Spotify wächst weiter kräftig und gewinnt immer mehr User – aber allmählich stimmen die Fans auch kritische Töne an.

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Im schwedischen Spotify-Headquarter dürfte die Stimmung derzeit recht gut sein – denn das einstige Start-up konnte die Zahl den Abonnenten zum vergangenen Quartal im Jahresvergleich um 19 Prozent auf 381 Millionen monatlich aktive User (MAUs) steigern. Davon sind 172 Millionen regelmäßig zahlende Premium-Kunden, und auch das Werbegeschäft wächst prächtig. Klingt gut. Doch unter der Oberfläche, abseits der nackten Zahlen, schwächelt Spotify zunehmend ausgerechnet dort, wo es als Pionier der Branche und jetziger Marktführer einst punktete: bei der Innovationskraft und beim Vertrauen der Fans.

Spotify dreht Car View ab ...

So machte dieser Tage eine Meldung die Runde, dass Spotify den Autofahrmodus "Car View" streicht. Dabei handelt es sich um eine simplifizierte Ansicht der App, die unter anderem durch größere Tasten eine sicherere Bedienung im Auto gewährleisten soll.

Ein Ersatz für dieses Feature soll zwar kommen – wann und in welcher Form, das ließ Spotify aber offen. Überhaupt ist die Kommunikation zu diesem Thema, gelinde gesagt, verbesserungswürdig: Außer einem Eintrag in einem offiziellen Spotify-Onlineforum gibt es keine weiteren Informationen zu diesem Thema.

... hat ein familienfeindliches User-Management ...

Doch das Abdrehen einer beliebten und nützlichen Funktion ist nicht der einzige Punkt, für den Spotify schlechte Noten sammelt. Ein anderer ist das Usermanagement. Denn während Anbieter wie Netflix und Amazon Prime es längst ermöglichen, sich mit einem einfachen Klick als jeweiliges Familienmitglied anzumelden, müssen Spotify-Family-Kunden für jedes Familienmitglied ein eigenes Konto anlegen, über das man sich jeweils an- oder abmelden muss, wenn man den Nutzer wechseln will.

In der Praxis heißt das: Ist der Algorithmus mal auf Simone Sommerland trainiert, dann dominiert sie während einer mehrstündigen Autofahrt die Playlist auch dann, wenn die Kinder schlafen und Papa gerne Sepultura hören würde. Die Alternative ist, dann mit den eigenen Vorlieben im Algorithmus des anderen Familienmitglieds herumzupfuschen – was freilich auch nicht Sinn der Sache ist.

... hat kein Spatial Audio ...

Andere Services hat Spotify entweder gar nicht umgesetzt – oder deutlich später als die Konkurrenz. So rührt Apple seit Monaten die Werbetrommel für 360-Grad-Audio, welches mit Kopfhörern einen besseren Raumklang bieten soll.

Andere Anbieter – wie Tidal, Amazon Music und Deezer – setzen auf eine ähnliche Lösung aus dem Hause Sony. Somit hat so gut wie jeder große Anbieter eine 360-Grad-Lösung im Repertoire, außer eben Spotify.

... und verliert auch beim Thema Datenschutz

Ende November hat Spotify endlich begonnen, Songtexte anzuzeigen. Die Funktion ist aber erstens versteckt und muss in der Desktop-App mit einem kleinen Button aktiviert werden, zweitens funktioniert sie längst nicht bei allen Interpreten: Bei einer unbekannten Indie-Band namens Rage Against the Machine versagte der Service.

Und apropos versteckt: Neukunden sollten den nicht auf den ersten Blick sichtbaren Datenschutzeinstellungen einen Besuch abstatten und "individuelle Werbeinhalte" deaktivieren. Tut man dies nicht, so werden die Daten mit externen Werbepartnern geteilt. Die Funktion ist standardmäßig aktiviert, selbiges gilt für den Abgleich des Spotify-Accounts mit einem eventuell verknüpften Facebook-Konto.

Damoklesschwert Nokia

Es ist nun nicht so, dass es Spotify schlecht ginge – ganz im Gegenteil: Die Zahlen sprechen eine klare Sprache, die Schweden sind Marktführer in ihrem Segment. Aber die aktuelle Situation erinnert doch stark an einen anderen einstigen Tech-Riesen aus Skandinavien, dessen Marktmacht einst als unbrechbar galt, der sich auf seinen Lorbeeren ausruhte, zu langsam reagierte und auf die falschen Trends setzte. Und der schließlich das Feld räumen musste. Wenn Spotify diesem Schicksal entgehen möchte, sollten die Schweden ihren Fans wieder das geben, was sich diese wünschen: möglichst gute Musik in möglichst guter Qualität mit möglichst wenig Aufwand hören zu können. (Stefan Mey, 30.11.2021)