Eine Teststation in Durban, Südafrika. Das Land erlebt derzeit einen bislang beispiellosen Anstieg von Neuinfektionen.

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Die Hoffnung, dass die Corona-Pandemie zu einem baldigen Ende kommen könnte, stellt sich zunehmend als unbegründet heraus. Erste Erfahrungen mit der neuen Omikron-Variante in Südafrika legen nahe, dass die neue Erscheinungsform des Virus äußerst ansteckend ist und auch in anderen Teilen der Welt die Delta-Version verdrängen wird, die derzeit 99 Prozent der weltweiten Neuinfektionen ausmacht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hatten gehofft, dass die Pandemie mit der Delta-Variante ihren Zenit erreicht haben und allmählich unter Kontrolle gebracht werden könnte. Diese Erwartung droht das hochansteckende Virus der Omikron-Klasse nun zunichte zu machen.

Südafrika, wo Mitte vergangenen Monats die ersten Exemplare des neuen Erregertyps nachgewiesen wurden, erlebt derzeit einen bislang beispiellosen Anstieg von Neuinfektionen. Während Mitte November noch täglich rund 260 neue Covid-Fälle registriert wurden, waren es am Samstag mehr als 16.000. In der vergangenen Woche stieg die Rate um durchschnittlich über 20 Prozent am Tag – der Beginn der vierten Welle am Kap der Guten Hoffnung. Im Zentrum des Viren-Sturms, der Gauteng-Provinz mit den beiden Metropolen Johannesburg und Pretoria, habe sich die Omikron-Variante bereits als dominant erwiesen, teilte die Gesundheitsbehörde in der Provinz mit.

Bei dem neuen Erregertyp handele es sich um die sich "am schnellsten verbreitende Variante, die Südafrika je erlebt hat", sagt der Virologe Tulio de Oliveira, der an der Identifizierung Omikrons maßgeblich beteiligt war. Mitte dieses Jahres war die dritte Pandemie-Welle von der Delta-Variante angefeuert worden, im Zentrum der zweiten Welle stand Anfang des Jahres die ebenfalls in Südafrika zuerst nachgewiesene Beta-Variante. Gegenüber der BBC sagte Angelique Coetzee, Vorsitzende der Medizinischen Vereinigung des Landes, Omikrons R-Faktor werde auf 6,3 geschätzt. Dieser lag bei der Delta-Variante auf über 5. Der Faktor gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Forscherinnen und Forscher halten es für wahrscheinlich, dass Omikron bereits in wenigen Monaten auch in Europa dominant sein wird. Schon jetzt wurde die Variante in 25 Staaten auf sechs Kontinenten nachgewiesen.

Genesene betroffen

Sorge macht den südafrikanischen Fachleuten auch die Tatsache, dass eine frühere Covid-Ansteckung offenbar kaum vor einer Infektion mit Omikron schützt. Es gebe Hinweise, dass das rund 50-fach mutierte Virus "die Fähigkeit habe, eine von früheren Infektionen gewonnene Immunität zu umgehen", zitiert die "New York Times" aus einer bisher nicht veröffentlichten Studie. Anne von Gottberg, Mikrobiologin an Südafrikas Institut für Ansteckungskrankheiten bestätigt: "Während vorige Infektionen vor einer Ansteckung mit der Delta-Variante schützten, scheint dies bei Omikron nicht der Fall zu sein."

Bislang noch offen ist die Frage, wie der neue Viren-Typ auf Impfstoffe reagiert. Es sei "unwahrscheinlich", dass die derzeit im Umlauf befindlichen Vakzine einen 80-prozentigen Schutz vor einer Infektion böten, sagte der Direktor des Afrikanischen Zentrums für Krankheitskontrolle, John Nkengasong: "Aber sie werden gewiss nicht wirkungslos sein." Wendy Burgers, Immunologin an der Universität von Kapstadt geht angesichts der Mutationen Omikrons davon aus, dass der Schutz durch Antikörper zwar geschwächt sein werde, dass die durch die Vakzine gestärkten T-Zellen jedoch weiterhin ihre Funktion ausüben. Zumindest würden Geimpfte vor einem lebensgefährlichen Krankheitsverlauf geschützt, sagte Biontech-Chef Uğur Şahin der Nachrichtenagentur Reuters. Eine Nachbesserung bisher üblicher Vakzine zum Schutz vor der Omikron-Variante wird nach Angaben von Fachleuten mehrere Monate dauern.

Noch kein nachgewiesener Todesfall

Klar ist bislang auch nicht, ob der von Omikron ausgelöste Krankheitsverlauf glimpflicher als der von vorigen Varianten verläuft. Bisher sei noch kein Todesfall eines Omikron-Infizierten bekannt geworden, teilte die WHO mit. Mit der jüngsten Variante angesteckte Patienten klagen offenbar eher über übliche Grippe-Anzeichen wie Halsschmerzen oder Husten und nicht über typische Covid-Symptome wie den Verlust des Geruchs- und des Geschmacksinns, heißt es in Johannesburg.

Schließlich ist auch die Frage noch ungeklärt, ob Kinder von Omikron besonders gefährdet werden. Krankenhäuser in der Gauteng-Provinz hatten vor wenigen Tagen einen starken Anstieg an eingelieferten Kindern gemeldet: Von mehr als 1.500 hospitalisierten Covid-Erkrankten seien 113 unter neun Jahre alt, teilte Ntsakisi Maluleke, Expertin für öffentliche Gesundheit, mit. Keines der Kinder befinde sich in Lebensgefahr. (Johannes Dieterich aus Johannesburg, 5.12.2021)