Birgit Baumann war im Jahr 2011 Vorsitzende des Vereins der Ausländischen Presse in Deutschland und moderierte ein Pressegespräch mit Kanzlerin Angela Merkel. Die Farbauswahl bei der Kleidung war nicht abgesprochen.

Foto: Simon Harik

Die Verklärung, so heißt es, beginnt mit dem Moment des Abschieds. Und Abschied nehmen viele von Angela Merkel schon über eine ziemlich lange Zeit.

Rücktritt als CDU-Chefin im Jahr 2018, keine Kanzlerkandidatur mehr bei der Bundestagswahl 2021, letzter Auftritt im Bundestag, letzte Kabinettssitzung, letzte Ministerpräsidentenkonferenz, letzte Pressekonferenz – Stück für Stück ist sie schon weggerückt in den vergangenen Jahren und war gleichzeitig immer noch da. Preußisch pflichtbewusst bis zum Schluss.

Bis kurz vor dem großen Zapfenstreich am Donnerstagabend verhandelte Merkel noch über die neuen Corona-Beschränkungen für Deutschland. Dann eilte sie in den Ehrenhof des Verteidigungsministeriums, um sich mit von ihr ausgewählten Musikstücken ganz offiziell verabschieden zu lassen.

Rührung

Dabei hat sie noch einmal für eine Überraschung gesorgt. Du hast den Farbfilm vergessen der DDR-Punkrockerin Nina Hagen hatte wohl keiner erwartet. Im Archiv der Bundeswehr waren die Noten gar nicht vorrätig. Was für ein Zapfen-Streich von Merkel.

Als die Musik erklang, war sie gerührt. Ich gebe zu: ich ebenso. Denn jetzt steht das Unfassbare unmittelbar bevor. Kommende Woche verlässt Merkel tatsächlich nach 16 Jahren das deutsche Kanzleramt, sie wird dann Regierungschefin a. D. sein.

Es ist auch für mich eine Zäsur, nicht nur eine politische. Wir beide haben einen Anfang gemeinsam: Sie kam 2005 als Bundeskanzlerin ins Amt, ich wurde im selben Jahr Deutschland-Korrespondentin des STANDARD. Dann sind wir einen sehr langen Weg gemeinsam gegangen, wovon sie natürlich nichts weiß. Ich hingegen hatte sie jeden Tag im Kopf.

3373 Treffer tauchen im STANDARD-Archiv auf, wenn man seit dem November 2005 unser beider Namen eingibt. "Was macht Mutti heute?", lautete lange die tägliche Frage im Haus der Bundespressekonferenz, wo die in- und ausländischen Journalisten arbeiten.

Hubschrauber über dem Haus

"Mutti" war in unterschiedlichen Tonlagen zu hören. Manchmal respektvoll, gelegentlich liebevoll, aber auch genervt, so wie Teenager motzen, wenn die Altvorderen schrecklich spießig sind und man sich abgrenzen will. Doch davon später noch mehr.

Der Blick aus meinem Büro geht direkt in ihres, Kanzleramt, siebente Etage. Aber man sieht sie natürlich nicht am Schreibtisch ihre Akten bearbeiten und regieren, die Entfernung ist zu groß.

Von meinem Balkon aus habe ich oft den Hubschrauber knattern hören und dann über mein Haus fliegen sehen, wenn sie aus dem Park des Kanzleramtes wegflog zu irgendeinem Termin. "Ah, ja, sie muss heute nach Hannover/Bremen zu den Arbeitgebern / zu den Bauern / sonst wohin", war dann als Gedanke da. Man lebte mit ihrem Terminplan im Kopf.

Am Anfang, 2005, als sie noch wahlkämpfte, war da schon so ein Gefühl, obgleich die Umfragen eigentlich für Amtsinhaber Gerhard Schröder sprachen: "Die schafft das. Die wird Kanzlerin." Sie hatte etwas Zähes und Zielstrebiges an sich. Gelacht hat damals keiner mehr über sie. Aber in den Jahren zuvor haben wir natürlich gelästert. Die schreckliche Kleidung, der gruselige Haarschnitt. Hahaha. Undenkbar ist so etwas heute, aber damals schrieb sogar die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom "Topfhaarschnitt".

Im September 2005, bei der Wahl, schaffte sie es tatsächlich. Die Welt ging, anders als auch viele in der Union zunächst befürchteten, auch nicht gleich unter, als die erste ostdeutsche Frau, noch dazu Protestantin und geschieden, ins Bundeskanzleramt einzog.

Keine Homestory, kein Skandal

Stattdessen lernten wir die Neue erst einmal kennen. Nicht wenige erwarteten, dass jetzt auch ein gewisser Kanzlerinnenglamour einziehen würde. Doch er kam nicht, genauso wenig wie irgendeine Homestory.

Jeder weiß, dass Merkel in Berlin gegenüber dem Pergamonmuseum wohnt. Aber niemand hat eine Ahnung, wie es in ihrer Wohnung aussieht oder wie ihr Mann, Joachim Sauer, ihre Kanzlerschaft erlebte.

Skandale mochten diverse Royals produzieren, Merkel war privat die verschlossene Auster. Immerhin verriet sie irgendwann, dass sie die Kartoffeln in ihrer Suppe zerstampft und nicht püriert.

Mir hat diese Konsequenz – um nicht zu sagen Sturheit – , diese Verweigerung im Medienzirkus, imponiert. Es war wohltuend, nicht nur nach den dicken Zigarren und den Brioni-Anzügen ihres Vorgängers Gerhard Schröder, sondern auch im Vergleich zur Inszenierung des Kurzzeit-First-Couples Bettina und Christian Wulff.

Modische Bombe

Merkel war 2008 zur Eröffnung der Oper in Oslo in einem so tief dekolletierten schwarzen Kleid erschienen, wie man es an ihr noch nie gesehen hatte.
Foto: Reuters / NTB

Einmal aber schlug modisch eine Bombe ein. Merkel war 2008 zur Eröffnung der Oper in Oslo in einem so tief dekolletierten schwarzen Kleid erschienen, wie man es an ihr noch nie gesehen hatte. "Derart offenherzig möchte ich weder meine Mutter noch meine Kanzlerin sehen", beschied ein guter Freund. Viele stimmten ihm zu, andere hingegen fanden das Dekolleté der Kanzlerin klasse.

Das skandalöse Kleid stach auf jeden Fall aus der Riege der schier unendlichen Hosenanzüge und farbigen Jacketts der Regierungschefin mehr als deutlich heraus und sorgte für viele Schlagzeilen. Sogar Regierungssprecher Thomas Steg sah sich gezwungen, Stellung zum Outfit zu nehmen. Es handle sich um ein "Neuarrangement aus dem Bestand der Bundeskanzlerin" – im Übrigen halte die Kanzlerin die Aufregung darüber für unangebracht.

In den Jahren darauf gab es nicht nur modische Überraschungen, obgleich es hieß, Merkel sei so berechenbar.

Im Jahr 2011 töteten US-Soldaten in Pakistan Al-Kaida-Chef Osama bin Laden. Merkel bat zu einem Pressestatement ins Kanzleramt und zollte zunächst den USA Respekt. Dann erklärte sie: "Ich freue mich, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten." Das waren ungewöhnliche Worte für jemanden, dessen Partei das Wort "christlich" im Namen trägt – und sie sorgten für viel Aufregung.

Regierungssprecher Steffen Seibert bemühte sich, den Satz dann so zu erklären: "Das Motiv ihrer Freude war der Gedanke: Von diesem Mann wird nun keine Gefahr mehr ausgehen."

Eiskalter Rauswurf

Die Verblüffung war Journalisten und Journalistinnen auch ein Jahr später, im Mai 2012, ins Gesicht geschrieben. Merkel hatte erneut zu einem Statement ins Kanzleramt gebeten. Sehr kurzfristig, man wusste nicht, warum.

In knappen Worten erklärte sie dann, dass sie dem Bundespräsidenten "gemäß Artikel 64 des Grundgesetzes vorgeschlagen" habe, Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) zu entlassen. Es solle in seinem Amt einen "personellen Neuanfang geben". Noch nie zuvor und auch nie danach war jemand von Merkel so eiskalt, so demütigend in aller Öffentlichkeit abserviert worden.

Merkel und die Männer – das war natürlich ein Kapitel für sich. So viele sind an und neben ihr gescheitert, verschwanden, während sie immer weitermachte. Wir erinnern uns an Edmund Stoiber, Roland Koch, Christian Wulff, Karl-Theodor zu Guttenberg, Friedrich Merz. Gut, Letzterer ist jetzt wieder da. Aber dennoch gehört er auf die Opferliste.

Rücktritte und Scheitern bedeuten natürlich immer journalistische Festspiele. Auf weiten Strecken dazwischen jedoch gab es kein großes Kino, der Alltag mit Merkel war schlicht langweilig. Vom Mehltau war oft die Rede, vor allem in den Jahren vor 2015.

Merkel schien im Zenit ihrer Macht, vieles war zum Ritual verkommen und erstarrt. Man wusste schon vorher, was sie sagen würde, und auch, wie sie es tun würde. Viele Journalistinnen und Journalisten wurden Merkel-müde. Auch ich gehörte dazu.

FDP als Prüfung Gottes

Aber es war kein Nachfolger, geschweige denn eine Nachfolgerin in Sicht. Merkel, so schien es, wollte immer weitermachen. Ihre einlullenden Sätze, die ewiggleichen Jacketts, die abgelatschten Schuhe – alles, was in unruhigen Zeiten für Sicherheit und ihre schützende Hand stand, nervte nur noch.

"Ich sehe nicht, was wir anders machen sollten", sagte sie nach der Bundestagswahl 2017, als die Union krachend verloren hatte. Sie schien sehr weit weg damals. Ein Jahr später leitete sie mit der Abgabe des CDU-Vorsitzes ihren Rückzug ein.

Doch im Rückblick fällt einem natürlich einiges Positive ein. Ihr trockener Humor zum Beispiel. Gelegentlich, in verschwiegenen Runden, konnte man ihr nahekommen.

Ihre Einschätzungen der politischen Mitbewerber waren die reinsten Kabarettnummern. Alle lachten, nicht nur aus Höflichkeit. Öffentlich hat sie im Jahr 2013 mal über ihren späteren Koalitionspartner gesagt: "Gott hat die FDP vielleicht nur geschaffen, um uns zu prüfen."

Fähigkeiten wie ein Kamel

Das Lachen verging einem ab 2015, als Merkel bei Wahlkampfveranstaltungen, vor allem im Osten Deutschlands, immer stärker beschimpft wurde. Ein menschliches Gesicht gegenüber den vielen Flüchtlingen gezeigt zu haben zählt zu ihren größten Vermächtnissen. Aber sie hat ihre Politik nicht ausreichend erklärt, und das rächte sich.

Oft war da die Frage: "Wie hält diese Frau den Hass und die Pfiffe aus?" So etwas kann nicht spurlos vorübergehen. Überhaupt: 16 Jahre Kanzlerschaft mit all den Krisen, wie steht man so etwas durch? Manchmal war Merkel während der Reden anderer im Bundestag oder bei Veranstaltungen dem Schlaf nahe. Vom Stuhl gekippt ist sie nie.

"Ich habe gewisse kamelartige Fähigkeiten. Ich habe eine gewisse Speicherfähigkeit. Aber dann muss ich mal wieder auftanken", sagte sie selbst über ihr Schlafmanagement.

Sie hat übrigens, bei einem Livetalk mit der Zeitschrift Brigitte, auch alle eines Besseren belehrt, die dachten, Merkel sei unprätentiös und nicht so sehr aufs Äußere bedacht. Ihre Worte: "Klar bin ich eitel, man möchte ja keine Zumutung für sein Gegenüber sein."

Und jetzt sind es nur noch wenige Stunden, dann ist Merkel weg. "Kanzlerin Merkel" werde ich nicht mehr tippen, stattdessen "der neue deutsche Bundeskanzler Scholz" schreiben. Natürlich wird es funktionieren. Aber es wird verdammt schwierig werden. (Birgit Baumann, 4.12.2021)