern sollte. Selbst die Länder waren in der Sache uneins: So verlangte der Salzburger Landtag 1864 die Einführung des direkten Impfzwangs. Wenig später sprach sich der oberösterreichische Landtag mehrheitlich dagegen aus. In Niederösterreich drängte man indes auf eine einheitliche europäische Regelung, während man in Wien den indirekten Zwang weiter verstärkten wollte. Das Staatsministerium beschloss schließlich, die Einführung der Pflichtimpfung nicht weiter zu verfolgen.

In Tirol wurde die Impfung besonders argwöhnisch beäugt – und spielte eine Rolle in der von Andreas Hofer angeführten Aufstandsbewegung gegen die bayerisch-französische Besatzung 1809, sagt Angetter-Pfeiffer: Das Vakzin wurde als Teufelswerk verunglimpft, mit dem den Tirolern der Protestantismus eingeimpft werden sollte. "Die Furcht war groß, dass mit der Herrschaft der Bayern auch in Tirol die Impfpflicht eingeführt würde."

Typisch österreichisch

In einigen Bereichen wurde die Impfung aber auch in Österreich zur Bedingung gemacht, etwa für den Eintritt in die Schule, ins Militär oder für die Bewilligung von Stipendien. "Konsequent exekutiert wurde das aber nicht – kein ungeimpftes Kind wurde abgewiesen", sagt Angetter-Pfeiffer. "Wenn man so will, war es eine typisch österreichische Lösung", sagt Angetter-Pfeiffer.

Das änderte sich erst im 20. Jahrhundert, als es nach dem "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland zur Rechtsangleichung kam und 1939 das deutsche Reichsimpfgesetz – samt Pockenimpfpflicht – übernommen wurde. Das Impfgesetz bestand in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert. "Es handelt sich dabei also um kein spezifisch nationalsozialistisches Gesetz", sagt Herwig Czech, Professor für Medizingeschichte an der Med-Uni Wien.

Widersprüchliche Haltung

In Sachen Impfung könne man den Nationalsozialisten auch keine einheitliche Haltung zuschreiben: "Es gab zwar rechtsesoterische, naturheilkundlerische Strömungen und auch die Verbindung von Antisemitismus und der Abwehrstellung gegen eine als Schulmedizin denunzierte wissenschaftliche Medizin. Diese Naturheilströmungen konnten sich aber nicht sehr breit durchsetzen, zumindest nicht an den Universitäten", sagt Czech. Die Ideologisierung der Medizin zeigte sich eher daran, dass die "Rassenhygiene" zum Leitparadigma im öffentlichen Gesundheitswesen wurde.

Die widersprüchliche Haltung gegenüber Impfungen wurde zum Beispiel sichtbar, als an der Wiener Universitätskinderklinik Versuche mit einem Impfstoff gegen Tuberkulose stattfanden, für die Kinder aus der Tötungsanstalt "Am Spiegelgrund" als Versuchspersonen missbraucht und später vermutlich ermordet wurden. Andererseits ist unklar, in welchem Ausmaß die allgemeine Pockenimpfpflicht in der NS-Zeit in Österreich tatsächlich vollzogen wurde.

Fest steht, dass die Gesundheitsbehörden nach dem Krieg nicht mehr auf dieses Instrument verzichten wollten – so wurde am 30. Juni 1948 ein "Bundesgesetz über Schutzimpfungen zu Pocken" beschlossen. "Jedermann ist verpflichtet, sich nach Maßgabe der Bestimmungen dieses Bundesgesetzes zum Schutz gegen Pocken impfen zu lassen", heißt es darin – die Nichtbefolgung wurde mit einer Verwaltungsstrafe von 1000 Schilling belegt.

Erfolgreiche Ausrottung

"Wenn man das Gesetz liest, merkt man aber schnell, dass das eigentlich keine allgemeine Impfpflicht war", sagt Czech. Zwar mussten Kinder demnach bis zum Ende des zweiten Kalenderjahres nach der Geburt beziehungsweise im zwölften Lebensjahr geimpft werden sowie Erwachsene, wenn sie in gefährdeten Berufen tätig waren. In Wien wurde die Erstimpfung bei Kindern über drei Jahre aber schon 1949 wieder ausgesetzt, nachdem es zu einem Todesfall gekommen war. Nähere Bestimmungen zur Impfpflicht von Erwachsenen fehlen. "Ich wäre also vorsichtig mit der Annahme, dass die Bevölkerung da wirklich auf Basis dieses Gesetzes durchgeimpft wurde", sagt Czech.

In den späten 1970er-Jahren wurde die Impfpflicht dann aufgrund der weltweit veränderten epidemiologischen Lage ausgesetzt. Am 8. Mai 1980 verkündete die Weltgesundheitsorganisation schließlich die weltweite Ausrottung der Pocken und empfahl den Staaten die Aufhebung der Impfpflicht. Zum ersten und bisher einzigen Mal in der Geschichte war eine Krankheit durch weltweit koordinierte Impfkampagnen verschwunden. Es war auch das Ende der bislang einzigen umfangreichen Impfpflicht in Österreich: Das Gesetz wurde mit 31. Dezember 1980 abgeschafft. (David Rennert, Tanja Traxler, 27.11.2021)