Papst Franziskus besuchte am Sonntag unter anderem das Camp Kara Tepe in Mytilene.

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Franziskus ist am Sonntagvormittag in Lesbos angekommen. Auf der Insel begab er sich umgehend zum Camp Kara Tepe in Mytilene, wo derzeit rund 2.500 Menschen in Containern leben. Bei seiner Ankunft begrüßte der Papst Flüchtlinge und Migranten, die hinter einem Absperrgitter auf ihn gewartet hatten. "Ich bin hier, um euch zu sagen, dass ich euch nahe bin", sagte das 84-jährige Oberhaupt der katholischen Kirche. "Ich bin hier, um eure Gesichter zu sehen und euch in die Augen zu schauen. Es sind Augen voller Angst und Erwartung, Augen, die Gewalt und Armut gesehen haben, Augen gerötet von zu vielen Tränen."

Es handelte sich bereits um den zweiten Besuch des Papstes auf Lesbos: Im April 2016 hatte Franziskus das Lager Moria besucht, das im September letzten Jahres abgebrannt ist. Bereits damals hatte der Papst die europäische Flüchtlingspolitik angeprangert, die vor dem Elend und der Not der Migranten die Augen verschließe. Das Lager Moria, in dem unhaltbare Zustände geherrscht hatten, war zum Symbol des humanitären Versagens der EU geworden. In der Nachfolgestruktur leben nun deutlich weniger Menschen in leicht verbesserten hygienischen Zuständen.

Mittelmeer als "kalter Friedhof ohne Grabsteine"

Gar nichts verbessert hat sich auf europäischer Ebene. Er müsse "mit Bitternis" feststellen, dass sich seit seinem letzten Lesbos-Besuch vor fünf Jahren in der Flüchtlingsfrage "nicht viel bewegt hat", sagte der Papst. Noch immer gebe es in Europa "Leute, die so tun, als ginge sie dieses Problem nichts an". Derweil werde das Mittelmeer, das Jahrtausende lang unterschiedliche Völker verbunden habe, "zu einem kalten Friedhof ohne Grabsteine", zu einem "Spiegel des Todes". Und es sei auch "traurig, wenn als Lösung vorgeschlagen wird, mit gemeinsamen Geldmitteln Mauern zu bauen", erklärte der Papst unter Anspielung auf das, was derzeit an der EU-Ostgrenze passiert. "Ich bitte euch, lasst uns diesen Schiffbruch der Zivilisation stoppen!"

Vor seinem Besuch auf Lesbos hatte das Kirchenoberhaupt auf seiner fünftägigen 35. Auslandreise bereits Station auf Zypern und in Athen gemacht. Auf der seit 1974 geteilten Insel Zypern werden derzeit wieder – wie in Polen an der Grenze zu Belarus – auf EU-Gebiet Stacheldrahtzäune und Mauern zur Abwehr der Flüchtlinge errichtet. Er könne dazu nicht schweigen, erklärte der Papst in Nikosia: "Es sind Stacheldrahtzäune, die auch viele Herzen umgeben." Das, was heute geschehe, erinnere ihn an die Konzentrationslager des letzten Jahrhunderts.

Kaum Flüchtlinge verteilt

Auf Eis gelegt sind derzeit auch die Bemühungen um eine solidarische Verteilung der ankommenden Flüchtlinge unter den EU-Staaten. Im September 2019 hatte sich in Malta erstmals eine Staatengruppe in der EU auf eine freiwillige Verteilung von Migranten geeinigt – in der "Koalition der Willigen" befanden sich unter anderem Deutschland und Frankreich. Die Bilanz nach eineinhalb Jahren Pandemie ist ernüchternd, wie das Beispiel von Italien zeigt: Von den rund 100.000 Flüchtlingen, die in den vergangenen drei Jahren in Italien gelandet sind, konnten bis Ende November dieses Jahres gerade einmal 1.209 auf andere EU-Länder verteilt werden.

Solidarischer zeigt sich diesbezüglich der Papst: Vor fünf Jahren hatte Franziskus eine Reihe von Flüchtlingen – vorwiegend syrische Muslime – von Lesbos mit nach Rom genommen; sie leben jetzt in Italien, wo sich die eng mit dem Vatikan verbundene katholische Gemeinschaft Sant'Egidio um sie kümmert. Dem Vernehmen nach wollte Franziskus diese Geste, die 2016 für viel Aufsehen gesorgt hatte, bei seinem neuen Besuch wiederholen. Diesmal sollen im Nachgang zur Papstreise etwa 50 syrische Flüchtlinge aus Zypern nach Rom ausreisen können. Die Regierung in Nikosia hatte dies vergangene Woche bestätigt; der Vatikan kommentierte die Meldung bisher nicht. (Dominik Straub aus Rom, 5.12.2021)